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Aktuell Nahost

Israel und Hamas im Sog der Gewalt

Bei israelischen Luftangriffen starben im Gazastreifen mindestens zehn Menschen. Dann heulten in Tel Aviv die Sirenen. Auch ein deutsches Kreuzfahrtschiff geriet in den Dunstkreis der kriegerischen Auseinandersetzung.

"Wir bereiten uns auf eine Schlacht gegen die Hamas vor, die nicht in wenigen Tagen vorbei sein wird", sagte Verteidigungsminister Mosche Jaalon. Nach Angaben von Militärsprecher Peter Lerner hätte eine Bodenoffensive zwei Ziele: "Wir wollen der Hamas im Gazastreifen einen Schlag versetzen und die Raketenangriffe auf Israel verringern." Am Montag seien rund 80 Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert worden. "Wir werden dem ein Ende setzen", sagte Lerner. Es gebe keine zeitliche Beschränkung der Operation. Der Einsatz der Bodentruppen stehe aber nicht unmittelbar bevor.

Am frühen Abend heulten in Tel Aviv die Sirenen, und das Luftabwehrsystem "Eiserner Dorn" fing über der Mittelmeermetropole eine Rakete ab. Zuletzt war die neben Jerusalem wichtigste Stadt des Landes während des achttägigen Krieges von 2008 unter Feuer genommen worden. Gemäß seiner Abschreckungsstrategie reagiert die israelische Armee auf solche Angriffe normalerweise mit massiver Vergeltung.

Israel mobilisiert Reservisten

Bereits in der Nacht zum Dienstag hatte Israels Luftwaffe etwa 50 Ziele in dem schmalen Küstenstreifen angegriffen. Darunter seien auch die Wohnhäuser von vier militanten Hamas-Mitgliedern gewesen, sagte Militärsprecher Lerner. Außerdem habe die Luftwaffe Raketenabschussrampen und Trainingslager beschossen: "Wir werden den Druck langsam verstärken." Israels Regierung gab grünes Licht für die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten.

In einem Umkreis von 40 Kilometern Entfernung vom Gazastreifen wurden die Menschen angewiesen, sich in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten. Insgesamt soll die Hamas über etwa 10.000 Raketen mit verschiedenen Reichweiten bis etwas nördlich von Tel Aviv verfügen. Man bereite sich auch auf die Möglichkeit vor, dass die Hamas Ziele über den Umkreis von 40 Kilometern hinaus angreifen könnte, sagte der israelische Militärsprecher.

Tote nach Luftangriffen

Nach Angaben palästinensischer Augenzeugen und Sicherheitsvertreter wurden bei den Angriffen in der Nacht mindestens zehn Menschen Menschen. Im südlichen Teil des Küstenstreifens kamen nach Angaben von Sanitätern vier Menschen bei einem Angriff auf ein Haus in Chan Junis ums Leben. Fünf Mitglieder der radikalen Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad seien bei einem Angriff auf ein Auto in der Stadt Gaza getötet worden, teilte der Leiter der örtlichen Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, am Dienstag mit. Ein Hamas-Mitglied sei zudem im Zentrum des Gazastreifens getötet worden.

Von den Angriffen war indirekt auch das deutsche Kreuzfahrtschiff "Aida Diva" betroffen, das am Montagabend aus dem israelischen Hafen Aschdod auslief. Nach Angaben der Reederei landeten auf dem Deck kleine Partikel, die von Abwehrraketen stammen könnten. Es gab keine Verletzten oder Schäden am Schiff, wie das Unternehmen mitteilte.

Hamas kündigt Vergeltung an

Der bewaffnete Arm der radikalislamischen Hamas-Organisation, die Essedine-al-Kassam-Brigaden, erklärte, Israel habe mit den Angriffen auf die Häuser eine "rote Linie" überschritten. "Wenn diese Politik nicht beendet wird, werden wir antworten, indem wir den Radius unserer Ziele bis zu einem Punkt ausweiten werden, der den Feind überraschen wird."

Netanjahu droht Hamas

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu droht der radikalislamischen Hamas unterdessen weitere harte Militärschläge im Gazastreifen an. Im Kampf gegen die Hamas sei es an der Zeit, "die Samthandschuhe auszuziehen", sagte er vor einem Treffen mit Vertretern der Sicherheitskräfte in Tel Aviv. Netanjahu hatte sich bisher nicht für eine breite Militäroperation ausgesprochen. Seine Zurückhaltung führte am Montag zum Koalitionsbruch mit der ultrarechten Partei Israel Beitenu. Deren Vorsitzender, Außenminister Avigdor Lieberman, hatte ein hartes Vorgehen gegen die Hamas im Gazastreifen gefordert.

EU und USA verurteilen die Eskalation

Die USA haben die Raketenangraiffe der Palästinenser auf Israel verurteilt. Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung, sagte Regierungssprecher Josh Earnest am Dienstag in Washington. Er zeigte sich besorgt über die Sicherheit von Zivilisten auf beiden Seiten. Die USA hofften, dass Israel einen "Kanal für Diplomatie" geöffnet lasse, um auf eine Waffenruhe oder eine Deeskalation der Lage hinzuwirken.

Auch die Europäische Union zeigte sich beunruhigt über die Gewalt in Nahost. "Wir verfolgen die sich rasch verschlechternde Lage im Süden Israels und im Gazastreifen mit schwerer Besorgnis", erklärte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton in Brüssel. Die EU verurteile das "willkürliche Feuer auf Israel", aber auch die wachsende Anzahl ziviler Opfer, insbesondere Kinder, durch israelisches Gegenfeuer. Alle Seiten müssten "äußerste Zurückhaltung" walten lassen.

cr/mak (dpa, rtr, afp)