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Wissen & Umwelt

Ist es Zeit, die letzten Pocken-Viren zu zerstören?

Die Weltgesundheitsorganisation entscheidet in dieser Woche, wann die letzten Restbestände an Pocken-Viren zerstört werden sollen. Einige Wissenschaftler aber sagen, die Proben seien für die Forschung noch unerlässlich.

Pocken sind eine der tödlichsten Infektionskrankheiten in der Geschichte der Menschheit. Mehr als 300 Millionen Menschen starben allein im 20. Jahrhundert an Pocken. Vor mehr als 30 Jahren aber erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Pockenvirus Variola nach einer globalen Impfkampagne für ausgerottet - und die Welt für pockenfrei.

Nur wenige Exemplare haben bis heute überlebt, verpackt in flüssigem Stickstoff in zwei Hochsicherheitslaboren in Russland und den USA.

Im Mai 2014 kommt die Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf zusammen, um darüber zu beraten, wann die letzten verbliebenen Originalviren endgültig zerstört werden sollen. Wissenschaftler sind sich allerdings nicht einig, ob es dabei darum gehen sollte, wann die letzten bekannten Viren zerstört werden oder - ob sie überhaupt zerstört werden.

Nicht in der Natur, aber im Labor

Die Virenproben wurden jahrzehntelang gelagert, damit Wissenschaftler weiter am Virus forschen und neue Impfstoffe, antivirale Wirkstoffe und eine bessere Diagnostik entwickeln konnten.

2011 setzte die WHA das Thema zuletzt auf die Agenda, damals wurde jedoch keine Entscheidung getroffen.

Pocken Mikroskopaufnahme von 1975 (Foto: Getty Images).

Variola gehört zur Gattung des Orthopoxvirus

2013 erklärte eine von der WHO eingesetzte Forschergruppe im Zuge großer Fortschritte in der Pockenforschung dann aber, man könne die Aufbewahrung lebender Variola-Viren nicht länger rechtfertigen. Das sehen allerdings nicht alle Wissenschaftler so.

"Es gibt Unstimmigkeiten zwischen den Mitgliedstaaten", sagt Alejandro Costa, Leiter des Teams für Notfallimpfungen und Bestände beim Pockenprogramm der WHO, ein. Manche Länder argumentieren, die Krankheit gebe es nicht mehr, dafür aber einen Impfstoff, und bald gebe es einen weiteren antiviralen Wirkstoff . "Also gebe es keinen Grund, das Virus zu behalten."

Lückenhaftes Wissen

Andere warnen vor der endgültigen Vernichtung des Variola-Virus. Zum Beispiel Inger Damon, Direktor des "WHO Collaborating Center for Smallpox" an der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC in Atlanta. Hier lagert ein Satz der letzten zwei Lebendproben.

Im Mai schrieb Damon im

Science Journal

, dass man längst nicht alles über Pocken wisse.

Pocken Impfstoff (Foto: picture-alliance/dpa).

Einige Wissenschaftler behaupten, die Entwicklung eines besseren Pocken-Impfstoffs sei noch nicht abgeschlossen

"Seit zehn Jahren arbeiten wir an einer Pocken-Forschungsagenda, und wir haben bei der Entwicklung von weniger reaktogenen Impfstoffen - also solchen, die seltener Reaktionen an der Einstichstelle, Fieber oder allgemeines Unwohlsein hervorrufen - und bei anderen antiviralen Mitteln große Fortschritte gemacht", erklärte sie im Gespräch mit der DW. "Aber wir haben das Gefühl, dass wir unser Pensum noch nicht erledigt haben, und daher wird es auch in naher Zukunft wichtig sein, für Forschungszwecke Zugang zum Virus zu haben."

Furcht vor Bioterrorismus

Es gibt die Sorge, dass die internationale Gemeinschaft nicht auf eventuelle zukünftige bioterroristische Anschläge reagieren kann, wenn nicht weiter geforscht wird. Seit den Anthrax-Anschlägen 2001 in den USA wächst diese Sorge beständig. Als Reaktion auf die Anschläge stockte die US-Regierung ihre Pockenimpfstoff-Vorräte auf.

Es wird auch darüber spekuliert, vertrauliche Pockenproben könnten in "falsche Hände" geraten.

In den 1970er Jahren begann die Sowjetunion mit der Produktion großer Mengen Pocken zur Verwendung als B-Waffen. Diese Vorräte wurden angeblich in den frühen 1990er Jahren zerstört, aber manche Experten fürchten, Phiolen mit dem Pockenvirus könnten zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion getauscht oder gestohlen worden sein.

Verletzliche Bevölkerung

Dann gibt es noch die Bereiche öffentliche Gesundheit und Prävention.

Pflichtimpfungen gebe es seit Jahrzehnten nicht mehr, also wären ganze Bevölkerungen anfällig, wenn der Virus wieder auftauchte, warnt William Schaffner, Spezialist für ansteckende Krankheiten am Vanderbilt Medical Center in Nashville, Tennessee. Die Lebendproben müssten so schnell wie möglich zerstört werden, meint der Professor.

Pocken Patient (Foto: Historical Archives of National Museum of Health & Medicine).

Beulen, gefüllt mit Flüssigkeit, sind ein Symptom für Pocken

"Wir dürfen nicht vergessen, dass der Pockenvirus mit die schlimmsten Seuchen verursachte, die wir je gesehen haben", so Schaffner. "Das weltweite Auslöschen der Pocken war ein riesiger Triumph der öffentlichen Gesundheit."

Bei Null anfangen

Die Erreger der Pocken gehören zur Gattung Orthopoxvirus. Pocken beim Menschen sind vermutlich seit 10 000 vor Christus bekannt.

Und obwohl das Virus ausgestorben ist, wäre es technisch heute möglich - allerdings von der WHO verboten - das Variola-Virus nachzubauen.

"Die Molekularbiologie hat sich in riesigen Sätzen weiterentwickelt, deshalb werden die Gründe, das Virus weiter aufzubewahren, immer schwächer", sagt John McConnell, Herausgeber des Fachmagazins "The Lancet Infectious Disease". "Das Virus müsste sich längst mit den modernen Technologien nachbauen lassen - vorausgesetzt, man verfügt über ein entsprechendes Archiv an genetischem Material."

Trotzdem könnte es ein Zukunftsszenario geben, in dem es günstig wäre, einen Vorrat an lebendigen Variola-Viren zu haben, glaubt McConnell - zum Beispiel, wenn ein frei vorkommendes Pockenvirus zu einem für den Menschen infektiösen Erregerstamm mutiert.

"Die Geschichte der Seuchen hat uns gelehrt, immer das Unerwartete zu erwarten - und es könnte auch etwas geschehen, sodass die bloße Verfügbarkeit des genetischen Schlüssels nicht ausreicht", sagt McConnell.

Inger Damon glaubt, dass es zudem hilfreich sein könnte, die Variola-Proben und die Forschung daran am Leben zu erhalten, um andere, weniger bekannte Krankheitsauslöser zu bekämpfen: "Die Forschung, die gerade gemacht wird, um weniger reaktogene Impfungen und diagnostische Ansätze zu entwickeln " - also solche, die weniger unerwünschte Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Fieber zur Folge haben - "wird sicher nützlich sein, um andere Orthopoxviren zu erkennen und besser darauf vorbereitet zu sein", so Damon.

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