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Fußball

Islands EM-Märchen geht weiter

Die Sensation ist perfekt, Debütant Island zieht ins EM-Viertelfinale ein und trifft dort auf Gastgeber Frankreich. England blamiert sich bis auf die Knochen und betreibt den totalen Brexit. Coach Hodgson tritt zurück.

Es ist unvorstellbar, dass es Isländer gab, die an dem Abend des 27. Juni nicht beim Public Viewing waren oder vor dem Fernseher saßen. Oder im Stadion in Nizza. Denn ihre wackere Nationalmannschaft hatte sich ins EM-Achtelfinale gespielt - als Debütant. Das entscheidende Vorrundenspiel verpassten übrigens nur 238 Haushalte Islands - wahrscheinlich, weil sie beim Nachbarn waren. Denn allein der Einzug in die K.o.-Runde war schon eine Riesen-Überraschung. Dort traf sie ausgerechnet auf das Mutterland des Fußballs, England, und warf es sensationell mit 2:1 (2:1) aus dem Turnier. Kein anderer als Kolbeinn Sightorsson wurde der Matchwinner und erzielte das entscheidende Tor.

Island sorgte damit für eine der größten Überraschungen der EM- und den größten Tiefpunkt der englischen Fußballgeschichte nach dem WM-Vorrunden-Aus 2014. "Das ist die schlimmste Niederlage unserer Geschichte", twitterte das Fußball-Idol Gary Lineker. "England ist von einem Land geschlagen worden, das mehr Vulkane als Fußballprofis hat." Trainer Roy Hodgson trat umgehend zurück. "Es ist Zeit für jemand anderen", las er bei der Pressekonferenz nach der Partie von einem Blatt ab. "Es tut mir leid, dass es so enden muss."

Traumstart für England

Dabei lief zunächst alles nach Plan für den großen Favoriten. England war früh in Führung gegangen: Islands Keeper Hannes Halldorsson foulte Raheem Sterling im Strafraum, Schiedsrichter Damir Skomina zeigte sofort auf den Punkt. Englands Kapitän Wayne Rooney schnappte sich den Ball und drosch ihn in der 4. Minute zum 1:0 in die Maschen. Wer nun gedacht hatte, die Partie sei entschieden, sah sich getäuscht: Island zeigte sich völlig unbeeindruckt und erzielte nur zwei Minuten später den Ausgleich: Ragnar Sigurdsson hatte sich nach einem katapultartigen Einwurf des berüchtigten Aron Gunnarsson vor das Tor gemogelt und die Verlängerung von Kari Arnason aus kurzer Distanz zum Ausgleich genutzt. Eine exakte Kopie des 1:0 gegen Österreich im letzten Gruppenspiel (2:1), wenn auch mit anderem Torschützen.

Wayne Rooney erzielt ein Elfmeter-Tor (Foto: Reuters/E. Gaillard)

Am Elfmeterschießen lag es dieses Mal nicht

Damit nicht genug: In der 18. Minute profitierte Kolbeinn Sigthorsson von einer tollen Kombination seiner Mitspieler Gylfi Sigurdsson und Jon Dadi Bödvarsson und einem unglücklich agierenden englischen Torwart: Joe Hart ließ den harmlosen Kullerball aus 18 Metern durch die Finger flutschen. Plötzlich stand es 2:1 für Island - und das nicht mal so unverdient. Die Three Lions antworteten mit wütenden Angriffen, doch kamen nicht zum Ausgleich - Harry Kanes Volley-Drehschuss in der 28. Minute etwa zischte knapp über das Gebälk.

Island zermürbt Three Lions

Island, das sich auf seine Defensiv- und Konterstärke berief, kam jedoch auch weiter munter nach vorn: In der 55. Minute etwa brachte Ragnar Sigurdsson den Ball per Fallrückzieher aufs Tor, aber auch direkt auf Hart, der gemeinsam mit der gesamtem englischen Abwehr staunend dabei zusah. Und auch im weiteren Spielverlauf ließen sich die Nordeuropäer nicht ohne Weiteres hinten reindrängen, sondern spielten weiter mit. Hodgson auf der englischen Trainerbank schlug verzweifelt die Hände vor das Gesicht, denn er musste mitansehen, wie seine Elf hilf- und teilweise orientierungslos dem Rückstand hinterherlief.

Islands bärtiger Kapitän Aron Gunnarsson dagegen grinste verschmitzt nach seiner vergebenen Großchance in der 84. Minute, als er sich nach einem langen Pass im Laufduell durchsetzte, sich im Strafraum fast selbst ausdribbelte und dennoch den Ball in Richtung Tor brachte, die Vorentscheidung aber nicht herbeiführen konnte: Zu leicht war der Angriff gewesen, zu behäbig die Gegenwehr. Den harmlosen Schuss konnte Hart allerdings parieren.

Rooney wird ausgewechselt (Foto: Reuters/K. Pfaffenbach)

Auch Englands Kapitän Wayne Rooney konnt die Blamage nicht verhindern

Als Rooney in der 87. Minute für den jungen Marcus Rashford den Rasen verlassen musste, war das Spiel gelaufen. Der junge Stürmer brachte zwar noch einmal Tempo in die Partie, stürmte wiederholt über die linke Seite nach vorn - doch er kam zu spät. Die Schlussoffensive der Engländer verpuffte im isländischen Abwehrblock. "Die Spieler haben bereits Hirn und Herz der isländischen Bevölkerung gewonnen", hatte Islands Co-Trainer Heimir Hallgrimsson bereits vor der Partie gesagt. Die Menschen auf den Tribünen im Stadion in Nizza verfolgten die Partie ungläubig, staunend, unerfahren im Jubeln - sie sahen Fußballgeschichte. Wer dieses Spiel also tatsächlich verpasst hat, wird in Island nicht viel mitzureden haben in den nächsten Tagen. Bis Sonntag. Dann gibt es ja noch eine Chance.

Alle Viertelfinalspiele im Überblick: (Anstoß jeweils um 21 Uhr MESZ, im DW-Liveticker)

Donnerstag, Marseille: Polen - Portugal

Freitag, Lille: Wales - Belgien

Samstag, Bordeaux: Deutschland - Italien

Sonntag, Paris St. Denis: Frankreich - Island

Lesen Sie hier noch einmal das Achtelfinale zwischen England und Island mit allen Höhepunkten in unserem Liveticker nach:

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