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Nahost

"Islamischer Staat" provoziert den Libanon

Die Terroristen des "Islamischen Staats" bedrohen nun auch den Libanon. Provokationen und Gewaltakte sollen dort die Bevölkerung gegeneinander aufhetzen. Dafür nutzt der IS die konfessionellen Spannungen im Land.

Der Angriff folgte überraschend. Anfang August sickerten Milizen der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) aus Syrien in die libanesische Bekaa-Ebene ein. Dort überfielen sie die überwiegend von Sunniten bewohnte Ortschaft Arsal nahe der syrischen Grenze. Fünf Tage lieferten sich die Terroristen erbitterte Kämpfe mit dem libanesischen Militär, dann zogen sie sich wieder hinter die syrische Grenze zurück. Nicht allein allerdings. Sie hatten Gefangene gemacht: ein gutes Dutzend libanesischer Soldaten. Eine der Geiseln, einen Sunniten, enthaupteten sie Ende August. Damit wollten sie den Druck auf die libanesische Regierung erhöhen, einem Gefangenenaustausch zuzustimmen. Nach der Weigerung der Entscheider in Beirut töteten die IS-Terroristen eine weitere Geisel. Diesmal keinen Sunniten, sondern einen Schiiten.

Die Tat war ein Signal. Denn vorher hatten einige schiitische Clans gedroht, sollte ein Schiit ermordet werden, würden sie in eines der syrischen Flüchtlingslager eindringen und dort Rache nehmen. Denn einige der IS-Terroristen stammen offenbar aus Flüchtlingslagern. Im Schutz unbeteiligter syrischer Zivilisten sollen sie dort den Angriff mit vorbereitet haben. Der angekündigte Racheakt blieb bislang aus. Doch seitdem ist die Lagerund um die Lager mit etwa 1,2 Millionen syrischen Flüchtlingen im Libanon aufs äußerste angespannt.

Ausweitung der Kampfzone

Libanesen protestieren gegen das Assad-Regime, 15. 7. 2011 (AFP / Getty Images)

Aufgebracht: Libanesen protestieren gegen das Assad-Regime

Der Angriff und die Ermordung zweier Geiseln durch den "Islamischen Staat" sind ein klassisches Beispiel dafür,

wie man Kriege von einem Land in ein anderes trägt.

Seit Monaten schon beschießen die IS-Milizen schiitische Gemeinden an der syrisch-libanesischen Grenze. Damit ernten sie den Beifall sunnitischer Extremisten aus dem Libanon. Ihre offen geäußerte Zustimmung zu dem Angriff provoziert die libanesischen Schiiten. Das führt seit Monaten zu immer neuen Zusammenstößen zwischen radikalen Vertretern beider Konfessionen. Durch gezielte Provokationen und Angriffe versuchen die IS-Terroristen auch die dritte große Religionsgemeinschaft des Libanon, die Christen, in die Spannungen hineinzuziehen.

Der Libanon ist immer noch dabei, sich von dem langen Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 zu erholen. Dieser wurde nicht angemessen aufgearbeitet. Es gab keine Wahrheits- oder Untersuchungskommissionen. Stattdessen versuchte man die Ereignisse hinter sich zu lassen, indem man über sie schwieg. So geriet der Krieg zwar in Vergessenheit. Das Misstrauen zwischen den Konfessionen aber blieb.

Neue Generation von Dschihadisten

Durch die Angriffe der IS-Terroristen treten die verdrängten Spannungen nun wieder an die Oberfläche. Läuft es schlecht, könnten sie explodieren. Schon haben sich erste Selbstverteidigungskomitees gegründet,

nimmt der religiöse Extremismus unter jungen Libanesen zu

. "Wir beobachten den Aufstieg einer neuen dschihadistischen Jugend mit sehr geringen Kenntnissen über den Islam", erklärt Nabil Rahim, ein Führer der libanesischen Salafisten, im Interview mit "Al-Monitor". Das Internet-Portal befasst sich mit der politischen Entwicklung des Nahen Ostens. Nabils Anhänger sind öffentlich auf Distanz zum IS gegangen.

Syrische Flüchtlingskinder im Libanon, 09.08.2914 (Foto: Reuters)

Zwischen den Fronten: Syrische Flüchtlinge im Libanon

Gesteigert werden die Spannungen durch den Umstand, dass die schiitische Hisbollah seit rund drei Jahren an der Seite des syrischen Diktators Baschar al-Assad kämpft. Die Hisbollah ist ein Geschöpf der theokratischen Diktatur in Teheran. Auf ihr Geheiß nimmt die Hisbollah am Krieg in Syrien teil. Dieser Umstand hat viele Sunniten verbittert – in Syrien ebenso wie im Libanon selbst. Dort haben sich die inner-libanesischen Spannungen durch das Engagement der Hisbollah im Nachbarland noch einmal massiv verstärkt.

Konfessionelle Spannungen

Diese Entwicklung trifft einen Staat, der seit über fünf Monaten keinen Präsidenten an seiner Spitze hat. Die Wahl kommt nicht zustande, weil sich die Vertreter der drei Religionsgemeinschaften auf keinen Kandidaten einigen können. Christen, Schiiten und Sunniten fürchten jeweils einen Verlust an Macht und Einfluss. Besonders empfindlich sind – nicht nur im Ringen um den Präsidenten – die Schiiten. Der Libanon mit seinen rund 4,5 Millionen Einwohnern hat rund 1,2 Millionen Syrer aufgenommen, die allermeisten von ihnen Sunniten. Bleiben sie dauerhaft im Land, könnten sie zusammen mit den rund 300.000 seit langem im Land lebenden palästinensischen Flüchtlingen das Gleichgewicht der Religionsgemeinschaften im Libanon aus dem Gleichgewicht bringen. Dieser Umstand heizt die derzeitigen Spannungen zusätzlich an. "Dieses Verhältnis bringt den Libanon auf jenen Weg, auf dem sich auch der Irak befindet" erklärt Salafistenführer Nabil Rahim. "Wie der Irak steuert auch der Libanon auf ein Machtvakuum zu."

Hisbollah Kämpfer auf einer Versammlung, 11.11. 2011 (Foto: AP)

Geben sich patriotisch: Hisbollah-Kämpfer

Diese Spannungen sind längst auch

der Hisbollah

bewusst. Sie präsentiert sich darum weniger als schiitische denn als nationale Kraft. Die Grenzen des Landes zu sichern sei Aufgabe des libanesischen Militärs, erklärt der Jurist Aly Fayyad, der für die Hisbollah im libanesischen Parlament sitzt. "Sollte sich die Lage verschlimmern, ist die Hisbollah bereit, den Libanon zu verteidigen." Zu diesem Zweck stärkt die Hisbollah derzeit ihren nicht rein schiitischen Arm, die "Libanesischen Widerstandsbrigaden". Sie wurden 1998 als interkonfessionelle Gruppe gegründet, um Israel zu bekämpfen. Nun soll sie dazu eingesetzt werden, weitere Angriffe der IS-Terroristen abzuwehren. Der IS hat für den Libanon längst ganz eigene Pläne. Syriens südlicher Nachbar solle ein islamisches "Emirat" werden, erklärte jüngst ein IS-Sprecher. Diese Aussicht entsetzt die große Mehrheit der Libanesen derart, dass sie sich über alle konfessionellen Rivalitäten hinweg zusammenschließen könnten, um den Vormarsch der Dschihadisten zu stoppen.

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