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Nahost

Israels ewiges Trauma

Israel missbrauche die Erinnerung an den Holocaust, um Sonderrechte zu beanspruchen und sich über völkerrechtliche Normen hinwegzusetzen: Das ist die These des Buches "Hitler besiegen", das jetzt auf deutsch erschien.

Konzentrationslager mit Aufschrift Arbeit macht frei und Flagge Israel, Quelle: AP

Auf ewig miteinander verbunden? Israel und der Holocaust

Selten hat ein Buch in Israel eine so heftige Kontroverse ausgelöst wie das Buch: "Hitler besiegen - Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss" von Avraham Burg. Vor fast drei Jahren ist es dort erschienen und hat zu harten Diskussionen bis hin zu Todesdrohungen gegen den Autor geführt. "Ich nehme an, es lag sowohl an der Botschaft, als auch am Botschafter, dass die Debatte so scharf und polemisch ausfiel", sagt Avraham Burg im Interview mit der Deutschen Welle.

Der Autor Avraham Burg bei der Vorstllung seines Buches: Hitler besiegen Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss (Foto: Avraham Burg)

Burg, das enfant terrible der israelischen Publizistik?

Die Botschaft ist Burgs These, dass Israel vom Holocaust besessen sei und sich verhalte wir ein schwer traumatisierter Mensch. Der Botschafter, Avraham Burg, gehört zur gesellschaftlichen und politischen Elite Israels. Er ist Sohn des legendären national-religiösen Politikers und langjährigen israelischen Innenministers Yosef Burg, er selbst war Abgeordneter der Arbeitspartei, Präsident der Knesset und anschließend Vorsitzender der Jewish Agency. Von ihm hätte man nicht erwartet, dass er sich plötzlich so überaus kritisch mit seinem Land und der herrschenden Staatsideologie, dem Zionismus, auseinandersetzen würde.

Antizionist oder Postzionist?

Doch Burg, der religiös ist, sich aber dem linken Lager in Israel zurechnet und der Mitbegründer der Friedensbewegung "Peace Now" war, grenzt sich klar ab von den derzeitigen israelischen Politikern, denen er vorwirft, die Idee des Zionismus zu verunreinigen: "Wenn der Zionismus, Gott bewahre, das ist, was die Siedler in den Gebieten tun und was Lieberman in der Politik betreibt und was die Rabbiner in den Synagogen und mit ihren religiösen Urteilssprüchen predigen, dann bin ich Anti-Zionist!", sagt er mit Entschiedenheit.

Eigentlich würde er sich aber eher als "Postzionist" definieren. Denn Zweck und Ziel des Zionismus' sei es gewesen, einen jüdischen Staat zu schaffen, eine Heimstätte für das jüdische Volk, wo es vor Verfolgung sicher sein könne. Dies habe man mit der Gründung Israels erreicht und darum habe sich der Zionismus überholt. "Ich brauche keine Definitionen", sagt Burg: "Ich bin ein Mensch, ein Jude und ein Israeli. Mehr Definition benötige ich nicht."

Austellung in Yad Vashem, Israel (Foto: AP)

Israel bewahrt die Erinnerung an den Holocaust und benutzt sie für eigene Interessen, so die These Burgs

Das Trauma des Holocaust

Im Mittelpunkt seines Buches, das nun im Campus-Verlag auf deutsch erschienen ist, steht der Vorwurf, die israelische Gesellschaft habe den Holocaust zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Existenz gemacht. Das Trauma beherrsche die israelische Gesellschaft so ganz und gar, dass sie sich immer mehr auf sich selbst zurückziehe und eine Ghetto-Mentalität entwickle. Israel sei geradezu besessen von der Vorstellung, die ganze Welt sei anti-israelisch oder gar anti-semitisch. "Die ganze Welt ist gegen uns" – dieser in Israel weit verbreitete Spruch, der auch in einen äußerst populären Schlager gefasst wurde, sei einer der dümmsten Sprüche, die er kenne, sagt Burg.

Schließlich sei das Gegenteil richtig. Die ganze Welt unterstütze Israel, die ganze Welt lasse zu, dass Israel seit mehr als 40 Jahren Besatzungsmacht sei und sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig mache. "Man lässt es zu und wir nutzen das aus", sagt er selbstkritisch. Israelische Politiker missbrauchten die Erinnerung an die Vernichtung der Juden, um für Israel Sonderrechte zu beanspruchen und sich über völkerrechtliche Normen hinwegzusetzen, um sich einem Friedensprozess und der Aussöhnung mit den Palästinensern zu verweigern.

Begegnung mit dem Vater – Begegnung mit Deutschland

Burgs Buch ist aber nicht nur eine Auseinandersetzung mit der israelischen Politik und Gesellschaft, sondern auch eine Begegnung mit seinem im Jahr 1999 gestorbenen Vater. Der über die politischen Lager und Parteigrenzen hinweg weithin angesehene Yosef Burg war in Dresden geboren worden, hatte das Rabbinerseminar in Berlin absolviert und an der Universität von Leipzig promoviert. Im Jahr 1939 floh er vor den Nazis in das damalige Palästina. Von 1949 bis 1992 war er Mitglied der Knesset und Minister in fast allen Regierungen.

Buchcover Avraham Burg: 'Hitler besiegen: Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss' (Foto: Campus Verlag)

Burgs Buch ist jetzt auf deutsch erschienen

"Mein Vater war fast fünf Jahrzehnte älter als ich. Er war aber auch drei Weltordnungen älter als ich", erklärt Burg. Die Erfahrungen seines Vaters und vor allem seine deutschen Wurzeln sind für ihn, der selbst Vater von sechs Kindern ist, prägend. Darum war es ihm besonders wichtig, dass sein Buch nun endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

"Ich war oft in Deutschland, oft in Berlin", sagt Burg und erzählt, wie er im letzten Jahr, zusammen mit Tochter und Schwiegersohn am Berlin-Marathon teilnahm. "Ich habe den ganzen langen Weg geweint. Wegen der Erinnerung an meinen Vater, der in Berlin gelebt hat, wegen der Schmerzen des Laufs und schließlich wegen des Glücks, dass ich es geschafft habe!" Deutschland sei für ihn, so paradox es klinge, wie eine fremde Heimat.

Avraham Burg: Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss.

Campus-Verlag, 288 Seiten

22,90 Euro

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Ina Rottscheidt

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