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Wirtschaft

Ist Deutschland für den Abschwung gerüstet?

Überall in der Welt mehren sich die Zeichen für einen Abschwung der Wirtschaft. Haben Deutschlands Politiker und Unternehmer in den drei Jahren seit der letzten Krise genug Reserven gesammelt?

Eine Chart-Kurve zeigt am aktuellen Rand steil nach unten (Foto: P.Fleet/Fotolia) © Paul Fleet - Fotolia

Symbolbild Abschwung Rezession Börsenkurve

Für die Exportnation Deutschland häufen sich die schlechten Nachrichten: Die Euro-Zone steckt in der Rezession, der Aufschwung in den USA stockt, Schwellenländern wie China und Indien droht das langsamste Wachstum seit Jahren. Und über allem schwebt die Schuldenkrise in Europa, die sich zu einem Vertrauensschock wie nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers im September 2008 ausweiten kann. Wie gut ist Deutschland auf einen Konjunktureinbruch vorbereitet?

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Andere Industrieländer fordern deshalb, es solle die globale Konjunktur stützen. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Auf jeden Fall aber ist der Spardruck in Deutschland nicht so groß, dass der Staat mitten im Abschwung die Zügel anziehen und die Wirtschaft zusätzlich belasten müsste, weil ihm die Finanzen aus dem Ruder laufen.

Schulden beherrschbar

Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.

Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.

Sozialkassen gerüstet

Auch die Lage der Sozialkassen hat sich gebessert: Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat ihre Einnahmen merklich erhöht. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.

Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen haben Polster

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Einer Umfrage der staatlichen Förderbank KfW zufolge haben viele Mittelständler dank der guten Konjunktur in den vergangenen Jahren sowohl ihre Eigenkapitalquoten als auch ihre Umsatzrenditen massiv verbessert. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Polster aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete.

Ein größerer Prellbock ist da schon der stabile Arbeitsmarkt. Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar. Erleichtert wird das durch Instrumente, die sich bereits während der Finanzkrise 2008/09 bewährt haben: In dieser Zeit wurden Guthaben auf Arbeitszeitkonten abgebaut und Überstunden verringert.

Stabiler Arbeitsmarkt

Flankiert wurde das durch den massiven Einsatz von Kurzarbeit: Zeitweise gab es weit mehr als eine Million Kurzarbeiter, für deren Lohneinbußen die Bundesagentur für Arbeit aufkam. Das alles verhinderte einen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Der private Konsum - der mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht - blieb deshalb im Krisenjahr 2009 nahezu stabil.

Auch die Politik sollte für einen Abschwung gerüstet sein. Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben.

Politik im "Stand-by-Modus"

Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. "Die Gestaltungskraft der Politik in Bund und Ländern ist derzeit im Stand-by-Modus", kritisierte Handwerkspräsident Otto Kentzler auf "Handelsblatt online". Sowohl bei der Steuer- und Energiepolitik als auch bei der Entbürokratisierung könne die Koalition noch nachlegen. Das ist allerdings wenig realistisch, denn 2013 wird gewählt. Und erfahrungsgemäß sind Reformen nichts für das Ende einer Legislaturperiode.