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Afrika

Islamisten zerstören Weltkulturerbe

Trotz Protesten aus aller Welt: in Mali setzen Fanatiker ihr Zerstörungswerk fort. Sie vernichten bedeutende Kulturdenkmäler, die unter dem besonderen Schutz der UNESCO stehen.

Im taurischen Palais von St. Petersburg diskutierten am Samstag (30.06.2012) Vertreter der Kulturorganisation der Weltgemeinschaft UNESCO darüber, welche Orte neu in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden. Doch dann mussten sie sich plötzlich mit einem Ort befassen, der eigentlich schon seit 1988 offiziell zum schützenswerten Erbe der Menschheit gehört. Aus Mali im Westen Afrikas erreichte die Kultur-Schützer die Nachricht, dass islamistische Rebellen dort erneut bedeutende Heiligtümer zerstören.

Lehmbauten in Timbuktu (Bild: dpa)

Typisch für Timbuktu: historische Lehmbauten

Kämpfer der Ansar Dine, einer Rebellengruppe, die der Al-Kaida nahesteht, seien mit Spitzhacken und Schaufeln losgezogen, berichteten Augenzeugen aus Timbuktu im Norden Malis. Mehrere Mausoleen und Heiligengräber hätten die Islamisten einfach eingerissen. Zudem hätten sie angekündigt, alle 16 wichtigen Heiligengräber in der Stadt dem Erdboden gleichzumachen.

Eine Schweigeminute für Timbuktu

Das Entsetzen in St. Petersburg über die Nachricht aus Mali sei groß gewesen, berichten Teilnehmer der Konferenz. "Auf Antrag Deutschlands wurde nach Bekanntwerden der Zerstörung in Mali eine Schweigeminute abgehalten", so ein UNESCO-Diplomat im Gespräch mit der DW. "Wir haben uns alle erhoben und damit zum Ausdruck gebracht, wie sehr diese Aktion verurteilt wird."

Seit 1988 zählt Timbuktu zum Weltkulturerbe. Die Stadt am Rande der Sahara, etwa 1000 Kilometer nördlich von Malis Hauptstadt Bamako, wird auch "Perle der Wüste" genannt. Sie galt lange als eine der Haupt-Touristenattraktionen Westafrikas. Neben drei großen Moscheen gehören 16 Friedhöfe und Mausoleen zum Weltkulturerbe in Timbuktu. Die UNESCO verleiht diesen Titel an Stätten, die aus historischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen für die gesamte Menschheit von Bedeutung sind.

Fatou Bensouda (Bild:

Die Zerstörung der Gräber sei ein Kriegsverbrechen, sagt Fatou Bensouda

Die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova, sagte, nichts könne die Vernichtung dieses Kulturerbes rechtfertigen. Die Zerstörungen seien schrecklich und unumkehrbar. Ihre Aufforderung an Ansar Dine: die Zerstörung sofort einzustellen. An die internationale Staatengemeinschaft appellierte sie, die historischen Stätten zu schützen. Dies sei keine leichte Aufgabe, gibt Ute Koczy zu bedenken. Die entwicklungspolitische Sprecherin der Partei Bündnis90/Die Grünen im Deutschen Bundestag fordert dennoch, in gemeinsamer Anstrengung dafür zu sorgen, dass die verbliebenen Kulturdenkmäler Timbuktus nicht verloren gehen. "Die Zerstörung dieser Stätten ist abscheulich", so Koczy im Gespräch mit der DW.

Kultur als Sünde?

Eines der bereits zerstörten Grabmale ist das Mausoleum von Mahmud Ben Amar, einem islamischen Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert. Dorthin pilgerten Gläubige, die sich den Beistand Ben Amars erhofften, den sie wie einen Heiligen verehren. In den Augen der Fanatiker widerspricht dies dem Monotheismus des Islam, in dem nur Gott allein Ehre und Anbetung gebührt. Sanda Ould Bamama, Sprecher von Ansar Dine, erklärte, die Weltkulturerbestätten seien "haram", also Sünde und von Gott verboten.

Doch den Islamisten geht es nicht nur darum, gegen den Volksglauben in Timbuktu vorzugehen. Mit ihrem Zerstörungseifer schüchtern sie die Einwohner der gesamten Region ein und machen deutlich: hier herrschen wir.

Angst bei den Bewohnern Timbuktus

Hadji Garda ist Einwohner von Timbuktu, wo er für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet. "Wir sind schwer betroffen und in unserer Ehre verletzt," erklärt er im Gespräch mit der DW. Trotzdem versuchten die Bewohner Timbuktus, sich von den Islamisten der Ansar Dine nicht provozieren zu lassen. "Wir müssen jetzt Geduld haben", so Garda. Die malische Armee sei nicht in der Lage, die Stadt wieder zu befreien. Deshalb hoffe er nun auf eine internationale Eingreiftruppe, etwa der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS.

Moschee in Timbuktu (Bild:

Eine Moschee aus dem 14. Jahrhundert

Die Islamisten wissen um das weltweite Entsetzen angesichts ihrer Taten. Mit markigen Worten gegenüber der Welt-Kulturorganisation versuchen sie sich als Anti-Imperialisten darzustellen, die jeden Einfluss aus dem Westen zurückdämmen. "Wir sind alle Muslime, wer ist die UNESCO?" fragte Islamistensprecher Sanda Ould Boumana.

Warnung aus Den Haag

Erst am Donnerstag hatte die UNESCO Timbuktu auf die Rote Liste des besonders gefährdeten Welterbes gesetzt. Damit reagierte die Organisation auf den andauernden Konflikt zwischen Regierungstruppen und Rebellen in Mali. Gemeinsam mit Kämpfern des Tuareg-Volks haben die Islamisten seit April zwei Drittel des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Ziel der Tuareg ist ein eigener Staat im Norden Malis. Die Islamisten jedoch streben die Herrschaft im gesamten Land an. Sie wollen ihre strenge Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia, in ganz Mali durchsetzen. Schon im Mai hatten Kämpfer von Ansar Dine begonnen, heilige Stätten in Timbuktu zu zerstören.

Eine klare Warnung an die Islamisten kam am Sonntag (01.07.2012) aus Den Haag. Von dort ließ Fatou Bensouda, neue Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), wissen: die Zerstörung der Grabmale sei ein Kriegsverbrechen und könne deshalb als solches von ihr verfolgt werden.

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