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Nahost

"Israel muss sich entscheiden, Benjamin Netanjahu!"

Israel kann nicht ewig Besatzungsstaat bleiben – schreibt der in Ramallah lebende palästinensische Journalist Mohammad Daragmeh in einem persönlichen Brief an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Mohammad Daragmeh (Foto: Daragmeh)

Mohammad Daragmeh ist palästinensischer Journalist aus Ramallah

Herr Ministerpräsident Netanjahu,

ich bin palästinensischer Journalist und habe während der letzten zwanzig Jahre als Korrespondent in den besetzten Gebieten gearbeitet. Ich habe über die erste und die zweite Intifada berichtet und über die Siedlungsbewegung; ich habe miterlebt, wie Dutzende Menschen starben, und ich habe über Familien geschrieben, die nach der Ermordung des Familienvaters oder eines Sohnes zerbrochen sind.

Wenn ich durch die besetzten Gebiete oder Jerusalem fahre, werde ich täglich Zeuge, wie neue Siedlungen errichtet werden, während meine Landsleute auf viel zu engem Wohnraum eingepfercht leben. Wer deshalb das Risiko eingeht, außerhalb dieser Wohnansammlungen ein Haus zu errichten, sieht sich unversehens den israelischen Bulldozern ausgeliefert, die die Häuser genauso vom Erdboden verschwinden lassen wie die Träume von einem sicheren Heim.

Ich habe auch Geschichten über israelische Opfer gelesen, die bei Selbstmordangriffen getötet wurden. Über eine Kellnerin, die bei einer Explosion in einem Restaurant ihre Beine verlor. Über eine Mutter, die ihren Säugling verlor und ohne ihn vom Café nach Hause zurückkehrte.

Und kürzlich habe ich Ihre Erklärung gehört: Darin verkünden Sie, dass Sie für die kommenden Verhandlungen Überraschungen bereithalten. Dies ließ in mir einen Hoffnungsschimmer aufleuchten, einen Schimmer, der am Horizont zu funkeln begann, nachdem wir die Hoffnung auf ein hiesiges Leben in Sicherheit, Frieden und Würde verloren haben.

Herr Netanjahu, die andauernde Besatzung und Besiedlung bergen

Mahmud Abbas (l.) und Benjamin Netanjahu (Foto: AP/DW-Montage)

Mahmud Abbas und Benjamin Netanjahu treffen sich in Washington

schreckliche Möglichkeiten in sich. Unter anderen die erneute Zuspitzung des Konflikts. Doch es gibt eine Chance, einen historischen Kompromiss zu erreichen, der die nachfolgenden Generationen vor den unheilvollen Auswirkungen dieses Konfliktes bewahrt. Diese Chance liegt in der Errichtung eines palästinensischen Staates auf dem Land, welches Israel im Jahr 1967 besetzte - mit geringfügigem Landtausch, der es Ihnen ermöglicht, das Problem der Siedlungen durch kompakte Siedlungsblöcke zu lösen. Im Gegenzug würden die Israelis in ihrem Staat in Frieden und Sicherheit leben und könnten sich dem Aufbau ihrer Wirtschaft und der Lösung lebenswichtiger Probleme widmen, wie etwa dem Wassermangel, der alle gleichermaßen betrifft.

Die Besetzung palästinensischen Bodens mag manchen Israelis gefallen, doch der Preis dafür ist zu hoch - für Sie wie für uns. Israel kann nicht auf ewig ein Besatzungsstaat bleiben.

Als Kenner der palästinensischen Position kann ich behaupten, dass die große Mehrheit der Palästinenser für einen historischen Kompromiss bereit ist, sofern dieser auf der Errichtung eines unabhängigen Staates in den Grenzen von 1967 basiert; dieser Staat würde auch einen Großteil der Flüchtlinge aufnehmen. In dieser Position sind sich sowohl die PLO wie auch die Hamas einig.

Sollten Sie jedoch weniger als dies anbieten, wird kein Palästinenser, so moderat er auch sein mag, zustimmen.

Herr Ministerpräsident, wir Palästinenser sind, wie die Israelis, normale Menschen, die sich ein Leben in Sicherheit, Freiheit und Würde erhoffen. Dies kann nur Wirklichkeit werden durch ein Ende der Besatzung und die Aufgabe der Siedlungen - oder durch ein Leben in einem Staat, in dem alle Menschen gleich sind, unabhängig von Religion, Herkunft oder Hautfarbe. Mir scheint, dass es für die Palästinenser nur zwei Möglichkeiten geben kann: Entweder ein unabhängiger Staat auf 22 Prozent des historischen palästinensischen Bodens oder die Gleichstellung mit den Juden als Bürger in Israel.

Israel muss sich entscheiden, Herr Netanjahu! Sollte die Situation so bleiben wie sie ist, wird diese offene Wunde weitere Schmerzen verursachen und neue Gefahren hervorrufen.

Mit freundlichen Grüßen

Mohammad Daraghmeh

Redaktion: Rainer Sollich/Diana Hodali