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Europa

Island in der Krise - Auswandern als Lösung?

Vor der Finanzkrise war die boomende Wirtschaft Islands ein Magnet für Arbeitskräfte aus anderen europäischen Ländern. Jetzt suchen viele Isländer nach Arbeit im Ausland.

Stadtansicht von Reykjavik im Sommer (Foto: DW)

Abschied nehmen von Reykjavik?

Schnell noch das Zweitstudium zu Ende bringen und dann im nächsten Jahr nach Norwegen oder Holland umziehen. Das ist das erklärte Ziel von Atli Steinn Gudmundsson und seiner Verlobten Rosa. Der 35-jährige Geisteswissenschaftler will die nächsten Jahre auf keinen Fall in Island verbringen. Dort müsste er mit seinen Steuergeldern die hohen Staatsschulden Islands nach dem Bankencrash bezahlen helfen. "Die Hälfte meiner Freunde sind bereits nach Norwegen ausgewandert", erzählt er, "und die anderen finden den Gedanken zumindest nicht abwegig."

Ein Pärchen umarmt sich (Foto: DW)

Atli Steinn Gudmundsson und seine Verlobte Rosa

In Alltagsgespächen in Reykjavik kommt das Thema "Auswandern" in diesem Sommer ganz selbstverständlich zur Sprache. Es wird erzählt vom Bruder, der als Fischer in Nordnorwegen sein Glück versucht. Oder vom Schwager, der seine Firma verloren hat und jetzt mit seiner Großfamilie das Land verlässt.

Viele junge Berufstätige planen, lieber einige Zeit im Ausland zu studieren, anstatt den nächsten dunklen Winter in Island zu verbringen. Die meisten Osteuropäer, die in der boomenden Baubranche tätig waren, haben Island wieder verlassen. Hunderte Isländer tun es ihnen nach. Vor allem zieht es sie Richtung Norwegen, wo bis Ende des Jahres etwa 1000 Auswanderer aus Island erwartet werden. Für ein kleines Land mit knapp 320.000 Einwohnern ist das keine unerhebliche Zahl.

Angst vor "Brain-Drain"

In Island ist vom "Brain-Drain" nach der Krise ist die Rede - der Gefahr, dass viele gut qualifizierte Arbeitskräfte die Insel verlassen könnten. Für Wirtschaftsminister Gylfi Magnússon, einen parteilosen Professor, sind das keine erfreulichen Aussichten: "Es wäre furchtbar, wenn als ein Resultat der aktuellen Situation Islands die Elite das Land verließe, und wenn die Isländer, die momentan im Ausland studieren, nicht zurückkämen", so Magnússon.

Islands Wirtschaftsminister Gylfi Magnússon (Foto: DW)

Gylfi Magnússon, Islands Wirtschaftsminister seit 2009

Die Zahl der Hausrat- und Möbeltransporte aus Island heraus ist mittlerweile um 20 Prozent höher als im Vorjahr, während umgekehrt ein Drittel weniger auf die Insel gebracht wird. Nach einem Umzug haben - zumindest im beliebten Zielland Norwegen - insbesondere Handwerker und Techniker gute Jobaussichten. In Island müssen die Arbeitnehmer derweil mit Steuererhöhungen und Gehaltskürzungen leben. Außerdem wird die Arbeitslosigkeit im Herbst weiter ansteigen.

Trotzdem hofft Wirtschaftsminister Magnússon, dass die Zahl der Auswanderer überschaubar bleiben wird: "Ein Grund dafür ist, dass die Situation in Island zwar kurzfristig ziemlich trostlos ist, aber die langfristigen Aussichten sind gar nicht so schlecht. Also hoffe ich, das die Bevölkerung langfristig auf Island setzen wird."

Für Arbeitslose drängt die Zeit

Viele hochqualifizierte Arbeitnehmer in Island wollen - und können - nicht auf eine Besserung der Wirtschaftslage warten. Auch Jakob Lindal bekommt das zu spüren. Er leitet ein Architekturbüro im Großraum Reykjavik. Wegen der Finanzkrise mussten er und sein Geschäftspartner zunächst allen Angestellten kündigen.

Ein Plakat auf isländisch (Foto: DW)

Haus zu verkaufen in Island

Das Ziel war es, das Team nach der Krise baldmöglichst wieder einzustellen - doch nun spiele die Zeit gegen ihn, so Lindal: "Ein Mitarbeiter ist auf dem Weg nach Jamaika, einer ist im Norden und hilft auf einer Farm aus, einer ist in Norwegen. Wenn wir sie nicht in den nächsten paar Monaten wieder einstellen, dann sind sie weg." Lindal befürchtet, dass die Architekturbranche in Island irreparabel geschädigt wird, wenn sich die Auftragslage nicht bald bessert.

Auch die Lehrerin und Bibliothekarin Gudny Isleifsdóttir plant den Absprung in eine bessere wirtschaftliche Zukunft. Noch hat sie einen Job, doch sie fühlt sich nicht sicher. Im Internet und im Rathaus von Reykjavik hat sie sich über Jobangebote im Ausland informiert: "Wenn ich eine Arbeit fände, würde ich keine Minute zögern", sagt sie. Sie würde auch fachfremd arbeiten, in einem Laden oder Hotel. "Einfach um eine Chance zu haben, hier rauszukommen."

Autorin: Susanne Henn
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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