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Kultur

Ist Nepals Welterbe zu retten?

Die UNESCO will die zerstörten Kulturschätze wieder aufbauen. Doch hat sie dafür überhaupt die Gelder? Und macht es überhaupt Sinn Tempel und Paläste in einer Erdbebenregion zu rekonstruieren?

Mit 61,88 Metern Höhe hat er Kathmandu überragt. Unzählige Touristen haben die Wendeltreppe des Dharahara-Turms bestiegen und von der Aussichtsplattform weit oben Fotos von diesem mythisch aufgeladenen Ort voller Kultstätten gemacht. Den Turm gibt es nicht mehr. Allein ein Steinhaufen ist nach dem verheerenden Erdbeben vom 25. April übrig geblieben. Aus den Trümmern wurden mehr als 60 Tote geborgen.

Der Durbar-Platz galt als einer der schönsten Plätze Nepals. Vor dem einstigen Königspalast gelegen, umgaben ihn mehr als 50 Pagoden, Tempel und Paläste - diese wiederum voller Holzschnitzereien und anderer Kunstwerke. Auch der Durbar-Platz ist kaum wiederzuerkennen, ähnlich wie die meisten der insgesamt sieben Stätten am Fuße des Himalaya, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

"Etwa 60 Prozent des Welterbes ist zerstört", sagt Christian Manhart von der UNESCO-Division Nepal. Im

DW-Interview

spricht er von "dramatischen Schäden". Und diese betreffen keineswegs nur die offiziellen Welterbestätten. Die Liste der zerstörten Denkmäler ließe sich endlos fortführen, denn in Nepal standen vor dem Erdbeben hunderte. Dort flanierten nicht nur Touristen, die Tempel gehörten zum spirituellen Alltag der Nepalesen.

Nepal Kathmandu Starkes Erdbeben Bhimsen Tower

Der Dharahara-Turm vor dem Erdbeben.

"Die Götter sind an jeder Straßenecke präsent"

"Die meisten Menschen gehen mindestens ein Mal am Tag in den Tempel", berichtet Manhart, der seit acht Monaten in Kathmandu lebt, "um Gaben darzubringen, zum Beispiel Lebensmittel oder Reis". Er befürchtet: "Wenn dieser materielle Ausdruck der Kultur und Tradition verloren geht, dann besteht ein großes Risiko, dass auch die immaterielle Kultur verlorengeht."

"Diese Menschen leben nicht mit fernen Göttern, die, wenn überhaupt, im Himmel existieren", erklärt Niels Gutschow, Professor am Südasieninstitut Heidelberg, "sondern sie leben mit Göttern, die an jeder Straßenecke präsent sind und in lebendiger Form auftreten. Man kann sie berühren, man kann sie hören, wenn sie ihre Zimbeln schlagen. Die Götter kommen zu den Menschen, das ist das Besondere dieser Stadtkultur in Kathmandu".

Nepal Kathmandu Starkes Erdbeben Darahara Tower

Vom Dharahara-Turm ist nach dem Erdbeben kaum noch etwas übrig geblieben.

Anders als in anderen Religionen, stellten die Statuen in Nepal, wo die Religion mit den Begriffen Hinduismus und Buddhismus nur unzureichend beschrieben werde, die Götter nicht dar, sondern sie seien die Götter. "Deswegen haben sich die Menschen auch sofort um die Tempel gekümmert und versucht zu retten, was zu retten war", berichtet Gutschow.

Diesem Beispiel müsse man nun folgen und versuchen, das Bild der Städte Nepals so bald wie möglich wieder herzustellen. Darin sind sich Bauhistoriker Gutschow und UNESCO-Vertreter Manhart einig. Der eine aber ist optimistisch, der andere eher Pessimist.

Was wird aufgebaut und woher soll das Geld kommen?

Das Team der UNESCO in Kathmandu um Christian Manhart ist in einer ersten Phase dabei die Schäden zu dokumentieren, um dann - in Phase zwei - zunächst jene Gebäude zu retten, die zwar noch stehen, aber einzustürzen drohen. In einer dritten Phase soll es dann um den Wiederaufbau vollends zerstörter Welterbestätten gehen. Das könnte hunderte Millionen Euro kosten, schätzt er.

Screenshot Facebook Kathmandu Valley Preservation Trust

Die Arbeiten des Kathmandu Valley Preservation Trust haben in Patan begonnen. Der Schutt ist weggeräumt, die Gottheit steht wieder unter freiem Himmel.

"Die UNESCO hat ja selbst gar kein Geld", sagt Niels Gutschow. "Sie kann auch nur versuchen, so viele Länder wie möglich dazu zu bewegen, Gelder in einen Trustfund zu geben." Der Bauhistoriker ist skeptisch, was den Wideraufbau in Nepal angeht. Er vermutet, die UNESCO werde, wenn überhaupt, nur jene Monumente anfassen, die mit dem Weltkulturerbestatus ausgezeichnet sind. Das reiche kulturelle Erbe Nepals reiche aber viel weiter als das Ensemble von sieben Orten, die von der UNESCO seit 1956 gelistet sind.

Mit dem in New York ansässigen

Kathmandu Valley Preservation Trust

will er einen Tempel aus dem 16. Jahrhundert in Patan wiederaufbauen, der beim Erdbeben fast komplett zerstört wurde. 80.000 Euro haben sie schon zusammen, die Spendenbereitschaft nach der Katastrophe ist groß. Das bestätigt auch eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). Allein bei den acht großen Hilfswerken und Aktionsbündnissen in Deutschland seien seit dem 25. April über 27 Millionen Euro Spenden eingegangen. Bei der Frage, wie sehr dies auch nachhaltig wirke ist Gutschow eher pessimistisch: “Wir betteln ja schon seit Jahren um Gelder, aber jetzt sind das völlig andere Dimensionen. Es ist mir völlig unklar, wo plötzlich all die Gelder herkommen sollen.“

Das nächste Erdbeben wird kommen

Sollten Gelder zur Verfügung stehen, stellt sich die nächste Frage: Kann so gebaut werden, dass die rekonstruierten Tempel einem nächsten Beben standhalten? Niels Gutschow ist überzeugt, dass dies geht. Er kann dies auch beweisen. 1974 wurde in Bhaktapur ein Tempel wiederaufgebaut, der beim letzten verheerenden Beben von 1934 völlig zerstört worden war. Die Gelder hatte damals Bundeskanzler Kohl "im Namen des deutschen Volkes" überbracht. Ein Darmstädter Ingenieur hatte die Rekonstruktion daraufhin so berechnet, dass der neue Tempel jedem Erdbeben standhalten würde. "Der Tempel steht heute ohne dass eine einzige Dachziegel gefallen ist", berichtet Gutschow. "Das geht." Nur verstoße dies natürlich gegen die historische Bauweise und dagegen habe sich die nepalesische Denkmalschutzbehörde in der Vergangenheit immer gewehrt.

Im Juni will er einen deutschen Ingenieur nach Nepal schicken, um erste statische Entwürfe für den Tempel in Patan auszuarbeiten. Auch die UNESCO will mit Teams untersuchen, wie erdbebensicher gebaut werden kann. Der Dharahara-Turm war übrigens auch schon einmal, beim Erdbeben von 1934, völlig zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut worden. Er gehört nicht zum Weltkulturerbe, er ist kein religiöser Tempel. Aber er galt als eines der Wahrzeichen von Kathmandu. Vielleicht wird er wieder aufgebaut. Vielleicht hält er bei einem nächsten Erdbeben stand. "Denn", so Christian Manhart, "es wird ganz sicher wieder ein großes Beben in Nepal geben".

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