1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Israel aus zwölf Perspektiven

Zwölf Fotografen zeigen mit "This Place" ihren ganz persönlichen Blick auf Israel und das Westjordanland - jeder auf seine Weise. Im Interview spricht der französische Fotograf Frédéric Brenner über das Projekt.

Aus Israel erreichen uns immer die gleichen Bilder über die traurige Realität im Nahostkonflikt. 2007 hatte der französische Fotofgraf Frédéric Brenner die Idee sich diesem Ort aus einer Vielzahl von Perspektiven zu nähern und konnte für sein Projekt elf renommierte Kollegen gewinnen: Wendy Ewald, Martin Kollar, Josef Koudelka, Jungjin Lee, Gilles Peress, Fazal Sheikh, Stephen Shore, Rosalind Fox Solomon, Thomas Struth, Jeff Wall und Nick Waplington.

Für viele der Fotografen von "This Place" war die Reise durch Israel und das Westjordanland auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Die Ausstellung "This Place" zeigt nun in mehreren Städten weltweit das Ergebnis ihrer ungeschminkten, aber dennoch künstlerischen Sicht auf die Konflikt-Region .

DW: Worum geht es bei "This Place"?

Frédéric Brenner: In dem Projekt geht es um Israel als Ort und Metapher. Für mich ist das ein politischer Brennpunkt, der die ganze Welt betrifft.. Wer die Bilder sieht, kommt nicht unbedingt auf Israel, wenn er das nicht schon vorher wusste. "This Place" ist die Suche nach dem menschlichen Dasein, der inneren und äußeren Polyphonie.

Frédéric The Hatuel Family Rodina Hatuelova 2012

Frédéric Brenner: Die Familie Hatuel, 2012

Natürlich geht es um die Polyphonie, die Israel ausmacht, aber der Konflikt beginnt in uns selbst, wenn er uns nicht dazu bewegt, auf unsere eigene Polyphonie zu hören. Meistens müssen wir das selbst heraus finden; es geht hier nicht um das Äußere. Daher ist meine Perspektive eigentlich metaphysisch: Es geht in Wirklichkeit um die Suche nach der eigenen Wahrnehmung. Fernando Pessoa [Anm. d. Red.: portugiesischer Dichter] sagte einmal, dass jeder Mensch "mehrere Persönlichkeiten hat, die allesamt ein Überfluss an Egos sind. (…) In uns gibt es also immer mehrere Personen, die unterschiedlich denken und fühlen."

Als Sie vor sieben Jahren mit dem Projekt begonnen haben, konnten Sie sich da schon vorstellen, dass "This Place" eines Tages in einer internationalen Ausstellung mit Werken von zwölf renommierten Fotografen münden würde?

Einerseits hatte ich schon eine Vorstellung - ich neige dazu, große Erwartungen zu haben. Gleichzeitig konnte ich mir aber nicht vorstellen, was ich dann in der Ausstellung in Prag gesehen habe. Ich war wohl der Katalysator für etwas, das weit über meine Vorstellung hinaus ging. Wenn Sie sich diesen Ort vorstellen, der ja wirklich ein Minenfeld ist, und dazu die zwölf individuellen Charaktere, dann denke ich, das Projekt ist mit viel Können, Willen, Entschlossenheit sowie Verzicht und Begeisterung zustande gekommen.

Frédéric Brenner Nir Caspi 2010

Frédéric Brenner: Nir Caspi, 2010

Worauf mussten Sie verzichten? Ergaben sich Probleme während des Projektes oder waren es die Umstände?

Sie können sich die Probleme gar nicht vorstellen: Es fing damit an, dass wir sechs Millionen Dollar an Spendengeldern sammeln mussten und dann waren da zwölf Künstler, die zwar alle von der Idee fasziniert waren, sich aber Sorgen um das Drumherum machten. Es geht um Israel. Es stand die Frage im Raum, "Ist das Propaganda?"

Die Fotografen hatten Angst, instrumentalisiert zu werden; es dauerte Monate, fast ein ganzes Jahr, bis sie begriffen hatten, dass es sich um ein echtes Angebot handelte, eigentlich aus meiner Sicht eine Carte Blanche. Ich hatte natürlich auch große Ängste, aber mindestens genauso viel Lust auf dieses Projekt. Mein eigenes Werk heißt "Eine Archäologie von Furcht und Lust." Mit diesem Projekt habe ich mich persönlich mehr als jemals zuvor in meinem Leben dem Unbekannten geöffnet.

Wie haben Sie die beteiligten Fotografen ausgewählt?

Da ich Israel als einen radikal andersartigen Ort betrachtete, suchte ich Kollegen, die diese Andersartigkeit in Frage stellten. Es sollten Persönlichkeiten mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher ethnischer, nationaler und religiöser Herkunft sein. Außerdem wollte ich ein breites Spektrum an 'Grammatik und Syntax'.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, mit Fotokünstlern zu arbeiten, anstatt mit Fotojournalisten oder Dokumentarfotografen?

Ich dachte mir, dass sich nur Dichter und Schriftsteller wie Thomas Struth oder Stephen Shore vielleicht trauen würden, eine nicht-duale Perspektive zu öffnen, weiter zu schauen als nach einem Dafür und einem Dagegen, nach Opfern und Tätern – wirklich über die politische Story hinauszugehen. Ich wollte Leute, die dafür 'Grammatik und Syntax' zeitgenössische Kunst neu definieren.

Das Projekt wurde nur durch private Spenden finanziert. Wie haben sie die Mittel beschafft, wie die Menschen überzeugt, zu spenden? Bekommen die Fotografen eine Vergütung?

Sie bekommen gar nichts. Es ist die pure Philanthropie, die reine Liebe zur Fotografie. Keine Erwartungen, keine Einnahmen. Sie haben mitgemacht, weil sie an das Projekt glaubten. Die Beschaffung der Gelder war schwer. Wir brauchen sogar jetzt noch Gelder, um es zu beenden. (…) Als wir Anfang 2007 mit dem Spendensammeln anfingen, begann gerade die Finanzkrise, und die sechs Millionen Dollar bekamen wir nicht auf einmal ausgezahlt.

Neben der Ausstellung und dem Ausstellungskatalog werden alle Fotografen ihre Werke in eigenen Büchern präsentieren. Was ist für Sie der Unterschied zwischen einem Buch und einer Ausstellung?

Wenn man an solch einem Projekt arbeitet und die Arbeit nur im Katalog gezeigt wird – das geht gar nicht. Man möchte eine Plattform haben, wo man sich ganz frei darstellen kann und das Unterfangen, das eigene Verständnis und Unverständnis in Gänze ausbreiten kann. Zehn Meter Ausstellungsfläche und vier oder sechs Seiten in einem Buch sind nicht genug. Also sind die Bücher für alle sehr wichtig. Fazal Sheikh veröffentlicht zum Beispiel vier Bücher. Er ist fast schon besessen von dem Projekt.

Die Fotos der zwölf Fotografen gibt es im Internet. Bis März 2015 ist die Ausstellung "This Place" in Prag zu sehen, danach geht sie nach Tel Aviv und dann weiter in die USA.

Das Interview führte Felix Koltermann. Er bloggt unter fotografieundkonflikt.blogspot.de.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links