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Nahost

Israelischem Menschenrechtler droht Haftstrafe

Dem Menschenrechtler Ezra Nawi droht eine Haftstrafe, weil er gegen den Abriss palästinensischer Häuser im Westjordanland protestiert hat. Gespannt wartet man in Israel auf die Verkündung des Strafmaßes.

Israelischer Menschenrechtsaktivist Ezra Nawi (Foto: www.taayush.org)

In Israel ein bekanntes Gesicht: Ezra Nawi

Umm al-Kheir ist ein kleines, verarmtes Dorf in der Wüste sudöstlich der Stadt Hebron. Die rund eintausend Palästinenser in dieser Gegend des Westjordanlandes führen ein unsicheres Leben, denn Israel erklärte diese 1967 eroberte Region als militärisches Sperrgebiet. Die palästinensischen Bauern erhalten daher keine Baugenehmigungen und die Soldaten und Grenzschutzpolizisten führen Abrissbefehle des örtlichen Kommandanten aus.

Allein gegen die Bulldozer

So wie in den Jahren zuvor organisiert Nawi auch im März 2007 eine Protestaktion gegen den Abriss. Er wird vom israelische Regisseur Nissim Mossek begleitet, der einen Dokumentarfilm über ihn dreht. "Die Kamera ist meine Versicherung", sagt der heute 57-Jährige, der immer wieder Soldaten und Siedler provoziert und daher öfter vor Gericht seine Gewaltlosigkeit beweisen musste.

Die Soldaten scheuchen die von Nawi versammelten zwei Dutzend Protestler aus einer Blechhütte. Ein Bulldozer zerstückelt die Wellblechbaracke. Plötzlich stürzt Ezra Nawi in Richtung der fast demolierten Blechhütte und springt durch eine Öffnung hinein. Zwei Soldaten verfolgen ihn. Nach wenigen Sekunden wird er von einem Grenzschützer aus der Hütte gezerrt. Bevor er abgeführt wird, sagt Nawi, an den Händen gefesselt zu den Soldaten: "Das einzige, was hier bleiben wird, ist Hass." Sie lachen.

Ein Leben in zwei Welten

Frau neben zerstörtem Haus (Foto: AP)

Die Zerstörung palästinensischer Siedlungen ruft immer wieder Proteste hervor

Ezra Nawi ist in Israel nicht nur durch seine Aktionen sehr bekannt, sondern auch wegen seiner jahrelangen Liebesbeziehung mit einem Palästinenser. Durch Fuad lernte er die Situation der Palästinenser kennen und engagierte sich für die ärmsten Palästinenser, weil er Unrecht nicht ertragen kann und sich selbst als Teil des Nahen Ostens betrachtet. "Als Kind schämte ich mich, als meine Mutter mich im Bus auf Arabisch ansprach", sagt er. "Wie viele arabisch-stämmige Israelis, wollte auch ich meine Herkunft verdrängen und bin einer der wenigen linken Aktivisten arabischer Herkunft." Die Palästinenser seien ihm nahe – ihre Denkart, ihr Verhalten, die Gerüche, die Farben und Klänge sind meine. "Die religiöse oder nationale Zugehörigkeit ist mir völlig egal", sagt Nawi.

Seit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 engagiert sich Nawi im Rahmen des Aktionsbündnisses "Taayush" - zu Deutsch "Zusammenleben" - für die Bauern am südlichen Berg Hebron. Er fährt mehrmals pro Woche dorthin, bringt ihnen kleine Geldspenden und Lebensmittel, vermittelt ihnen juristische Hilfe und legt sich laut und provokativ mit Soldaten und radikalen Siedlern an, die schon oft die dort lebenden Palästinenser angriffen haben.

Schurken auf beiden Seiten

Die Palästinenser seien weit davon entfernt, perfekt zu sein, betont Nawi. Er wolle sie nicht glorifizieren und die Israelis dämonisieren. "Beide Seiten benehmen sich wie Schurken. Es ist ironisch, dass wir zueinander passen." Ein arabisches Sprichwort unterscheide jedoch zwischen demjenigen, der die Schläge zählt und demjenigen, der sie bekommt. "Plötzlich spürte ich auch die Schläge der Palästinenser, sah Menschen, die vom Geheimdienstler misshandelt wurden. Ich erlebte die Armut und Kriminalität in der palästinensischen Gesellschaft und wie sie zerfällt." Am Ende werde er als Israeli den Preis dafür zahlen.

Bis dahin will Nawi in beiden Welten leben, Grenzen überwinden, immer lauthals gegen Ungerechtigkeit protestieren und nur sich selbst treu bleiben.

Ein Gericht in Jerusalem hat Nawi bereits schuldig gesprochen. Für Montag (21. September 2009) wird das Strafmaß erwartet. Trotz der rund 100.000 Protestbriefe aus aller Welt – unter anderem vom Linguisten Noam Chomski und der globalisierungskritikerin Naomi Klein. Trotz Zeugen, die Nawis Engagement für israelische Obdachlose und äthiopische Juden bestätigten, könnte der israelische Menschenrechtler mit einer Haftstrafe rechnen. Denn er ist wegen der Unterbringung eines Palästinensers und der Einreise in die für Israelis verbotenen Palästinensergebiete bereits vorbestraft. Ezra Nawi könnte im Gefängnis landen.

Autor: Igal Avidan

Redaktion: Sarah Mersch

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