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Nahost

Israel und die heikle Atomfrage

Indirekt hat Ministerpräsident Olmert zugegeben, dass Israel über Atomwaffen verfügt. Er bestätigt damit Vermutungen, die es schon lange gibt. Das Eingeständnis aber führt den Druck des Westens auf den Iran ad absurdum.

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Dimona: Hier sollen Atombomben gebaut werden (Aufnahme aus dem Jahr 2005)

Israel-Touristen, die in den 60er-Jahren das Tote Meer sehen wollten, mussten durch die Negev-Wüsten dorthin fahren. Vorbei an dem Entwicklungsstädtchen Dimona, in dem überwiegend nordafrikanische Einwanderer angesiedelt waren. Unweit von Dimona begann südlich der Hauptstraße ein großes eingezäuntes Areal. Die Fremdenführer lenkten das Interesse der Reisenden regelmäßig auf die vermeintlichen Schönheiten der Natur auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wer dennoch fragte, was sich denn hinter dem Zaun verberge, der erhielt die lapidare Erklärung, dies sei eine Textilfabrik.

Getarnte Textilfabrik

In Wirklichkeit wurden auf dem Gelände keine Textilien hergestellt, sondern Atombomben. Schon wenige Jahre nach Staatsgründung gab der damalige Premier David Ben Gurion dem späteren Friedens-Nobelpreisträger Schimon Peres den Auftrag, eine Atomenergie-Kommission zu gründen.

Mit Hilfe Frankreichs begann Israel daraufhin in Dimona den Aufbau der vermeintlichen Textilfabrik und mehrerer anderer nuklearer Forschungsstätten in anderen Teilen des Landes. Die Vereinigten Staaten, die Frankreich schrittweise in der militärischen Unterstützung Israels ablösten, stellten dem Land einen atomaren Forschungsreaktor zur Verfügung.

Zugemauerte Zugänge

All dies geschah vor Gründung der UN-Atomenergiebehörde IAEA 1957, vor allem aber vor Verabschiedung des Nichtsverbreitungs-Abkommens (NPT) im Jahre 1968. Israel schloss sich zwar der IAEA an, nicht aber dem NPT: Vor allem das Atomzentrum von Dimona entzog es damit jeder wirkungsvollen Kontrolle, obwohl Ben Gurion 1968 zugab, dass es sich hier um einen Atomreaktor handle - der angeblich friedlichen Zwecken diene.

Und wenn einmal eine Kontrolle durchgeführt wurde, dann wurden die Inspekteure irregeführt: Als eine Gruppe von US-Experten nach Dimona reiste, um dort nach dem Rechten zu sehen, da mauerte Israel kurzerhand die Zugänge zu den mehrstöckigen unterirdischen Anlagen zu. Übrig blieben eher harmlose Labors und Büros im Erdgeschoß.

Der Fall Vanunu

Was sich unter der der Erdoberfläche abspielte, das brachte 1986 ein Mann an die Öffentlichkeit, der neun Jahre lang in Dimona gearbeitet hatte: Der aus Marokko stammende Mordechai Vanunu war in den unterirdischen Anlagen beschäftigt, er schmuggelte Photos und Pläne dieser Anlagen heraus und beschrieb den Komplex ausführlich in einem Interview mit der britischen "Sunday Times".

Er hätte wissen müssen, dass solche Indiskretion als Landesverrat betrachtet und nicht ohne Folgen bleiben würde. Aber Vanunu verhielt sich äußerst naiv und wähnte sich in London sicher vor dem Zugriff des israelischen Geheimdienstes. Dieser setzte aber eine Blondine auf Vanunu an, die ihn nach Rom lockte. Dort wurde er von Agenten des israelischen Geheimdienstes überwältigt und in einem Koffer nach Israel gebracht.

18 Jahre Haft

Ein Gericht verurteilte Vanunu 1986 zu 18 Jahren Gefängnis. Er musste diese Strafe bis auf den letzten Tag absitzen - zum größten Teil in Isolationshaft. Selbst nach seiner Freilassung im Jahre 2004 waren dem inzwischen zum Christentum konvertierten Vanunu die Ausreise und Kontakte mit der Presse untersagt.

Sarkastisch merkt Vanunu nun an, dass Ministerpräsident Ehud Olmert nun doch eigentlich ähnlich bestraft werden müsse, nachdem dieser zugegeben habe, dass Israel über Atomwaffen verfüge.

Die Waffen wurden offenbar in enger Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime entwickelt und getestet. Sie waren eines der bestgehüteten Staatsgeheimnisse Israels und unterlagen strikten Zensur-Bestimmungen: Dem amerikanischen Agentur-Journalisten Tony Hatch, der über einen gemeinsamen israelisch-südafrikanischen Atomtest berichtete, wurde die Akkreditierung entzogen und er musste Israel verlassen.

Taktik der Einschüchterung

Neues hat Olmert mit seinem Versprecher eigentlich nicht gesagt, selbst wenn seine Bemerkung ungewollt gewesen sein sollte: Seit Ende der 60er-Jahre halten sich Gerüchte, dass Israel über Atomwaffen verfüge. Experten beziffern deren Anzahl auf mehrere hundert Sprengköpfe. Im Gegensatz zu den alten Atommächten droht Israel aber nicht mit seinen Waffen, sondern es hüllt sich in nebulöses Schweigen: Man werde "nicht das erste Land sein, das Atombomben in der Region einführt".

Statt mit seinen Waffen zu prahlen und die Gegenseite damit zu verunsichern, verfiel Israel auf eine Taktik der "Einschüchterung durch Ambiguität". Die freilich nur zur Folge hatte, dass alle Nachbarn Israels - bis hin zum Iran - längst überzeugt sind, dass Israel dem inoffiziellen Atomclub angehört. Und dass es mit Hilfe von aus Deutschland gelieferten U-Booten Atombomben praktisch überall im Nahen und Mittleren Osten einsetzen könnte.

Folgen für Iran-Politik

Trotzdem hielten die Nachbarn sich jahrelang zurück: Ägypten und Saudi-Arabien verzichteten auf eine eigene Atomforschung. Libyen wurde vom Bau einer Atombombe abgebracht. Nur der Iran setzt seine Aktivitäten fort - besteht aber darauf, dass diese nur friedlichen Zwecken diene, nämlich der Erzeugung von Energie. Der sich seit Jahren hin schleppende Atomstreit mit dem Iran hat allerdings in Ägypten und Saudi-Arabien das Interesse wiedererweckt, selbst auch dem nahöstlichen Atomclub beizutreten. Und das ungewollte Eingeständnis Olmerts dürfte dies weiter bestärken. Vor allem aber dürfte es den Druck des Westens auf den Iran weiter ad absurdum führen: Im Gegensatz zu Jerusalem ist Teheran Unterzeichner des Nichtverbreitungsabkommens, lässt Kontrollen seiner Atomanlagen zu und bestreitet jede Ambition auf Atomwaffen.

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