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Kultur

Islamforscher Thielmann: "Helfen statt kriminalisieren!"

Der islamistische Terrorismus stellt nach Ansicht des Verfassungsschutzes derzeit die größte Bedrohung der inneren Sicherheit in Deutschland dar. Dazu Einschätzungen des Islamforschers Jörn Thielmann.

DW: Herr Thielmann, in Syrien und im Irak sind sunnitische Islamisten auf dem Vormarsch. Rechnen Sie damit, dass junge Muslime aus Deutschland auch in diesen Krieg ziehen werden?

Jörn Thielmann: Mit Sicherheit. Und das aus komplexen Gründen, manche sicher auch aus Abenteuerlust und aus Lust am Kämpfen.

Was macht denn aus einem in Deutschland lebenden Muslim einen Gotteskrieger?

Die Gründe sind im Einzelfall sehr verschieden: Diskriminierungserfahrung, Ausgrenzungserfahrung, eine gewisse Gewaltaffinität. Manche kommen auch aus einem kleinkriminellen Milieu, bevor sie frommer und radikaler werden. Diese haben teilweise schon Erfahrung mit Gewalt vor ihrer Hinwendung zur Religion und auch das Gefühl, für eine gerechte und gute Sache einzustehen, für das Wahre und Gute zu kämpfen. Diese Adoleszenz- und Spätadoleszenz-Phase ist, wie man aus der Psychologie und der Jugendforschung, aber auch aus der persönlichen Erfahrung weiß, eine Zeit, in der man in Schwarz-Weiß-Kategorien denkt, in Gut und Böse. Diese Gemengelage plus die sehr individuellen biographischen Zusammenhänge, die ja auch immer in den Verfassungsschutzberichten angedeutet werden, führen dazu, dass junge Männer und Frauen in den Kampf ziehen. Das wird auch so bleiben.

Wenn diese Gotteskrieger zurückkehren, geraten sie ins Visier der Verfassungsschützer. Sind denn islamistische Rückkehrer aus solchen Kampfgebieten besonders gefährlich?

Ich glaube, sie können besonders gefährlich sein. Das liegt unter anderem auch an zu erwartenden massiven posttraumatischen Belastungsstörungen durch den Aufenthalt in absolut entmenschlichten, brutalisierten Kampfgebieten, durch die Beteiligung an Kampfhandlungen und Erfahrungen mit entfesselter Gewalt, vielleicht auch mit aktiver Beteiligung an Gewalt. Diese Menschen brauchen nicht nur eine kriminalistische Behandlung, sondern vor allem medizinische und psychotherapeutische Hilfe, damit sie nicht gefährlich werden - so wie traumatisierte Soldaten, die heimkehren, Betreuung und Hilfe brauchen, damit sie nicht Amok laufen oder sich selbst verletzten und schädigen. Das ist ein medizinisch-psychologisches, therapeutisches Problem, das man ernst nehmen muss und nicht nur mit Bewachung und Vorladung zur Polizei in den Griff bekommt.

Auf welches Umfeld treffen solche Gotteskrieger in Deutschland, wenn sie zurückkehren?

In islamistischen Zirkeln haben sie mit Sicherheit Reputation und Respekt als Menschen, die etwas gewagt haben für ihren Glauben und den Islam - was immer das im Einzelfall sein mag. Insofern werden sie eine positive Aufnahme erfahren. Die Frage ist, ob diese positive Aufnahme ihrer Lebenssituation auch ihrer psychosozialen Situation gerecht wird. Da habe ich meine Zweifel. Denn vieles von dem, was sie erlebt haben, werden sie nicht erzählen und berichten können. Sie können vielleicht sagen: Wir sind von der syrischen Regierung beschossen oder bombardiert worden. Und da haben wir uns heldenhaft verhalten. Aber all die Gewalt, Gewaltakte, die man selbst und vielleicht an Unschuldigen verübt hat, das lässt sich ja nicht erzählen.

Wie ist das mit Integration, mit Aussteiger-Programmen? An welche Gegenmaßnahmen denken Sie?

Ein erfolgreiches Aussteiger-Programm kann nur funktionieren, wenn man alle großen Verbände an Bord holt - auch die islamischen Gemeinschaften, die bisher als legalistisch-islamistisch im Verfassungsschutzbericht auftauchen: also einschließlich der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), die als Muslimbruder-Arm gilt, und der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, die als größte islamistisch-legalistische Organisation gilt. Gerade diese Organisationen muss man in erfolgreiche Prävention mit einbinden. Und die sind dazu auch bereit, wollen das und brauchen die Unterstützung staatlicher und sonstiger zivilgesellschaftlicher Stellen.

Wenn wir die ausgrenzen aus Förderprogrammen und aus Kooperation ausschließen, indem man sie in Verfassungsschutzberichten mit bestimmten Labeln versieht, verbaut man sich Chancen tatsächlicher Prävention. Denn diese Organisationen haben den Zugang und die Glaubwürdigkeit, Jugendliche anzusprechen. Die sind nicht verbandelt mit dem radikalen Milieu, vielmehr haben sie Kanäle, über die sie sich indirekt diesen Milieus annähern können. Und das muss man nutzen, wenn man verhindern will, dass die Rückkehrer zu einem wirklichen Problem werden!

Brauchen wir den Verfassungsschutz, um religiöse Fanatiker in Deutschland zu beobachten?

Natürlich. Aber ein guter Verfassungsschutz sollte sich stärker von der Wissenschaft inspirieren lassen, möglichst das Feld direkt beobachten und die Phänomene wahrnehmen - aber nicht mit vorgefertigten Kategorien. Was der Verfassungsschutz auch nicht tun sollte: theologische Bewertungen treffen! Glaubenssätze müssen nicht eins zu eins verfassungskonform sein. Nehmen wir zum Beispiel die Position der katholischen Kirche zur Frauenordination, also dass Frauen kein Priesteramt bekleiden dürfen. Das ist definitiv ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz. Und trotzdem darf die katholische Kirche das sagen und taucht damit nicht im Verfassungsschutzbericht auf. Da geht keiner davon aus, dass sie einen wichtigen Pfeiler unseres Grundgesetzes umhauen will. So eine Haltung würde ich mir auch mit Blick auf muslimische Verbände und Organisationen wünschen.

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Dr. Jörn Thielmann ist Islamwissenschaftler und Geschäftsführer des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa EZIRE an der Universität Erlangen.