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Welt

"Israel wird wohl zuschlagen"

Ronen Bergman gehört zu den bestvernetzten Journalisten Israels. Im DW-Interview erklärt er, warum er noch in diesem Jahr mit einem israelischen Angriff auf den Iran rechnet.

Abgebildet ist Ronen Bergman. Das Foto hat Dor Malka gemacht.

Ronen Bergman

Deutsche Welle: Wie bewertet die israelische Führung das iranische Atomprogramm?

Ronen Bergman: Die Grundannahme ist, dass alles getan werden sollte, um den Iran daran zu hindern, eine Nuklearmacht zu werden. Vor allem, weil der Iran wiederholt die Zerstörung Israels gefordert hat. Angesichts vergangener Traumata haben die Israelis große Angst vor einen neuen Holocaust. Dazu kommen weniger emotionale Gründe: Wenn ein Land, das Terrorismus und dschihadistische Bewegungen unterstützt, Nuklearwaffen hat, kann es diese Gruppen besser protegieren – und der Iran bekennt sich dazu, die Hamas und die Hisbollah zu unterstützen. Die israelische Führung glaubt, dass es viel schwieriger wird, diese Gruppen zu bekämpfen, wenn der Iran eine Atommacht wird. Sobald Ajatollah Ali Chamenei den entsprechenden Befehl gibt, glaubt Israels Regierung, könnte der Iran innerhalb von neun bis zwölf Monaten ein erstes nukleares Bauteil herstellen. Es würde dann ein weiteres halbes Jahr dauern, es so zu verkleinern, dass dieses auf eine Schabab-Raktete passt.

Deswegen, so haben Sie in einem langen Beitrag für die New York Times dargelegt, werde Israel noch in diesem Jahr die Nuklearanlagen des Iran bombardieren. Was könnte ein solcher Angriff erreichen?

Niemand in Israel denkt daran, das Projekt zu zerstören, weil das unmöglich wäre. Aus der Zerstörung des irakischen Reaktors 1981 und der mutmaßlichen syrischen Atomanlage 2007 durch Israel haben die Iraner gelernt: Die Atomanlagen sind auf viele Orte verstreut, sie liegen teils unterirdisch und sind durch eine starke Flugabwehr geschützt. Die Einschätzung in Israel ist, dass ein erfolgreicher Schlag das Programm um drei bis fünf Jahre verzögern würde.

Dann müssten die Angriffe alle paar Jahre wiederholt werden…

Gewissermaßen. Aber ein Land, das von Null mit dem Bau einer Atombombe beginnt, würde dazu auch nur drei bis sieben Jahre brauchen. Man kann also keinen Schaden anrichten, der mehr als eine Verzögerung von sieben Jahren bedeutet.

Wie könnte Iran zurückschlagen?

Die Iraner haben angekündigt, zurückzuschlagen, und es gibt gute Gründe, ihnen zu glauben. Sie hätten fünf Optionen: Erstens könnten sie ihre Schabab-Raketen einsetzen; sie haben rund 300, die Israel erreichen können. Die zweite Möglichkeit ist, die Hisbollah im Norden von Israel mit Vergeltung zu beauftragen. Die Hisbollah verfügt über 50.000 bis 60.000 Raketen, die den Großteil von Israel erreichen können. Drittens können sie die Hamas und die dschihadistischen Bewegungen im Gazastreifen bitten, ihr Raketenarsenal gegen Israel einzusetzen – und die haben eine ziemliche Menge Raketen. Eine vierte Möglichkeit sind Terroranschläge gegen jüdische und israelische Ziele weltweit. Die nächste Möglichkeit wäre, etwas in der Straße von Hormus zu tun, das einen erheblichen Anstieg des Ölpreises zur Folge haben würde.

Könnten Angriffe auf den Iran also die ganze Region in einen Krieg stürzen?

Es gibt Leute, die wie der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan glauben, dass dies in einem richtigen Krieg kulminieren könnte. Niemand sollte dies unterschätzen, insbesondere wenn diese Sichtweise von jemandem kommt, der so vertraut mit der Situation ist wie der ehemalige Geheimdienst-Chef. Auf der anderen Seite gibt es viele Experten, die sich seit langem mit der Entscheidung befassen und glauben, dass der Tag danach nicht so ernst wird.

Es gab in den vergangenen zwei Jahren eine Serie gezielter Ermordungen von Mitarbeitern des iranischen Atomprogramms. Was hat es damit auf sich?

Ich weiß es nicht und selbst wenn ich es wüsste, würde ich Ihnen sagen, dass ich es nicht weiß. Wer auch immer dahinter steckt, versucht offenbar, iranische Wissenschaftler zu beseitigen. Ich nehme an, das geschieht aus drei Gründen: Der erste besteht darin, Leute mit Wissen und Erfahrung zu beseitigen. Zwar kann jeder ersetzt werden, aber das braucht Zeit. Der zweite Grund besteht darin, die Iraner zu massiven Sicherheitsmaßnahmen zu zwingen. Sobald man die Ressourcen darauf verwenden muss, die Mitarbeiter erneut zu überprüfen, sämtliche Ausrüstung für die Nuklearanlagen zu untersuchen und nach Mossad-Spionen zu suchen, bleiben weit weniger Ressourcen für die Weiterentwicklung des Projektes. Den dritten Grund hat der ehemalige Mossad-Chef Dagan "Weißes Überlaufen" genannt. Damit ist gemeint, dass die Wissenschaftler zwar nicht in die USA überlaufen, aber aus Angst um ihr Leben zurück zu ihrem vorherigen Job an einer Universität oder in einer zivilen Anlage gehen.

Sie wissen nicht, wer dahinter steckt, erwähnen aber Mossad-Spione und die recht wohlwollenden Erläuterungen des ehemaligen Mossad-Chefs…

Ich habe gesagt, dass er erfreut ist, dass jemand die Projekte verzögert, aber er hat nicht gesagt, dass der Mossad dahinter steht.

Wer außer Israels Geheimdienst käme infrage?

Wie gesagt: Selbst wenn ich es wüsste, würde ich Ihnen sagen, dass ich es nicht weiß.

Bereits im vergangenen Jahr gab es Spekulationen über einen bevorstehenden Angriff Israels auf iranische Anlagen. Könnte es sein, dass die Regierung entsprechende Hinweise streut, um die USA und die gesamte internationale Gemeinschaft zu einem härteren Vorgehen gegen den Iran zu drängen?

Das ist die Frage und ich habe sie in meinem Beitrag ja selbst gestellt. Ich weiß aber, wie schwierig es war, Israels Verteidigungsminister Ehud Barak und all die anderen Interviewpartner dazu zu bewegen, etwas zum Iran zu sagen, selbst mit der Zusicherung, dies nicht zu veröffentlichen. Dies nun als den bewussten Versuch darzustellen, Informationen in der New York Times unterzubringen, um so das Weiße Haus unter Druck zu setzen, ist weit von dem entfernt, wie es wirklich war. Es ist das erste Mal, dass ich glaube, dass Israel wahrscheinlich zuschlagen wird. Aber habe ich einen Beweis, dass Barak ehrlich war? Nicht einmal Israel hat bislang ein Abhörgerät für Gehirne entwickelt.

Das Gespräch führte Dennis Stute
Redaktion: Thomas Latschan

Ronen Bergman ist Militärexperte bei Israels größter Tageszeitung Yedioth Ahronoth. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter "Secret War with Iran: The 30-year Covert Struggle for Control of a Rogue State". Bergman gehört in den Worten des britischen Guardian zu einem "kleinen Zirkel von Schwergewichten in den israelischen Medien, der viel Zeit mit Politikern, Spionen und Generälen verbringt."

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