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Kultur

Islam im Schulbuch: eine Herausforderung

Ganz neu. Und vor allem bunt: ein Schulbuch für den islamischen Religionsunterricht. Der wird an Grundschulen in NRW eingeführt. Das Buch will Fakten genauso vermitteln wie islamische Werte. Aber welche Werte?

Was bisher "Islamkunde" hieß und seit 1999 als Modellversuch an einigen Schulen praktiziert wird, heißt künftig "Islamischer Religionsunterricht" und wird nun als reguläres Fach erstmals an Nordrhein-Westfalens Grundschulen eingeführt.

Rechtzeitig zum Schulbeginn ist jetzt ein neues bekenntnisorientiertes Schulbuch für den Islamischen Religionsunterricht erschienen, "Miteinander auf dem Weg", heißt es. Der Verlag wirbt damit, dass es das erste Lehrwerk seiner Art sei, das nicht nur Fakten, sondern auch Normen und Werte vermittle. Bekenntnisorientiert eben. Für Michael Kiefer eher ein Marketingschachzug. "Wir haben mittlerweile durchaus schon eine Reihe von Lehrwerken, die gleichfalls aus der Binnenperspektive der Religion berichten", sagt der Islamwissenschaftler. "Mein Islambuch" zum Beispiel, oder "Die schöne Quelle", die bisher im Islamkundeunterricht der Grundschule verwendet werden, hätten durchaus auch bekenntnisorientierte Elemente.

Tradition oder Moderne - und wie viel von beidem?

Wirklich neu sei hingegen, dass das Buch zeichnerisch aufwändig bebildert ist. Bei einem Lehrwerk für die erste und zweite Klasse sei so etwas wichtig, vor allem weil Erstklässler in der Regel noch nicht lesen können. Freundlich, bunt und mit viel Liebe gezeichnet, führen die Protagonisten Sarah und Bilal die Erst- und Zweitklässler in dem neuen Buch durch einen Alltag, der die Lebenswirklichkeit der Schüler möglichst widerspiegeln soll. Für besonders gelungen hält Kiefer den interreligiösen Teil: "Das ist wunderbar gemacht, weil den Kindern hier auch fundierte Informationen zum Judentum und zum Christentum vermittelt werden."

Allerdings würden die Akteure Sarah und Bilal als Migrantenkinder dargestellt, deren Eltern nach Deutschland zugewandert seien - Sarahs Eltern kommen aus Saudi-Arabien, wie die Kinder lernen, Bilals Eltern aus der Türkei. "Ich hätte mir gewünscht, dass der Islam nicht so sehr unter der Perspektive der Ausländerreligion vermittelt wird." Immerhin seien viele der Muslime, die in Deutschland leben, hier auch geboren und die vierte Generation der Einwanderer.

Pragmatische Lösungen - und dennoch Kritik

Ein Buch, das nicht nur Fakten vermitteln will, sondern auch religiöse Normen und Werte, muss sich allerdings entscheiden, welche das sein sollen: die eher traditionellen Lesearten des Korans oder auch moderne Elemente einer aufgeklärten Islamischen Theologie? "Unsere Intention war es, ein Islambuch zu machen, das von allen getragen wird", sagt Herausgeber und Autor Mouhanad Khorchide. Innerhalb der islamischen Community in Deutschland gebe es Erwartungen, einen gewissen traditionellen Islam zu bewahren.

Mit sechs weiteren Autoren, teils von den vier großen islamischen Verbänden, hat Khorchide versucht, den Erwartungen von Wissenschaft, Verbänden, Eltern und Schülern gerecht zu werden. In diesem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne, zwischen Staat und Religion waren aber offenbar Kompromisse nötig, etwa bei der Bebilderung von Sarah, Bilal und anderen Schülern beim Islamunterricht in der Schule. "Da erwartet dann die muslimische Community, dass eine Lehrerin ein Kopftuch trägt. Das aber ist in Deutschland verboten." Gelöst habe man das Problem zunächst durch eine männliche Lehrkraft.

Gott - oder Allah?

Zu Hause tragen die Mütter von Sarah und Bilal keine Kopfbedeckung, im öffentlichen Leben werden Musliminnen mal mit, mal ohne Kopfbedeckung dargestellt. Das entspreche der Lebenswirklichkeit der Schüler, so Khorchide. Zudem lasse diese Variation in den Zeichnungen den Schülerinnen noch den Freiraum, sich später einmal für oder gegen die symbolträchtige Kopfbedeckung zu entscheiden.

Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster (Foto: Ulrike Hummel)

Mouhanad Khorchide

Kritik hinsichtlich der Kompromisse gibt es letztlich aber an ganz anderer Stelle: Im Buch wird zum Beispiel der arabische Begriff "Allah", was in der deutschen Übersetzung schlicht "Gott" bedeutet, nicht ins Deutsche übersetzt. Ist also "Allah" der Gott der Muslime und "Gott" der andere, der fremde Gott der Christen? fragen Kritiker "Ich denke, wenn man so ein Buch verantwortet, kann man da keine Kompromisse machen", sagt die islamische Religionspädagogin und Publizistin Lamya Kaddor. Autor Mouhanad Khorchide sei verantwortlich für das Islambild der Menschen, die in den nächsten Generationen durch sein Buch mit geprägt würden, sagt sie. "Wenn das soweit führt, dass Schüler denken, Allah und Gott sind nicht dieselben, und nur unser Gott heißt Allah und der Gott der Anderen heißt irgendwie Gott - ich könnte das nicht verantworten."

Wenn Religion auf Wirklichkeit trifft

Mouhanad Khorchide, der das Münsteraner Zentrum für Islamische Theologie leitet, wird auch künftig den Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen Staat und Religion meistern müssen. Das Buch lehrt etwa, dass Muslime an jedem Ort zu "Allah" beten können - aus religiöser Sicht. Die deutsche Rechtsprechung schränkt diese Lehre ein.

"Miteinander auf dem Weg" für die erste und zweite Klasse ist der Auftakt einer Reihe, die muslimische Schüler künftig bis zur letzten Klasse des Gymnasiums begleiten soll. In Planung sind ebenfalls entsprechende Bände für Lehrer mit Begleitmaterial. Noch ist der Lehrplan für das neue Fach aber nicht verabschiedet. Erst danach kann der Titel "Miteinander auf dem Weg" durch den Beirat und das Kultusministerium als Schulbuch genehmigt werden.