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Amerika

Ist Gott ein Brasilianer?

Erstmals besteht die realistische Chance, dass ein Brasilianer neuer Papst wird. In der Debatte spiegelt sich zugleich die Sehnsucht nach Aufbruch im größten katholischen Land der Welt.

Papst Benedikt XVI. 2007 in Brasilien (Foto: GettyImages)

Papst Benedikt XVI. 2007 in Brasilien

"Wir sind Papst" - Mit diesen Worten würden die Südamerikaner zu gerne den neuen Pontifex beim bevorstehenden Weltjugendtag in Rio de Janeiro begrüßen. Schon jetzt steht fest: Die erste Auslandsreise des Kirchenoberhauptes führt in die Metropole am Zuckerhut, wo vom 23. bis 28. Juli rund zwei Millionen Gläubige zusammenkommen werden.

Ist Gott also ein Brasilianer, wie der berühmte Film des Regisseurs Carlos Diegues vor zehn Jahren suggerierte? Der Filmtitel scheint vielen aus der Seele zu sprechen. Sowohl in der brasilianischen Bischofskonferenz als auch im Präsidialamt wächst die Sehnsucht nach einem "Latino" auf dem Heiligen Stuhl.

"Die Kirche muss nicht mehr von einem Europäer angeführt werden", stellte der Vorsitzende der brasilianischen Bischofskonferenz, Raymundo Damasceno Assis, in der brasilianischen Tageszeitung "O Globo" klar. "Warum", so Assis, "sollte der Heilige Geist nicht auf einen Anführer aus einem anderen Kontinent zeigen?"

Das sieht man in der Hauptstadt Brasília genauso. "Es wäre sehr schön, wenn der neue Papst Brasilianer wäre", erklärte der Chef des Präsidialamtes, Gilberto Carvalho jüngst gegenüber der brasilianischen Presse. "Welches Land würde nicht gerne einen seiner Staatsbürger in so einem wichtigen Amt vertreten sehen?", fragte Carvalho, selbst überzeugter Katholik.

Akzente aus Lateinamerika

An mangelndem Selbstbewusstsein fehlt es in dem aufstrebenden Schwellenland zurzeit nicht. Weltjugendtag, Fußballweltmeisterschaft und olympische Spiele - warum sollte der Marathon der bevorstehenden Großveranstaltungen in Brasilien nicht mit der Wahl eines Brasilianers zum Papst gekürt werden?

Pirmin Spiegel (Foto: MISEREOR)

Misereor-Geschäftsführer Pirmin Spiegel wünscht sich einen "Papst aus dem Süden"

"Ich habe die lateinamerikanische, und insbesondere die brasilianische Kirche schon immer als sehr selbstbewusst erlebt", bestätigt Pirmin Spiegel, Geschäftsführer des bischöflichen Hilfswerkes Misereor. Die großen lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in Medellin, in Puebla, hätten jeweils eigene Akzente gesetzt. Spiegel, der 15 Jahre als Missionar in Brasilien lebte, wünscht sich ebenfalls einen nichteuropäischen Pontifex. "Es wäre sicherlich ein wichtiges Zeichen, wenn der kommende Papst aus dem Süden käme", meint er. Viele Projektpartner wünschten sich einen Lateinamerikaner, der die Wirklichkeit des Kontinents kenne.

Rein rechnerisch gesehen ist die Möglichkeit, dass aus dem Konklave ein brasilianischer Pontifex hervorgeht, gering. Von den 117 wahlberechtigten Kardinälen stammen nur fünf aus Brasilien, obwohl dort rund 125 Millionen Katholiken leben. Die USA mit knapp 70 Millionen Katholiken, darunter viele lateinamerikanische Immigranten, kommen auf elf Purpurträger. Die große Mehrheit der Kardinäle, 61, stammt aus Europa.

Dennoch gehört ein Brasilianer, der Erzbischof von Sao Paulo, Odilo Pedro Scherer, zu den fünf Favoriten im Konklave. Der 65-Jährige stammt aus einer deutschen Auswandererfamilie und wurde 2001 noch von Papst Johannes Paul zum Weihbischof in der Metropole Sao Paulo ernannt. Sechs Jahre später weihte Benedikt ihn zum Erzbischof. In seiner Heimat Brasilien gilt Scherer als Konservativer, der gegen Werteverfall und gleichgeschlechtliche Partnerschaften kämpft. In Rom hingegen genießt er den Ruf, moderat und offen zu sein.

Kardinal Odilo Pedro Scherer (Foto: picture-alliance/dpa)

Der Erzbischof von Sao Paulo, Kardinal Odilo Pedro Scherer, gehört zu den Favoriten bei der Papstwahl

Hinter der Sehnsucht nach einem brasilianischen Papst verbirgt sich in Wirklichkeit die große Distanz vieler brasilianischer Katholiken gegenüber Benedikt. "Die Kurie in Rom lebt in einer völlig anderen Welt", meint Pfarrer João de Deus de Carvalho Leal, der auf Einladung der Hilfsorganisation Adveniat in Deutschland von seinem Leben im Nordosten Brasiliens berichtete. "Lediglich der Glaube verbindet uns, aber sonst haben wir keine Sehnsucht nach Benedikt", fügt er hinzu.

Für den Pfarrer aus der kleinen Stadt Oeiras im nordöstlichen Bundesstaat Piaui gehören Evangelium und Armutsbekämpfung zusammen. Seelsorge und soziale Arbeit bestimmen seinen Alltag in einer der ärmsten Regionen Brasiliens. "Der katholische Glaube darf keine Ansammlung von Prinzipien und Dogmen sein", stellt Joao de Deus klar. "Die Wiederholung von Verboten, das ist es nicht, was wir von der Kirche erwarten".

Die Entfremdung vieler Brasilianer von der kaholischen Kirche schlägt sich in der Statistik nieder. Nach Angaben des brasilianischen Statistikamtes IBGE ging der Anteil der Katholiken an der brasilianischen Bevölkerung zwischen den Jahren 2000 und 2010 von 74 Prozent auf 64 Prozent zurück. Evangelikale Freikirchen und Pfingstgemeinden steigerten ihren Anteil im gleichen Zeitraum von 15 Prozent auf 22 Prozent.

'Marsch für Jesus' in Sao Paulo mit 1,5 Teilnehmern (Foto: dpa)

Evangelikale Konkurrenz: Beim "Marsch für Jesus" an Pfingsten gehen mehr als 1,5 Millionen Menschen mit

Mangel an Berufungen

"Die Spiritualität der Pfingstgemeinden hat viele Menschen angezogen", bestätigt Schwester Elizete Dia da Silva. "Der Mangel an Berufungen mache sich in allen Orden bemerkbar", meint die Missionarin von den "Dienenden Schwestern der Heiligen Familie". "Alles ist weniger geworden". Elizete Dia da Silva hofft darauf, dass der nächste Papst "ein echter Hirte" ist und sich insbesondere für die Armen einsetzt.

Während Ordensschwestern wie Elizete da Silva in Brasilien als "Hebammen der Kirche" hoch geschätzt werden, sind Priester in vielen Gegenden des riesigen Landes Mangelware. "Die große Mehrzahl der Gemeinden hat keine Eucharistiefeier am Sonntag", weiß Pirmin Spiegel, obwohl dies für die katholische Kirche ein zentraler Punkt sei. Wie viele Geistliche in Lateinamerika fordert auch Spiegel, Frauen in der katholischen Kirche mehr Rechte einzuräumen und "beim Zugang zum Priestersein neue Wege zu entdecken".

Nicht nur in Europa, sondern auch in Lateinamerika scheint der Bedarf an Reformen also groß. Viele Basisgemeinden hoffen bereits auf eine Wiederbelegung der Befreiungstheologie, die in den beiden letzten Pontifikaten stark an den Rand gedrängt wurde. Misereor-Chef Spiegel ist überzeugt: "Solange Menschen in Entwürdigung und Ausgrenzung leben, wird Befreiungstheologie immer aktuell sein, auch wenn sie einen anderen Namen haben sollte".

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