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Fußball

Ist das noch "mein" Fußball?

Diese Frage könnte sich bald jedem stellen, der Woche für Woche mit "seinem" Verein mitfiebert. Denn erneut wird der deutsche Fußball von Betrugsvorwürfen erschüttert, die sich zum nächsten Wettskandal ausweiten könnten.

Akten stehen am Mittwoch (06.10.2010) in Bochum im Landgericht anlässlich des Prozessbeginns im Fussball-Wettskandals im Verhandlungssaal. (Foto: Sascha Schuermann/dapd)

Prozessakten statt Sport

Nicht nur jedem Fußball-Fan ist der Name Robert Hoyzer noch ein Begriff. Er steht für den bislang größten Wettskandal im deutschen Fußball. Der ehemalige Schiedsrichter war zwar nur eine der Hauptpersonen der unschönen Ereignisse im Jahr 2005, doch sein Name steht fast schon als Synonym für die Geschehnisse. Im Verlauf des damaligen Skandals gab Hoyzer zu, gegen Sach- sowie Geldzuwendungen den Ausgang von Fußballspielen, die unter seiner Leitung als Schiedsrichter standen, beeinflusst zu haben, um Teilnehmern an Sportwetten Gewinne zu ermöglichen. Robert Hoyzer wurde 2005 vom Deutschen Fußball-Bund lebenslang gesperrt.

Der Beginn eines langwierigen Prozesses

Anwalt Reinhard Peters (vorne, v.l.), Angeklagter Tuna A., Anwalt Joachim Mueller, Anwalt Joe Therond, ein Dolmetscher, Angeklagter Nurellin G., Anwalt Jens Meggers, Anwalt Fritz von Beesten (hintere Reihe, 3.v.l.), Anwalt Udo Klaus Duits, Angeklagter Stevan R., Anwalt Hans Geisler, Angeklagter Kristian S. und Anwalt Hans-Juergen Spilling sitzen am Mittwoch (06.10.10) in Bochum im Landgericht anlässlich des Prozessbeginns wegen des Fussball-Wettskandals im Verhandlungssaal. (Foto: Sascha Schuermann/dapd)

Die Angeklagten, ihre Verteidiger und ein Dolmetscher sitzen im Bochumer Landgericht

Und nun scheint das ganze wieder von vorne los zu gehen, sollte man jedenfalls aus Sicht des ganz normalen Fußball-Fans annehmen. Klar ist, dass seit Mittwoch (06.10.2010) vier mutmaßliche Wettbetrüger auf der Anklagebank des Bochumer Landgerichts sitzen. Hierbei handelt es sich um den Kaufmann Nürettin G. (55) aus Lohne, Tuna A. (55) aus Mönchengladbach, den Kaufmann Stevan R. (35) aus Lippstadt und den ehemaligen Profi-Fußballer Kristian S. aus Schweinfurt.

Ihnen wird gewerbs- und bandenmäßiger Betrug, mit dem Ziel die Ergebnisse von Fußballspielen zu beeinflussen, vorgeworfen. Das Ganze könnte sich zum größten Wettskandal im europäischen Fußball ausweiten. Zunächst geht es bei dem Prozess um mehr als 30 Spiele in Deutschland, Belgien, Slowenien, Ungarn, Kroatien und der Schweiz. Die mutmaßlichen Täter sollen 370.000 Euro aufgewendet haben, um Spieler oder Schiedsrichter zu bestechen. Insgesamt sollen zwei Millionen Euro bei Sportwetten auf die betroffenen Begegnungen gesetzt worden sein, wobei sich die Gewinne angeblich auf 1,6 Millionen Euro belaufen sollen. Dabei wurde wohl nicht nur auf Sieg, Unentschieden oder Niederlage, sondern auch auf Rote Karten oder späte Tore gezockt.

Ein Schiedsrichter schickt einen entsetzten Spieler vom Platz. (Foto:AP Photo/Michael Sohn)

Diesmal stehen Schiedsrichter und Spieler im Visier

In Deutschland stehen ein Spiel aus dem DFB-Pokal und Partien aus der 2. Liga, den Regionalligen, den Oberligen sowie U19-Begegnungen unter Verdacht. In keinem anderen Land ist die Zahl der Spiele nach Angaben der Ermittler derart hoch. In der Europa League steht das Spiel zwischen dem FC Basel und CSKA Sofia vom 5. November 2009 (3:1) im Fokus. In der Qualifikation zur U21-EM soll das Aufeinandertreffen der Schweiz mit Georgien vom 18. November 2009 (1:0) betroffen sein.

Die beiden Hauptangeklagten Nürettin G. und Tuna A. sollen weitgehend, beziehungsweise teilweise geständig sein. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete, soll Nürettin G. als "eine Art Kronzeuge" Aussagen zu insgesamt 158 Spielen gemacht haben. Kristian S. und Stevan R. haben angeblich noch keine Geständnisse abgelegt.

Der Deutsche Fußball-Bund hofft auf Klarheit und Beweise

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach schaut nach oben und scheint zu grübeln. (Foto: Christina Pahnke +++(c) Picture-Alliance / ASA+++)

Wolfgang Niersbach: Sieht er Unheil auf den DFB zukommen?

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat vor Prozessbeginn die fehlende Kooperationsbereitschaft der Gerichtsbarkeit scharf kritisiert. "Wir beobachten den Prozess mit der großen Hoffnung, dass da absolute Klarheit geschaffen wird", sagte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach am Dienstag (05.10.2010). "Denn wir als Sportverband haben darunter zu leiden, dass man uns nicht mal komplette Akteneinsicht gewährt. Da muss sich grundsätzlich etwas ändern. Die Gerichte sollten mit uns zusammenarbeiten." Das Bochumer Landgericht wies die Kritik indes zurück. "Dass fehlende Kooperationsbereitschaft angemahnt wird, ist verwunderlich", erklärte Gerichtssprecher Volker Talarowski. "Seit das Landgericht mit der Sache befasst und zuständig ist, gab es kein Akteneinsichtsgesuch durch den DFB."

Der DFB und der europäische Verband UEFA ließen den ersten Verhandlungstag am Mittwoch (06.10.2010) jedenfalls vor Ort von Prozessbeobachtern genauestens verfolgen. "Wir haben zwar keine Undercover-Agenten und können keine Telefone abhören", meinte Niersbach. "Deshalb müssen wir den Behörden vertrauen. Wir können erst dann agieren, wenn Geständnisse und klare Beweise vorliegen." Nach dem Wettskandal um den Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer 2005 habe man das DFB-Regelwerk verändert. "Unsere Statuten sind nach dem Hoyzer-Skandal angepasst worden. Wenn etwas passiert und wir es nachweisen können, dann sind wir schon gut aufgestellt", erklärte Niersbach.

Unter dem Strich jedenfalls sieht es so aus, dass der erste Verhandlungstag in Bochum erst der Anfang eines langwierigen und unerfreulichen Prozesses war, von dem man nur hoffen kann, dass er Klarheit in das Dunkel des Wettsumpfes bringen wird. Und die Frage ob das noch "mein" Fußball ist, muss dann jeder Fan allein für sich entscheiden.

Autor: Calle Kops (mit sid,dpa)
Redaktion: Wolfgang van Kann