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Deutschland

Ischingers Vermächtnis im Kosovo

Häufig sieht man Wolfgang Ischinger mit hochrangigen Politikern. Doch an diesen Tagen trifft man den ehemaligen Botschafter in den Straßen von Berlin. Er begleitet aber keine Prominenz, sondern Schüler aus dem Kosovo.

Wolfgang Ischinger mit Schülern in Berlin (Foto: DW)

Wolfgang Ischinger auf besonderer Mission in Berlin

Veton hat sich Berlin irgendwie anders vorgestellt: "Ich habe nicht geglaubt, dass es so groß ist. Wir haben eine Busrundfahrt durch die Stadt gemacht. Berlin ist ja riesig!" Seit einigen Tagen reist der 15-Jährige mit sieben anderen Jugendlichen quer durch die deutsche Hauptstadt. Gerade überqueren sie in zwei Etappen die breite Gertraudenbrücke auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte. Von einer Baustelle in der Nähe dröhnen Maschinen. Der Lärm der Großstadt stört Veton nicht. Er wundert sich über die Grünflächen und dass alles so ordentlich und sauber ist.

Der 15-jährige Veton (Foto: DW)

Grün und ordentlich: Der 15-jährige Veton hatte sich Berlin nicht so vorgestellt

Veton kommt aus einem kleinen Dorf namens Sllatina im Süden Kosovos und bereitet sich gerade auf die Oberschule vor. Die neunte Klasse wird er in der Stadt fortsetzen. Sein Dorf ist zu klein, um ein Gymnasium zu haben. Und es gäbe dort womöglich nicht einmal eine Grundschule, wäre da nicht die Großzügigkeit eines jungen Mannes gewesen, der vor zehn Jahren starb.

Ein Kinderprojekt im Kosovo

Die kleine Dorfschule trägt seinen Namen: Florian Ischinger. Der kannte den Balkan durch die Tätigkeit seines Vaters, Wolfgang Ischinger. Der ehemalige deutsche Diplomat hatte in den 1990er-Jahren mehrmals zwischen den dortigen Konfliktparteien vermittelt. Unter seiner Mitwirkung kam 1995 das Daytoner Abkommen zustande. Sein Sohn Florian verfasste später eine ausführliche Studienarbeit über dieses Thema. "Er war sehr engagiert und fand es furchtbar, was damals in Bosnien und am Ende der 90er-Jahre in Kosovo passierte", erzählt sein Vater.

Dann starb Florian Ischinger. Der knapp 20-Jährige vermachte in seinem Testament sein gesamtes Geld einem Kinderprojekt in Kosovo. Wolfgang Ischinger wandte sich an den Cap Anamur-Gründer Rupert Neudeck - noch voller Trauer aber bereit, das Vermächtnis zu erfüllen. "Ischinger rief mich an und sagte, ich solle mich nicht wundern, wenn das Gespräch plötzlich abbrechen würde", erinnert sich Neudeck heute.

Damals hatte der weltbekannte Helfer mit dem Wiederaufbau des Kosovos alle Hände voll zu tun. Neudeck schlug Sllatina, das 200-Seelendorf in der Provinz Kaçanik, für das Projekt vor. Wie das gesamte Dorf war auch die Schule 1999 während des Krieges zerstört worden. Das Geld reichte gerade, um sie wieder aufzubauen.

Eine Woche in Berlin

Der Schuldirektor der Florian-Ischinger Enver Dalloshi (Foto: DW)

Stolz auf seine Schule: der Direktor der Florian-Ischinger-Schule

Sieben Jahre später unternahm Wolfgang Ischinger als EU-Vertreter in der sogenannten Kosovo-Troika den letzten Vermittlungsversuch zwischen Serben und Albanern. Schulleiter Enver Dalloshi ist stolz auf seine Freundschaft mit Ischinger. Der jetzt 64-Jährige besucht die Sllatina-Schule von Dalloshi regelmäßig. "Beim letzten Besuch entstand dann die Idee, die Schüler nach Berlin einzuladen", erzählt Dalloshi“.

Der erfahrene Gastgeber Ischinger hat für den einwöchigen Aufenthalt der acht Schüler ein volles Programm vorbereitet: Schiffrundfahrten, einen Grillabend im Berliner Stadtpark "Tiergarten" sowie einen Besuch im Berliner Zoo. Und dann durften die Schüler auch hinter jene Türen schauen, die stets von Polizisten bewacht werden: die des Auswärtigen Amtes.

Kinder bei der Kontrolle im Auswärtigen Amt (Foto: DW)

Kein Visum, aber Kontrolle - ein Besuch in das Auswärtige Amt steht auf dem offiziellen Teil des Programms

Die Sicherheitskontrollen erinnerten Amira an den Flughafen von Pristina. Sie sei dort zum ersten Mal in ein Flugzeug gestiegen. "Beim Start und bei der Ladung hatte ich große Angst, aber über den Wolken war es sehr schön", sagt die 12-Jährige mit dem dunkelblonden Pferdeschwanz und lächelt schüchtern. Schon lange davor habe sie sich auf die Fahrt nach Berlin gefreut. Nun wisse sie nicht, wo sie anfangen soll, wenn sie ihren Freundinnen in Sllatina von Deutschland erzählen wird. "Von den hohen Gebäuden und breiten Straßen und den unzähligen Geschäften", fängt sie an zu erzählen. "Die Parks, der Zoo", ruft ein Junge. "Von dem Holocaust-Mahnmal" fügt der Lehrer Mensur Elezi hinzu. "Ich habe es ihnen erklärt: Die Deutschen haben ihre Schuld eingestanden. Wir müssen auch erreichen, dass die Serben ihre Schuld anerkennen", erklärt der Lehrer. Doch die Kinder scheinen nicht so genau zuzuhören. Nur Veton, dessen Vater im Krieg gefallen ist, nickt zustimmend.

Autorin: Anila Shuka
Redaktion: Kay-Alexander Scholz/Martin Muno