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Welt

Israels Armee verhaftet Kinder

Im Westjordanland werden jedes Jahr Hunderte Minderjährige festgenommen. In israelischer Haft werden sie immer wieder mißhandelt und traumatisiert. Eine Hilfsorganisation in Ramallah steht den Familien zur Seite.

Die israelischen Soldaten kamen mitten in der Nacht, mit Jeeps und gepanzerten Autos. Mit ihren schweren Stiefeln und bis an die Zähne bewaffnet polterten sie die Treppe hinauf und klopften an die Tür von Familie Mershad in Beit Omar, einem Dorf im südlichen Westjordanland. Es war drei Uhr morgens, die vier Jungen und ihre Eltern schliefen. Durch den Lärm der Truppen wurden sie aus ihrem Schlaf gerissen.

"Es war wie ein Alptraum", erinnert sich Vater Zakik. Die Soldaten verlangten nach seinem mittleren Sohn, dem zierlichen Muhannad. Ihn sollten sie mitnehmen, denn er war verdächtig, Steine geworfen zu haben.

Zakik Mershad aus Beit Omar und seine drei kleinen Söhne. Foto: DW/Bettina Marx

Zakik Mershad sorgt sich um seine Söhne.

Der Junge, damals noch keine 14 Jahre alt, hatte Angst. "Er versteckte sich unter seiner Bettdecke", erzählt seine Mutter Suhad mit Tränen in den Augen. Er wollte nicht mitgehen und weinte und schrie.

Die Soldaten nahmen Muhannad mit. "Sie fesselten mir die Hände auf den Rücken und verbanden mir die Augen", erzählt er. "Ich hatte große Angst und zitterte am ganzen Köper." Die Israelis brachten den Jungen in die Siedlung Etzion. Dort wurde er von zwei Angehörigen der Sicherheitskräfte verhört.

Muhannad Mershad aus Beit Omar. Foto: DW/Bettina Marx

Muhannad lächelt tapfer - aber nachts hat er Alpträume

"Sie fragten mich, ob ich Molotov-Cocktails und Steine geworfen hatte. Ich sagte, nein. Die zwei, die mich verhörten, schlugen mich mit einem Stock auf meinen Kopf und meinen Rücken."

26 Tage lang musste Muhannad im Gefängnis bleiben. Dann wurde er gegen die Zahlung eines Bußgeldes von 5000 Shekel, rund 1000 Euro, entlassen.

Spannungsreiche Nachbarschaft

Beit Omar ist ein großes palästinensisches Dorf, fast eine Kleinstadt, in der Nähe von Hebron. Die Außenbezirke des Dorfes grenzen an die Siedlung Karmeh Tzur, die sogar nach israelischem Recht illegal ist. Dort kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen extremistischen Siedlern und Palästinensern. In einem erst halbfertigen Neubau am Rand von Beit Omar wohnen die beiden Brüder Hassan und Fathi mit ihrer Familie. Auch sie wurden mitten in der Nacht von den Soldaten abgeholt, erst der 16-jährige Fathi und ein paar Tage später der 15-jährige Hassan. 30 bewaffnete Männer mit zwei scharfen Hunden drangen in das Haus der Familie ein und nahmen Hassan fest. Die Eltern durften ihn nicht begleiten. Erst einen Tag später erfuhren sie, wo ihr Sohn festgehalten wurde. Auch Hassan berichtet von Misshandlungen und Schlägen. "Sie haben ihn nicht nur auf Kopf und Oberkörper geschlagen, sondern auch auf seine Genitalien", sagt seine Mutter Samira voller Zorn.

Eigentlich heißen die beiden Teenager nicht Hassan und Fathi, aber ihre Mutter, die auch nicht Samira heißt, will nicht, dass ihre wahren Namen genannt werden. Sie hat Angst vor Repressionen. Kürzlich hat sie einen Abriss-Bescheid für ihr Haus bekommen. Es sei illegal errichtet worden, so der Vorwurf. In Wirklichkeit liege es wohl eher zu nah an der jüdischen Siedlung und stehe deren Expansion im Weg, vermutet sie. Die Sorge um das Haus bereitet ihr schlaflose Nächte. "Wo sollen wir hin, wenn sie das Haus abreißen?" fragt Samira und zeigt auf ihre kleinen Töchter. Sechs Kinder hat die Familie, der Vater ist arbeitslos und das Einkommen der Mutter als Angestellte der Autonomiebehörde reicht nicht aus, um den Lebensunterhalt und die Fertigstellung des Hauses zu finanzieren. Ein erzwungener Abriss wäre für die Familie eine psychologische und ökonomische Katastrophe. Hinzu kommen die Geldstrafen, die das Militärgericht über die Söhne verhängt hat. 2500 (500 Euro) für den jüngeren der Brüder und 500 Shekel (etwa 100 Euro) für den älteren. Das entspricht anderthalb Monatseinkommen ihrer Mutter. "Wir haben ein elendes Leben", sagt sie verzweifelt.

Ein palästinensischer Jugendlicher wird von zwei bewaffneten israelischen Soldaten bei einer Demonstration in Beit Omar verhaftet. Foto: AFP

Jugendliche werden oft bei Demonstrationen verhaftet.

700 Festnahmen pro Jahr

Die Geschichte von Hassan und Fathi und ihrer Familie ist für Ayed Abu Eqtaish von der palästinensischen Sektion der Organisation Defence of Children International (DCI) nichts Ungewöhnliches. "Kinder und Jugendliche werden meist dort verhaftet, wo es zu Konflikten mit Israelis kommt, mit den Siedlern, der Armee oder den Behörden", erklärt er. Also zum Beispiel in der Nähe von Siedlungen oder an der Mauer, die Israel im Westjordanland errichtet hat. Damit sollen die Palästinenser eingeschüchtert und davon abgehalten werden, sich an Demonstrationen gegen die Besatzung zu beteiligen, sagt Abu Eqtaish. "Wenn ein Kind festgenommen wird, dient das als Warnung für die anderen Jugendlichen, dass sie sich nicht der Besatzung entgegenstellen sollen."

Die Hilfsorganisation mit Sitz in Ramallah steht den Jugendlichen und ihren Familien mit juristischem Rat zur Seite. Sie organisiert Anwälte und berät die Familien. Daneben sammelt sie Zeugenaussagen von jugendlichen Gefangenen und dokumentiert sie.

Nach ihren Erkenntnissen wurden seit dem Jahr 2000 mehr als 7500 palästinensische Kinder und Jugendliche festgenommen. Ungefähr 700 sind es pro Jahr. Die meisten von ihnen berichten über Misshandlungen während der Festnahme und der Haft. "Wir wissen, dass fast alle Kinder aus dem Westjordanland oder Ostjerusalem, die von den Israelis verhaftet werden, einer oder mehreren Formen von Misshandlungen oder Folter ausgesetzt sind", sagt Abu Eqtaish. Im vergangenen Jahr hat die DCI eine Studie über die palästinensischen Kinderhäftlinge durchgeführt. Das Ergebnis: In 75 Prozent der Fälle waren die Jugendlichen physischer Gewalt ausgesetzt und mehr als die Hälfte berichteten über Gewaltandrohungen. Außerdem wurden 63 Prozent der Festgenommenen in Israel festgehalten. Dies steht im Widerspruch zu der IV. Genfer Konvention, die es untersagt, Gefangene aus besetzten Gebieten in ein anderes Land zu bringen. "Wenn wir all dies zusammennehmen, kommen wir zu der Schlussfolgerung, dass es ein System der Misshandlung palästinensischer Minderjähriger während der Festnahme, dem Transport und der Verhöre gibt."

Ein israelischer Soldat bewacht drei festgenommene palästinensische Kinder in Hebron. Foto: Hazem Bader, AFP,Getty Images)

Die Festnahme ist für Kinder oft eine traumatische Erfahrung

Militärgerichtsbarkeit und Minderjährige

Das könnte verhindert werden, wenn die palästinensischen Minderjährigen so behandelt würden wie israelische Jugendliche, sagt Naama Baumgarten-Sharon von der israelischen Menschenrechtsorganisation Btselem. "Das israelische Jugendgesetz, das im Jahr 2008 verabschiedet wurde und ein Jahr später Gültigkeit erlangte, ist ein sehr fortschrittliches Gesetz, das allen internationalen Standards entspricht. Das Problem ist, dass die Militärgesetzgebung, die in den besetzten Gebieten gilt, davon Lichtjahre entfernt ist."

Zwar seien mit den Verbesserungen in Israel auch kleine Fortschritte in den palästinensischen Gebieten angekommen. Aber an der grundsätzlichen Problematik habe das nichts geändert.

Als Besatzungsmacht habe Israel das Recht und die Pflicht, in den besetzten Gebieten die Einhaltung der Gesetze durchzusetzen, auch gegenüber Minderjährigen. Dabei müsse das Militär aber die Rechte der Jugendlichen in angemessener Weise achten. Und hier sieht die Organisation Btselem erhebliche Defizite. Zum Beispiel bei der Festnahme, die meistens nachts geschehe. Für die Armee sei dies angenehmer, weil sie dann nicht mit Gegenwehr rechnen müsse. Dies sei jedoch kein Grund, um Jugendliche nachts aus dem Bett zu reißen und ins Gefängnis zu schleppen. "Wir sind der Überzeugung, dass es nicht richtig ist, Minderjährige mitten in der Nacht festzunehmen", sagt Baumgarten-Sharon. Eine Armee, die schon 45 Jahre lang in einem Gebiet als Besatzungsmacht herrsche, müsse in der Lage sein, andere Wege zu finden, um dort die Ordnung aufrecht zu erhalten, als durch die nächtliche Festnahme von Kindern.

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