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Wirtschaft

Ist Fußball-Fieber ansteckend?

Zum Auftakt der Europameisterschaft gibt es neue Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Fußball und Konsum. Profitiert der Handel, wenn die Nationalmannschaft siegt?

Der Zauber des "Sommermärchens" 2006, der WM-Sieg der deutschen Mannschaft in Rio 2014 - haben solche Ereignisse eine Wirkung, die über den Sport hinausreicht? Schauen Menschen positiver in die Zukunft, konsumieren sie mehr, wenn das eigene Team erfolgreich ist?

Solche Fragen werden Ökonomen und Statistikern regelmäßig gestellt, oft von Journalisten. Bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), dem größten deutschen Marktforschungsinstitut, hält man solche Fragen zumindest nicht für abwegig.

"Es heißt ja, Wirtschaft sei zu 50 Prozent Psychologie", sagt Rolf Bürkl, der bei der GfK monatlich die Stimmung der Verbraucher misst. "Stimmungen haben einen wichtigen Einfluss auf das Konsumverhalten."

Es liege daher nahe, einen positiven Einfluss von Fußball-Großereignissen zu vermuten, so Bürkl. Also nahm er sich sein Zahlenmaterial der vergangenen 15 Jahre vor und suchte nach Auffälligkeiten während der Europa- und Weltmeisterschaften. Er fand - nichts.

"Keinerlei Zusammenhang"

"Eine Hochstimmung, die aufgrund eines guten Abschneidens der Nationalmannschaft entsteht, überträgt sich nicht auf die Verbraucherstimmung", sagt Bürkl. "Hier gibt es keinerlei Zusammenhang."

So sank beispielsweise die Anschaffungsneigung der Deutschen im Juni 2008, als die Nationalmannschaft das EM-Finale gegen Spanien erreichte, um 40 Indexpunkte gegenüber April 2008. Und nach dem Gewinn der WM in Brasilien wurde die Konjunkturentwicklung deutlich schlechter eingeschätzt als im April 2014.

"Die Verbraucher können sehr wohl unterscheiden zwischen der wirtschaftlichen Stimmung und der Euphorie durch sportliche Erfolge", sagt Bürkl.

Symbolbild Bratwurst auf Grill

Haben einen festen Platz im Fußball-Warenkorb der GfK: Grillwürstchen

Aber vielleicht geben die Bürger ja trotzdem mehr Geld aus während eines Turniers? Dieser Frage ging Bürkls Kollege Wolfgang Adlwarth nach und entwickelte eigens einen Fußball-Warenkorb. "Da sind Güter des täglichen Bedarfs drin, die typischerweise zu Fußball-Großereignissen nachgefragt werden", erläutert Adlwarth. Konkret: Snacks, Würstchen, Grillzubehör und Getränke, darunter auch Bier.

Grillen im Sommer

Die Statistiker untersuchten dann, ob sich diese Waren während eines Fußballturniers besser verkaufen als im fußballfreien Zeitraum des Vorjahres – und wurden fündig.

"Wir konnten einen Effekt von ungefähr acht Prozent mehr Konsum feststellen", sagt Adlwarth über den Juni 2014. Im zweiten WM-Monat, das Finale fand Mitte Juli statt, war der Effekt jedoch komplett verpufft. Regen und Gewitter machten den Grillfreunden einen Strich durch die Rechnung, und die Produkte im Fußball-Warenkorb wurden zu Ladenhütern.

Anders bei der WM 2006 in Deutschland. "Damals hatten wir ein Bombenwetter, und es gab ein zweistelliges Wachstum", sagt Adlwarth.

Die Erkenntnis, dass Fußballfans bei schönem Wetter gerne grillen, reißt wohl niemanden vom Hocker. Die GfK-Forscher untersuchten daher zusätzlich den Verkauf von TV-Geräten. Für diese Warengruppe wird oft eine "Sonderkonjunktur" durch Fußball vermutet, da Fans die Spiele gerne auf großen und hochauflösenden Bildschirmen verfolgen.

Keine Sonderkonjunktur

Tatsächlich werden rund drei Wochen vor einer WM oder EM deutlich mehr Fernseher verkauft. Zur WM 2010 in Südafrika stieg der Absatz um fast 50 Prozent, und selbst während eines Turniers zeigen die Zahlen der GfK noch Ausschläge. Als die deutsche Mannschaft bei der EM 2012 das Halbfinale erreichte, legte der Verkauf noch einmal um 14 Prozent zu.

Eine Sonderkonjunktur für Fernseher können die Forscher trotzdem nicht erkennen. Nur der Zeitpunkt der Anschaffung verschiebt sich, aber es werden nicht mehr Fernseher verkauft. "Über das gesamte Jahr betrachtet, ist der Einfluss relativ gering", heißt es in der GfK-Studie, die nicht im Auftrag eines Kunden entstand.

Auch die nun beginnende Europameisterschaft in Frankreich wird das Konsumverhalten und die Zukunftsaussichten der Deutschen wohl nicht beeinflussen. Ausnahme: Chips, Bier und Grillwürstchen. Vorausgesetzt, die Sonne scheint.

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