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Holocaust

Israel ehrt erstmals einen Araber als "Gerechten unter den Völkern"

Ausgerechnet in Berlin ehrt Israel einen Ägypter, weil er im Nazi-Deutschland Juden vor der Schoa gerettet hat. Ein Nachfahre des Retters und eine Nachfahrin der Geretteten begegneten sich bei der Feier.

Ehrung von Mohammed Helmy (DW/C.Strack)

Nasser Kotby neben dem Bild seines Großonkels Mohammed Helmy, der Juden bei sich versteckte

"Ohne Dr. Helmy würde ich sicher heute hier nicht stehen." Carla Greenspans Stimme wird im Reden langsamer und leise. Die Mittfünfzigerin aus New York steht in Berlin und erinnert sich dankbar und gerührt an einen Araber. An den ägyptischen Arzt Mohammed Helmy (1901-1982), der im Nazi-Berlin bis 1945 vier Juden half zu überleben. Ihrer Mutter Anna Boros, ihrem Stiefvater, ihrer Großmutter, ihrer Urgroßmutter. Erstmals trifft Greenspan in diesen Berliner Tagen einen Nachfahren Helmys, Nasser Kotby.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt Helmy posthum als "Gerechter unter den Völkern". Bislang wurde die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nichtjuden vergibt, 26593 Personen in 51 Ländern zuerkannt. Auch 601 Deutschen, rund 90 Muslimen und nun in der Person Helmys erstmals überhaupt einem Araber. Es ist eine der Verleihungsfeiern, bei denen heute zumeist nur noch Nachfahren zugegen sind. Und doch ist es bewegend still, als Greenspan spricht. "Das ist ein Tag, von dem ich vielleicht träumen durfte, aber den ich nicht zu erleben dachte."

Israel ehrt mit der Auszeichnung Gerechter unter den Völkern posthum den ägyptischen Arzt Mohammed Helmy ( (DW/C.Strack)

Die Auszeichnung "Gerechter unter den Völkern" für Mohammed Helmy

Rettung vor den Todeszügen

Helmy,1901 in Khartum geboren, kam 1922 zum Studium der Medizin nach Berlin. Er blieb in der deutschen Hauptstadt und arbeitete dort als Internist. 1941, als die Verfolgung der Juden immer härter wurde und die ersten Züge zu den Vernichtungslagern rollten, entschloss er sich, der vierköpfigen jüdischen Familie zu helfen. Er versteckte sie, zunächst in seiner Wohnung, dann in einer Gartenlaube, versorgte sie mit Lebensmitteln, kümmerte sich medizinisch um sie. Alle überlebten, konnten nach dem Krieg in die USA ausreisen. Helmy, der nach dem Krieg seine deutsche Verlobte heiratete (die Eheschließung war ihm in der Nazi-Zeit wegen der Rassegesetze unmöglich), wurde bereits 1962 vom Berliner Senat geehrt. Er starb 1982. Sein Grab findet sich im Westen der Stadt, unweit des Olympiastadions.

Israels Botschafter Jeremy Issacharoff spricht von einer "einzigartigen Gelegenheit, Menschlichkeit zu ehren". Er nennt Helmy einen "Pionier des Friedens". Dessen Geschichte sei nicht nur Erinnerung, sie sei Inspiration.

Für Yad Vashem gehört zur Ehrung jeweils, Nachfahren einzubeziehen. Schon 2013 anerkannte die Holocaust-Gedenkstätte Helmy als "Gerechten unter den Völkern" – doch laut Medienberichten wollten Verwandte von ihm, die man damals in Ägypten ausfindig machte, Helmy nicht von Israel ehren lassen. Der Nahost-Konflikt warf seine Schatten.

Ehrung von Mohammed Helmy (Botschaft des Staates Israel)

Carla Greenspan (3. von r.) mit Nasser Kotby (4. von r.) und dem israelischen Botschafter, Jeremy Issacharoff (2. von r.)

"Wir werden eine Familie"

Nun steht da Nasser Kotby, ein Großneffe Helmys. Gleichfalls Mediziner und schon weißhaarig. Er erinnert an das Schicksal der Juden im Hitler-Deutschland, nennt die "Reichskristallnacht", die Wannsee-Konferenz mit ihrem Beschluss zur systematischen Vernichtung der Juden. Beklagt "Unbarmherzigkeit und Unmenschlichkeit, die es nirgendwo geben sollte und die es doch auch heute an vielen Stellen gibt". Das Ägypten seines Großonkels sei in dessen Jugend ein multiethnisches, vielsprachiges, multireligiöses Land gewesen. Und Nasser sagt, letztlich gelte der Satz "Wer auch nur eine unschuldige Seele rettet, der rettet die ganze Welt" für Juden wie für Muslime. Helmy spricht, wie alle, Englisch, mal fließen deutsche Worte, mal ein lateinischer, dann ein arabischer Satz ein. Und als er – im Original von 1938 – die Einladung zu einem Empfang der ägyptischen Botschaft in Berlin an seinen Onkel vorträgt, zitiert er Französisch. Dass die Verwandtschaft Helmys die israelische Ehrung 2013 nicht habe annehmen wollen? Habe er gar nicht gewusst, sagt er am Rande. Und vom Podium spricht er Greenspan an: "Wir werden sicher eine Familie. Da bin ich sicher."

Carla Greenspan und ihre Mutter, aber auch Kotby besuchten jeweils in der Nachkriegszeit Helmy in Berlin. Aber nie begegnete Kotby Greenspan und Boros. "Er war mit seiner Frau wie zweite Eltern für mich", sagt Kotby. Aber Helmy erzählte nicht viel von seinem mutigen Handeln.

Ehrung von Mohammed Helmy (Taliya Finkel Productions)

Besuch in den 60er Jahren in Berlin: Helmy (Mitte), rechts dessen Frau. Links Anna Boros, die dank Helmy überlebte, mit Tochter Carla.

Engagierte Filmemacherin

Die Geschichte hat Pointen. Da ist bei der Ehrung auch Taliya Finkel, engagierte Filmemacherin aus Israel. Sie las, erzählt sie, 2014 in der Tageszeitung "Ha'aretz" einen kurzen Bericht über Helmy – das ließ sie nicht mehr los. Finkel nahm Kontakt auf mit den Nachkommen von Anna Boros in den USA, mit Carla Greenspan. Und sie machte sich auf die Suche nach weiteren Verwandten Helmys in Ägypten. Die junge Israelin, die noch nie in Ägypten war (und doch mal hin möchte), fand Kotby und telefonierte oft mit ihm. Vor sechs Wochen erfuhr Yad Vashem davon, dass Kotby die Ehrung annehmen wolle. Finkel arbeitet an einem 90-Minuten-Film, einige erste Minuten animierter Szenen zeigt sie bei der Ehrung. Und sie brachte die beiden Nachfahren, Greenspan und Kotby, an Orte Helmys, auch gemeinsam ans Grab.

So ehrt - noch eine Pointe - Israel dank einer engagierten Filmemacherin einen Ägypter in Berlin, im Seepavillon der Akademie des Auswärtigen Dienstes am Tegeler See. Dort, wo junge deutsche Diplomaten ausgebildet werden und auch über die dunkle Geschichte "des Amtes" in Nazi-Deutschland erfahren (zwei deutsche Diplomaten finden sich unter den 601 deutschen "Gerechten unter den Völkern"). "Wir sind in Berlin. Das war die Bühne für das Drama", sagt Kotby. Niemand will sich offiziell an diesem Abend dazu äußern, wie bewegend und wichtig es für die israelische Seite ist, erstmals einen Araber für die Rettung von Juden vor der Vernichtung zu ehren. Es geht – jenseits von Nationalitäten oder Religionen – offiziell immer um das beispielhafte Handeln aufrichtiger Menschen, ihren großen Mut zu rettendem Handeln.

Ein Museum 

Kotby sagt bei der Ehrung, er wünsche sich für seinen Onkel ein kleines Museum in Berlin, das an dessen beispielhaftes Handeln erinnere. Ob das Museum nicht auch in Kairo sinnvoll sei, fragen Journalisten im Anschluss. Ach, sagt Kotby, in Berlin sei Helmy bekannt, in Kairo ein Niemand. Und dann nimmt er am Abend doch die Urkunde und die Medaille mit, und am Freitag reisten sie nach Kairo. Die große Erinnerung an einen "Gerechten unter den Völkern".

 

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