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Nahost

Israel besorgt über Giftgas in Syrien

Ein Eingreifen der USA in Syrien zeichnet sich ab: Dadurch wird auch die Lage in Israel unsicherer. Die Bevölkerung bereitet sich auf den Ernstfall vor - obwohl kaum jemand an einen Vergeltungsschlag aus Syrien glaubt.

Die Hotline der israelischen Postbehörde ist am Montag (26.08.2013) zusammengebrochen. Innerhalb von zwei Tagen hatten sich die telefonischen Bestellungen von Gasmasken samt Zubehör vervierfacht. "Das war zu viel", kommentierte Chaim Mazaki, der Sprecher der Behörde, trocken. Auch in den Postämtern, die als Verteilungszentren für die Schutzausrüstung gegen Chemiewaffen fungieren, standen die Menschen überall im Land Schlange. Der Grund: Die Nachrichten aus dem Nachbarland Syrien bereiten den Israelis zunehmend Sorgen. Dort sind mutmaßlich Chemiewaffen eingesetzt worden. Hinzu kommen die unverhohlenen Drohungen syrischer und iranischer Politiker: Sollten die USA Syrien angreifen, werde Israel das erste Ziel eines Vergeltungsschlages sein, so die Verlautbarungen.

Bislang hat sich Israel aus dem blutigen Konflikt in Syrien herausgehalten. Lediglich im Mai war es zu kleineren Scharmützeln im Grenzgebiet auf den Golanhöhen gekommen. Zudem soll Israel nach Medienberichten seit Jahresbeginn dreimal Ziele in Syrien bombardiert haben, um die Übergabe hochmoderner Waffen an die mit dem Iran verbündete Schiitenmiliz Hisbollah im Südlibanon zu verhindern. Immer wieder leistet das Land aber auch Hilfe: Insgesamt 100 verletzte Syrer sind in den Krankenhäusern im Norden Israels behandelt worden, zuletzt wurden am vergangenen Wochenende 15 aufgenommen.

Vorsichtiger als sonst

Porträt des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu (Foto: Reuters)

Netanjahu: "Eines der gefährlichsten Regimes der Welt"

Offizielle Statements etwa seitens des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zur Situation in Syrien waren bislang kaum zu hören. Das hat sich jetzt geändert: Am Sonntag eröffnete der Premier die Kabinettssitzung mit einer kurzen Ansprache zu den aktuellen Entwicklungen, wählte seine Worte jedoch mit Bedacht. Aus der "furchtbaren Tragödie" müssten Konsequenzen gezogen werden, sagte er. Zum einen dürfe die internationale Gemeinschaft nicht zulassen, dass eines der "gefährlichsten Regimes der Welt" die gefährlichsten Waffen besitze. Zum anderen werde sich Israel im Falle eines Falles zu verteidigen wissen: "Wir haben den Finger notfalls am Abzug." Auch Israels Präsident Schimon Peres forderte "einen internationalen Versuch, sämtliche Chemiewaffen aus Syrien zu beseitigen". Sein Appell zielte in Richtung USA: Der Verbündete soll in die Pflicht genommen werden.

Israel unter Druck

Israel wird sich bis auf weiteres auf die Rolle des Zuschauers beschränken. "Wir betrachten die Entwicklungen mit Sorge, aber so lange Israel nicht gefährdet ist, werden wir nichts unternehmen", sagte Verteidigungsminister Danny Danon. Die Wahrscheinlichkeit, dass der syrische Präsident Baschar al-Assad das Land angreifen wird, wird allgemein als gering betrachtet. "Das wird sich das Regime zweimal überlegen", sagte Danon.

Ein kleines Mädchen probiert eine Gasmaske an in einem Laden in Jerusalem (Foto: Shuttleworth/DW)

Auch in Läden in Jerusalem gibt es Gasmasken

Trotz aller Zurückhaltung sieht sich Israel zunehmend unter Druck gesetzt und reagiert auch darauf: Am Dienstag wurden Abwehrraketen in der Hafenstadt Haifa gen Norden in Stellung gebracht, am Mittwoch tagt der Sicherheitsausschuss der Knesset. Die israelische Armee hat bekanntgegeben, dass auf den Golanhöhen eine zweitägige Übung stattfindet.

Durch die Auseinandersetzungen mit dem Iran, den Bürgerkrieg in Syrien, die jüngsten Umbrüche in Ägypten, Attacken aus dem Sinai und dem Libanon ist die Lage Israels immer unübersichtlicher. Die Angst, dass radikal-islamische Gruppen und Gegner des israelischen Staates die Oberhand gewinnen, ist groß.

Ungenügend ausgerüstet und vorbereitet

Die Postbehörde versucht inzwischen, der stark erhöhten Nachfrage an Gasmasken nachzukommen - was allerdings nicht einfach ist. Derzeit besitzen rund 60 Prozent aller Bürger eine Gasmaske, gab die nationale Heimatfront "Pikud Haoref" bekannt. Die finanziellen Mittel reichten nicht aus, um jede einzelne Person auszurüsten. Eine geplante Erhöhung des diesbezüglichen Budgets von 350 Millionen Dollar fiel dem Sparhaushalt zum Opfer.

Das ist aber nicht das einzige Problem. Es fehlt vor allem am geübten und richtigen Umgang mit der Schutzausrüstung: Das ist die Erfahrung von Maja Schuldiner, einer Wissenschaftlerin am Weitzman Institute of Science in Rehovot. So starben während des Golfkrieges 1991 viele Menschen in Israel, weil sie nicht wussten, was zu tun war: "Viele vergaßen aus Panik, die Verschlusskappe abzunehmen - und erstickten", erinnert sie sich. Andere injizierten sich grundlos das Mittel Atropin, das als Gegengift beigefügt war und starben an Vergiftungen und Herzinfarkten. Seither wurde der Ernstfall nur wenige Male geübt. Auch aus diesem Grund hofft die Mutter von drei Kindern, dass die Israelis ihre Gasmasken nicht brauchen werden.

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