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Kultur

Istanbul – ein kreatives Pflaster für Musiker

Der Musiker Ulrich Mertin beschreibt den Sog der Megacity: Vom Abenteuer Istanbul, elektronischen Clubsounds und der Gründung seines preisgekrönten Kammermusik Ensembles Hezarfen.

Der Autor Ulrich Mertin ist ein Wanderer zwischen den Welten, im Leben wie in seiner Arbeit. Als Musiker schlägt er Brücken von klassischer Musik bis hin zur elektronischer Clubmusik. Als Direktor des preisgekrönten Hezarfen Ensemble liegt sein Hauptaugenmerk auf der Förderung zeitgenössischer Kunst in der Türkei. In seinem Beitrag für den deutsch-türkischen Kulturtreffpunkt beschreibt Mertin den künstlerischen und interkulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident.

Mein Abenteuer Istanbul war von Anfang an eine Herzensangelegenheit. Wenn das Herz der Reiseführer deines Lebens ist, dann besitzt jede Reise eine unvorhersehbare Tiefe, Intensität und Richtung. Zunächst war mein Türkeibild, wie für so viele, in erster Linie durch die Kreuzberger und Neuköllner Kultur in Berlin geprägt. Auch meine Familie war schon "getürkt". Aber von Istanbul bzw. der Türkei wusste ich nichts, hatte nur Ideen, Fantasien, vage Vorstellungen. Ich näherte mich der Stadt zwischen 2007 und 2009 in mehreren Etappen, bereiste Istanbul als staunender Tourist, berauschte mich an diesem nicht zu beschreibenden Moloch.

Musiker Ulrich Mertin. Copyright Mertin.

Violonist Ulrich Mertin

Wie von einer riesigen pulsierenden Energieglocke umhüllt, vibrierte und pulsierte Istanbul in einem aberwitzigen und nicht nachlassenden Tempo. Sobald ich den Flughafen verließ, fühlte ich mich jedes Mal wie unter Starkstrom gesetzt, euphorisiert und motiviert. Trotz, oder vielleicht wegen, der riesigen Dimension dieser Megacity, dieser vielen Millionen Menschen, fühlte ich mich vom ersten Tag an heimisch. Mit jedem weiteren Besuch erhöhte sich ein tiefsitzendes Verlangen, Istanbul und die Kultur der Stadt zu erforschen.

Der Rhythmus der Stadt und der elektronischen Musik

Nach einer langen Fernbeziehungsperiode zwischen Berlin und Istanbul entschloss ich mich Ende 2008 zu einem radikalen Schritt. Ich nahm mir eine Auszeit vom Leben eines Wandermusikers und zog dahin, wo sich mein Herz bereits heimisch fühlte. Ich kam ohne große Erwartungen oder Vorstellungen. Ich wollte vor allem die türkische Kultur, Musik, Menschen, Geschichte, Architektur, Essen, Lifestyle entdecken und erfahren. Natürlich hatte ich mir als guter Deutscher im Vorfeld Gedanken über meine beruflichen Möglichkeiten in der Türkei gemacht.

So hatte ich schon seit längerem den Wunsch in die elektronische Club-Music Szene einzutauchen. In einem der beeindruckendsten Clubs von Istanbul, dem 360Istanbul, traf ich auf DjFilth, einem durchgeknallten Meister der Turntables, mit dem ich sofort anfing, mehrere Shows für 360Istanbul zu konzipieren und performen.

Während der Proben zu einer Barockshow für den Valentinstag 2009 hatte ich ein Erlebnis, welches die Inspiration Istanbuls und ihre Wirkung auf mich gut wiedergibt. In einer Pause stand ich auf der Terrasse mit diesem unglaublichen Panoramablick über Istanbul. Im Hintergrund hämmerten die Tech-House Beats. Ich betrachtete gerade rechter Hand die katholische Basilika Saint-Anton, als die Muezzine ihr Nachmittagsgebet starteten, untermalt von einem unmittelbar einsetzenden Orchester, welches Beethovens 5. Klavierkonzert, 2. Satz probte. Diese Collage von bekannten Elementen in unkonventioneller Anordnung birgt ein großes kreatives Potenzial, was jedem Menschen, dem ich hier bisher begegnete, quasi aus den Poren tropft.

Hezarfen Ensemble – Aufbruch zu neuen Horizonten

Ulrich Mertin und sein Hezarfen Ensemble. Copyright Mertin.

Ulrich Mertin und sein Hezarfen Ensemble

Schon länger schlummerte die Idee für die Gründung eines türkischen Solistenensembles für zeitgenössische Musik- und interkulturelle Austauschprojekte in mir. Ende 2007 traf ich Michael Ellison, einen amerikanischen Komponisten, der zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren in Istanbul lebte und lehrte. Nach fünf Minuten war klar: Wir teilten viele Ideen und Ideale. Über den Zeitraum von fast zwei Jahren planten und konzipierten wir das Hezarfen Ensemble. Es wurden mehrere Gespräche mit verschiedenen Organisationen geführt, um etwaige Sponsoren zu finden. Schnell war klar, die Idee eines türkischen auf zeitgenössische Musik spezialisierten Ensembles stieß bei vielen Geldgebern eher auf Vorbehalte als auf Begeisterung - so etwas kannte man bisher nicht. Somit entschieden wir uns, mit eigenen Mitteln, tatkräftiger Unterstützung anderer Musiker und einer großen Portion Idealismus das Abenteuer Hezarfen Ensemble zu starten.

Benannt nach Hezarfen Ahmed Celebi, dem berühmten osmanischen Luftfahrtpionier, der im 17. Jahrhundert mit zwei selbstkonstruierten Flügeln den Bosporus überquerte, verdeutlicht der Name den Wunsch nach neuen Horizonten, neuen Perspektiven und grenzüberschreitenden Erfahrungen in der Arbeit des Ensembles.

Gleichzeitig ermöglichte uns diese Ausgangssituation aber auch eine völlig unabhängige Arbeitsweise und Konzeptionierung, ohne Einflussnahme potentieller Geldgeber. In einem wirtschaftlich orientierten Land wie der Türkei ein nicht unbedeutender Aspekt für befriedigende künstlerische Arbeit.

Pionierarbeit eines unabhängigen Ensembles

Für die Realisierung der Projekte im ersten Jahr mussten wir teilweise große Überzeugungsarbeit leisten. Zu groß die Angst vor leeren Sälen, wer sollte sich so eine Musik anhören? Jedoch, alle unsere Konzerte in Istanbul waren ausverkauft. Langsam öffneten sich mehr Türen, Einladungen ins Ausland und auf die wichtigsten Musikfestivals der Türkei folgten. Der Höhepunkt der noch jungen Geschichte des Hezarfen Ensembles war zweifelsohne der Gewinn des Donizetti Klasik Müzik Ödülleri 2012 als „Bestes Kammermusik Ensemble 2012“.

Als erstes unabhängiges professionelles Ensemble für neue Musik in der Türkei ist die Arbeit von Hezarfen Ensemble in vielen Bereichen Pionierarbeit. So war und ist die Zusammenarbeit in einer Gruppe mit basisdemokratischen Strukturen, in denen jedes Mitglied eine Stimme hat, eine Herausforderung für viele türkischen Musiker die zum ersten Mal mit Hezarfen Ensemble arbeiten. Ist die Türkei doch ein in allen Bereichen grundsätzlich sehr hierarchisch aufgebautes Land.

"Tesekkürler Kemanci, basimin taci" rufen sie immer (wörtlich: "Geiger, du bist die Krone auf meinem Kopf." Mit diesem türkischen Sprichwort bringt man die Wertschätzung für jemanden zum Ausdruck, Anm. d. Red.). Ich bin der "Kemanci" ("Geiger", Anm. d. Red.), für die Kellner in den Restaurants, für die Bodyguards in den Clubs, für die Taxifahrer, wenn sie Trinkgeld erhalten.