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Wissen & Umwelt

Israelischer Preis für deutschen Krebsforscher

Seine Forschungen ermöglichten die Entwicklung erfolgreicher Medikamente gegen Krebs. Trotzdem dämpft Prof. Axel Ullrich zu große Hoffnungen: "In der Wissenschaft muss man immer auf Überraschungen gefasst sein!"

Molekulargenetiker Axel Ullrich (Foto: picture alliance/dpa)

Molekulargenetiker Axel Ullrich (66)

DW-WORLD.DE: Sie erhalten den Wolf-Preis für Medizin 2010. Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Prof. Axel Ullrich, Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie, Martinsried bei München: Es ist eine Bestätigung der Arbeit, die ich in den letzten 30 Jahren gemacht habe. Es ist gut zu wissen, dass der Erfolg auch anerkannt wird und vor allem dass der Erfolg auch den Patienten zugute kommt.

Beim Nobelpreis hört man ja immer, dass der Wissenschaftler zu Hause angerufen wird und recht überrascht ist – wie ist das beim Wolf-Preis, wie haben Sie davon erfahren?

Das war genauso (lacht). Ich wurde letzten Sonntag zu Hause angerufen. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet und zuerst etwas schockiert - natürlich positiv schockiert. Es war schon so was wie ein kleiner Nobelpreis, ja.

Sie sind von Haus aus Biochemiker?

Das ist richtig, ja …

Wie sind Sie dann zum Krebsforscher geworden?

Ach, was man studiert, ist ja oft nicht das, was man dann definitionsgetreu weitermacht. Das Gebiet der modernen Lebenswissenschaften ist groß und meine weitere Ausbildung nach der Promotion, die ich als Molekulargenetiker gemacht habe, ging ich in die Anwendung der Gentechnologie, deren Grundlagen damals Anfang der 70er Jahre entwickelt wurden.

Zu der Zeit kam ich genau an den richtigen Platz – nämlich nach San Francisco. Oder wie die Amerikaner sagen: "To be in the right place at the right time". Das war entscheidend für mich, denn dort konnte ich an der Entwicklung der Anwendbarkeit dieser Technologie mitarbeiten und ihr Potential für die medizinische Anwendung beweisen. Damals habe das erste medizinisch relevante Gen kloniert nämlich das Insulin-Gen für Diabetes. Daraus ist dann das erste gentechnisch produzierte Medikament entstanden - nämlich das humane Insulin.

Krebszelle (Foto: dpa/PA)

Menschliche Krebszelle. Die derzeitige Heilungsrate bei allen Krebserkrankungen liegt bei durchschnittlich 30 bis 40 Prozent

Glauben Sie, dass Sie genauso weit gekommen und genauso erfolgreich gewesen wären, wenn Sie nicht in die USA gegangen wären, sondern in Deutschland geblieben wären?

(Lacht) Das ist sehr schwer in der Retrospektive einzuschätzen. Ich glaube aber eher nicht. Die USA sind noch immer das "Promised Land of Science" und deswegen bin sehr froh, dass ich dort 14 Jahre lang tätig war und dort von Insulin und Diabetes zu Krebs und zur Entwicklung von Krebsmedikamenten gekommen bin.

Und da sind durch Ihre Forschungen vor allem zwei wichtige Wirkstoffe entstanden – gegen welche Krebsarten wirken die?

Herceptin, das erste Medikament ist besonders wirksam bei einer besonderen Art von Brustkrebs. Es ist das erste Beispiel einer individualisierten Therapie. Etwa 30 Prozent der Brustkrebs-Patientinnen sprechen auf diese Behandlung an.

Das zweite Medikament ist Sunitinib, das für Nierenkrebs und für eine besondere Art von Magen-Darm-Krebs zugelassen ist und das das Potential hat, auch gegen andere Krebsarten wirksam zu sein. Sunitinib ist so etwas wie ein Breitband-Antibiotikum gegen Krebs.

Glauben Sie, wir kommen irgendwann einmal an den Punkt, wo Krebs vollständig therapierbar ist?

Das ist fast unmöglich vorherzusagen. In der Wissenschaft muss man immer auf Überraschungen vorbereitet sein. Ob es einen gemeinsamen Nenner gibt, der es erlaubt, Krebs aller Arten – es gibt ja immerhin 250 Krebsarten – zu behandeln, das würde ich zum derzeitigen Zeitpunkt eher bezweifeln. Aber wir werden uns langsam vorkämpfen und die Überlebenszeit von Krebspatienten auf jeden Fall verlängern mit den vielen neuen Medikamenten, die sich bereits in der Entwicklung befinden. Ich hoffe, dass ich da noch einige Jahre mitmischen kann.

Herr Ullrich, der israelische Wolf-Preis ist die drittwichtigste wissenschaftliche Auszeichnung. Ich habe gelesen 38 Forscher von den bisher 43 Wolf-Preisträgern haben später auch den Nobelpreis bekommen. Ist das etwas, worauf sie noch warten oder hoffen?

(Lacht fröhlich) Ich habe nie auf Preise gewartet, nie etwas für Preise gemacht und das wird auch weiter so bleiben, obwohl ich nicht mehr viel Zeit habe. Ich darf noch vier Jahre weiterforschen und ob da dann auch noch ein Nobelpreis dazukommt, das wird man sehen aber das ist sicher nicht mein Traum und mein Ziel.

Aber wenn der Anruf kommt …

… würde ich ihn annehmen! (Lacht)

Das Interview führte Andreas Ziemons

Redaktion: Judith Hartl

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