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Nahost

Israel und der Streit um das religiöse Maß

Die Attacke auf einen radikalen Rabbiner befeuert in Israel die Diskussion um die nationale Identität. Säkulare und radikal religiöse Israelis stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Debatte verhärtet sich.

Polizei hält in Jerusalem einen Israeli auf, der auf den gesperrten Tempelberg will (Foto: Getty Images)

Polizei hält in Jerusalem einen Israeli auf, der auf den gesperrten Tempelberg will

Für einen jüdischen Tempelberg hatte er sich stark gemacht, und das hieß für ihn: einen Tempelberg ohne Felsendom und ohne Al-Aksa-Moschee, zwei der bedeutendsten islamischen Heiligtümer. Auf dem Berg dürfe es keine "heidnischen" Stätten mehr geben, schrieb Jehuda Glick auf der Website seiner Organisation "Temple Mount Faithful" ("Die Gläubigen des Tempelbergs"). Nur dann könne dort ein neuer, der dritte jüdische Tempel gebaut werden. Viele Palästinenser empfanden Glicks Wirken als unerträgliche Provokation. Am Mittwoch Abend gab ein palästinensischer Attentäter mehrere Schüsse auf den Rabbiner und rechten Aktivisten ab. Glick wurde schwer verletzt. Einige Stunden später wurde der Attentäter von israelischen Sicherheitskräften erschossen.

Das Attentat heizt die ohnehin seit Wochen angespannte Stimmung weiter an. Wirtschaftsminister Naftali Bennett sagte, mit dem Angriff sei eine "rote Linie aus Blut" überschritten worden. Aus Sorge vor Ausschreitungen schlossen die israelischen Behörden am Donnerstag die Zugänge zum

Tempelberg

, einem der wichtigsten Heiligtümer des Islam. Palästinenserpräsident Abbas bezeichnete dies als "Kriegserklärung". Abends wurden die Zugänge aber wieder geöffnet.

Rabbi Jehuda Glick Archivbild 2010 (Foto: EPA)

Der Rabbiner und rechte Aktivist Yehuda Glick

Scharf geführte Debatten

Das Verbrechen regt in Israel zwei seit langem heftig geführte Debatten aufs Neue an: die über eine mögliche dritte palästinensische Intifada. Und die über

Identität und Selbstverständnis des israelischen Staats

. Israel ist der Staat der Juden, mithin ein religiös definierter Staat. Was bedeutet das für Gesellschaft und Politik des Landes? Und wie gestaltet sich das Zusammenleben von säkularen, orthodoxen, ultra-orthodoxen und extremistischen Israelis?

Er fürchte, dass Israel religiös verhärte und

religiöser Fundamentalismus

immer weiter Fuß fasse, schrieb der Publizist Avraham Burg vor einiger Zeit in der Zeitschrift "The Economist". Dafür machte er ein "aggressives und kriegerisches Rabbinertum" verantwortlich; dieses strebe ein Judentum aus der Zeit vor der Aufklärung und der politisch-kulturellen Moderne an. Zu den konservativen Rabbinern, so Burg weiter, gesellten sich Juden, die sich selbst als nationale Aktivisten sähen und das Westjordanland in Beschlag nähmen. Beide Gruppen seien äußerst erfolgreich: "Das orthodoxe Establishment und die Siedler im Westjordanland haben den jüdischen demokratischen Staat in Geiselhaft genommen und missbraucht." Beide Gruppen profitierten zudem von der Angst, die viele Israelis angesichts der politischen Entwicklung in ihren Nachbarländern. Denn im Zug der seit dreieinhalb Jahren andauernden Protestbewegungen hat der fundamentalistische Islam an Zulauf gewonnen.

"Der innere Krieg"

Ultraorthodoxe Juden in Beit Shemesh 12.02.2014 (Foto: AP)

Orthodoxe Juden wehren sich gegen die Bebauung einer religiös bedeutenden Stätte.

Auch das Autorenduo Yuval Elizur und Lawrence Malkin warnt in seinem 2013 veröffentlichten Buch "The War within" ("Der innere Krieg") vor der Gefahr eines extremen jüdischen Fundamentalismus. Den Duktus des Buches umreißt bereits der Untertitel: "Israel's Ultra-Orthodox Threat to Democracy and the Nation" ("Die Gefahr der Ultraorthodoxen für Israels Demokratie und Nation"). Israel, schreiben die beiden Autoren, befinde sich nicht nur in einem äußeren Krieg mit den Palästinensern. Ebenso tobe ein Krieg im Inneren, nämlich der zwischen säkularen und radikal orthodoxen Israelis.

Der Publizist Daniel Gordis widerspricht diesen Thesen. Das staatlich-religiöse Oberrabbinat erspare vielen orthodoxen Gläubigen zwar die intellektuelle Auseinandersetzung mit konkurrierenden Auffassungen. Das sei der Entwicklung der Religion nicht förderlich. Zugleich verweist Gordis aber auf die Existenz eines modernen, moderaten Judentums. Solange die Mehrheit der Juden in offenen Gesellschaften mit einem regen Marktplatz der Ideen lebe, schreibt er in seiner Entgegnung auf Avraham Burg, "haben wir Anlass zur Hoffnung, dass die jüdische Tradition der Zurückhaltung sich schließlich durchsetzen und den intellektuellen Scharfsinn und moralischen Feinsinn erhalten wird, der so lange das Kennzeichen des Judentums war."

Nachsichtiger Umgang mit Extremisten

Dass es so kommt, hält der Rabbiner und Menschenrechtsaktivist Arik Ascherman allerdings keineswegs für ausgemacht. Die israelische Politik sei über Jahre zu nachsichtig mit den

extremistischen Siedlern

umgegangen, sagt er im Gespräch mit der DW. Das gelte insbesondere für die radikalen Siedler. "Sie wuchsen in einer Atmosphäre auf, in der sie glaubten, sie könnten tun, was sie wollen. Denn über Jahre standen die israelischen Sicherheitskräfte an ihrer Seite. Hinzu kommen radikale Rabbiner, die extremistische Texte schreiben."

Israelis wehren sich gegen eine Räumung ihrer Siedlung im Westjordanland, 2.2. 2013 (Foto: APA / Landov)

Radikale Israelis wehren sich gegen eine Räumung ihrer Siedlung im Westjordanland

Machte diese Bewegung bislang vor allem den Palästinensern im Westjordanland das Leben schwer, so ist sie seit einiger Zeit auch in Israel selbst aktiv. Extremistische Israelis, sagt Ascherman, gingen nicht nur gegen Palästinenser vor, sondern auch gegen linke Aktivisten, die Armee und die Polizei und zudem auch gegen Christen. Die große Mehrheit der Israelis lehne die Radikalen ab, versichert er. Aber sie sähen auch die Gefahr, die von ihnen ausginge. "Es gibt einen rabbinischen Kommentar, der besagt: Glaube nicht, dass eine Hand, die einen Nicht-Juden schlägt, davor zurückschrecken wird, einen Juden zu schlagen. Genau das passiert derzeit."

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