IS will russische Passagiermaschine zum Absturz gebracht haben | Aktuell Welt | DW | 31.10.2015
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Aktuell Welt

IS will russische Passagiermaschine zum Absturz gebracht haben

Der ägyptische Ableger der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) hat nach eigenen Angaben die russische Passagiermaschine über Ägypten zum Absturz gebracht. Bei der Katastrophe starben alle 224 Menschen an Bord.

Eine A321 der Fluggesellschaft Kogalimawija (Foto: AP)

Eine A321 der Fluggesellschaft Kogalimawija

Ein Badeurlaub am Roten Meer ist für zahlreiche Menschen tödlich geendet: Bereits kurz nach dem Start im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich ist ein russischer Urlaubsflieger mit 224 Menschen an Bord über der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Wie die russische Botschaft in Kairo auf ihrer Facebook-Seite mitteilte, starben alle Passagiere. Vertreter der ägyptischen Sicherheitsbehörden und Rettungskräfte erklärten, es gebe "keine Überlebenden". Die meisten Fluggäste waren russische Urlauber.

Die Behörden waren Sicherheitskreisen zufolge zunächst von einem technischen Defekt ausgegangen. Es gebe bislang weder Hinweise auf einen Abschuss noch auf eine Bombe an Bord, hieß es. Später teilte jedoch der ägyptische Ableger der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) auf seinem Twitter-Konto mit, er habe die Maschine auf dem Sinai zum Absturz gebracht. Die "Soldaten des Kalifats haben es geschafft, ein russisches Flugzeug in der Provinz Sinai" abzuschießen, erklärte die IS-Gruppe. Die mehr als 220 "Kreuzzügler" an Bord der Maschine seien getötet worden. Der Abschuss sei eine Racheaktion für die russische Intervention in Syrien. Russland hat Ende September mit Luftangriffen in Syrien begonnen. Das Flugzeug war in einer Unruhe-Region zerschellt, in der auch Anhänger des IS operieren.

Pressekonferenz der russischen Behörden am Petersburger Flughafen Pulkowo (Foto: dpa)

Pressekonferenz der russischen Behörden am Petersburger Flughafen Pulkowo (Foto: dpa)

Verkehrsminister Maxim Sokolow widersprach Berichten, wonach das Flugzeug abgeschossen worden sei. "Es gibt derzeit in verschiedenen Medien Informationen, dass das russische Passagierflugzeug mit einer Flugabwehrrakete von Terroristen abgeschossen worden sei", sagte Sokolow der Nachrichtenagentur Interfax. "Diese Information kann nicht als korrekt betrachtet werden."

Nach Angaben von Militärexperten verfügen die IS-Kämpfer auf dem Sinai nicht über Boden-Luft-Raketen, die ein Flugzeug auf einer Höhe von 30.000 Fuß (rund 9100 Meter) treffen könnten, wie dies bei der russischen Maschine bei ihrem letzten Funkkontakt der Fall war. Die Experten schlossen aber eine Bombe an Bord oder einen Abschuss durch eine Rakete nicht aus, sollte das Flugzeug wegen technischer Probleme in den Sinkflug gegangen sein.

Rettungskräfte fanden Trümmerteile des Airbus 321 in einer Gebirgsregion nahe dem Al-Arisch-Flughafen im Norden des Sinai, wie die ägyptische Flugunfallbehörde mitteilte. 45 Krankenwagen eilten zum Absturzort.

Helfern zufolge zerbrach das Flugzeug nach dem Abstzurz in zwei Teile. Ein Teil des Flugzeugs sei an einem Felsen zerschellt, der kleinere, hintere Bereich in Flammen aufgegangen. Viele der Opfer säßen noch angeschnallt in ihren Sitzen, sagte ein Helfer. Unter den Todesopfern seien mindestens 17 Kinder, sagte der Chef der Luftfahrtbehörde, Mahmud al-Sinati.

Der Kontakt zu dem Charterflugzeug der russischen Fluggesellschaft Kogalimawija mit 217 Passagieren und sieben Besatzungsmitgliedern an Bord sei nur 23 Minuten nach dem Start über dem Sinai abgebrochen, sagte ein Vertreter der ägyptischen Flugaufsicht. Der Airbus A-321 flog demnach in einer Höhe von über 30.000 Fuß (rund 9100 Meter), als er vom Radar verschwand. Kurz zuvor habe der Pilot Probleme mit dem Kommunikationssystem gemeldet. Gerüchte, wonach der Pilot versucht haben soll, in Al-Arisch notzulanden, wurden von offizieller Seite zunächst nicht bestätigt.

Russische Minister auf dem Weg nach Ägypten

Am Flughafen Pulkowo in St. Petersburg versammelten sich verzweifelte Angehörige. Sie warte auf ihre Eltern, sagte die 25-jährige Ella Smirnowa. "Ich habe zum letzten Mal mit ihnen telefoniert, als sie schon im Flugzeug saßen, und dann habe ich die Nachricht gehört." Sie hoffe zwar, dass ihre Eltern noch am Leben seien, "aber vielleicht werde ich sie nie wiedersehen".

Russlands Präsident Wladimir Putin wies das Katastrophenschutzministerium in Moskau an, auch eigene Rettungskräfte zum Absturzort zu schicken. Der Katastrophenschutz bereitete den Abflug von drei Maschinen mit Bergungsmannschaften vor. Laut Berichten russischer Nachrichtenagenturen sollten auch Katastrophenschutzminister Wladimir Puschkow, Verkehrsminister Maxim Sokolow und der Chef der Luftverkehrsbehörde, Alexander Neradko, auf den Sinai reisen.

Staatliche Untersuchungskommission

Putin ordnete die Bildung einer staatlichen Untersuchungskommission an. Die Leitung übernehme Regierungschef Dmitri Medwedew, teilte der Kreml in Moskau mit. Putin ordnete zudem sofortige Hilfe für die Angehörigen der Opfer an und sprach ihnen sein Beileid aus. Die russische Generalstaatsanwaltschaft leitete der Agentur Interfax zufolge eine Prüfung der Tragödie ein.

Wartende am Flughafen Pulkowo in St. Petersburg nach dem Unglück (Foto: dpa)

Wartende am Flughafen Pulkowo in St. Petersburg nach dem Unglück

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Putin ihr Beileid aus. "Deutschland trauert mit Russland um die Opfer", sagte Merkel laut einer Regierungssprecherin in Berlin in einem Telefonat mit Putin. Auch Bundespräsident Joachim Gauck kondolierte Putin. "Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei den Flugzeuginsassen und deren Familien und Freunden", erklärte Gauck in Berlin.

Frankreichs Präsident François Hollande übermittelte Putin das Beileid Frankreichs. "Es war mir wichtig, dem russischen Volk nach dieser Katastrophe unsere Solidarität auszusprechen", sagte Hollande. Der Generalsekretär des Europarates in Straßburg, Thorbjørn Jagland, äußerte sich schwer erschüttert. "Dies ist ein schrecklicher Verlust für unser Mitgliedsland Russland", sagte Jagland. Im Namen des Europarates und aller seiner Mitgliedsstaaten sprach er den Russen seine tiefste Trauer und sein Mitgefühl aus.

Branchenberichten zufolge besuchten im vergangenen Jahr etwa drei Millionen Russen Ägypten - dies sei die größte ausländische Gruppe gewesen, hieß es. Reisebüros locken mit günstigen Pauschalangeboten und dem guten politischen Verhältnis zwischen Kairo und Moskau. Da westliche Touristen wegen mehrerer Terroranschläge und der derzeitigen autoritären Regierung das Land meiden, sind russische Gäste für die ägyptische Tourismusbranche von großer Bedeutung.

stu/fab (afp, dpa, rtr)

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