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Europa

"IS will Ressentiments schüren"

Durch Anschläge in Europa will der sogenannte Islamische Staat die Verhältnisse erschüttern, sagt Journalist Christoph Reuter. Dabei ist der Zeitpunkt der Anschläge von großem Nutzen für die Terroristen.

Deutsche Welle: Herr Reuter, Sie haben die Struktur des "Islamischen Staates" (IS) genau untersucht und auch ein Buch über die Terrororganisation geschrieben. Mussten wir mit den Anschlägen von Paris und einer Bedrohung für Deutschland rechnen?

Christoph Reuter: Wir sind zwar davon ausgegangen, dass der IS die Fähigkeit dazu hat und im Zweifelsfall auch Schläferzellen, um einen Anschlag zu verüben. Aber Terroranschläge sind immer ambivalent. Sie erzielen mit geringem Aufwand eine enorme Wirkung, aber es gibt Vergeltungsschläge und Gegenreaktionen. Insofern ist es ein Mittel, das man einsetzen kann - aber das kann auch heftig zurückschlagen. Über lange Zeit hat der IS mit immensem militärischem Aufwand - und bis hin zu Giftgaseinsätzen - Dörfer und Städte im Irak und Syrien attackiert. Er hat aber eben nicht direkt hier zugeschlagen. Offensichtlich hat sich jetzt das Kalkül geändert und das war das Überraschende: Nicht, dass sie es können, sondern dass sie es jetzt getan haben.

Trauer in Paris (Foto: AFP)

An sechs Orten hatten die Terroristen in Paris zugeschlagen

Was ist denn der Grund dafür, dass der IS genau jetzt wieder in Europa zugeschlagen hat?

Es gibt ein Indiz für den mutmaßlichen Nutzen: jenen Pass, nur ein einziger, den einer der Attentäter dabei hatte. Interessanterweise war es ein gefälschter syrischer Pass, in dem auch noch griechische Stempel von der Insel Leros waren. Es sollte aussehen, als ob ein Flüchtling zu den Terroristen zählt und im Umkehrschluss, all die syrischen Flüchtlinge, die nun in den letzten Monaten nach Europa gekommen sind, unter Generalverdacht stellen. All die anderen Attentäter hatten keine ausländischen Papiere dabei. Sie waren Franzosen oder Belgier. Aber der eine hatte einen Pass dabei und dieser ist auch nicht verbrannt. Es sah so aus, als ob er vor der Explosion noch abgelegt wurde.

So gibt es die Chance, die Verhältnisse in Europa zu erschüttern, Ressentiments zu steigern, die natürlich umso dramatischer sind, wenn die Bevölkerung Deutschlands 1,5 Millionen Flüchtlingen zum Ende dieses Jahres gegenübersteht und die große Frage natürlich offen und ungeklärt im Raum steht: Wer sind denn die?

Das ist von Nutzen für den IS. Das was neu ist und was noch wichtiger sein könnte: Wenn sie einen solchen Anschlag verüben und sich dazu bekennen - und man auch annimmt, dass sie es wirklich waren - dann kann dem IS gar nicht so viel passieren. Luftangriffe gibt es schon seit 15 Monaten. Die haben den IS zwar bremsen, aber nicht wirklich besiegen können. Ohne einen wirklichen Kampf am Boden, der im Grunde genommen ja von den Syrern und den Irakern geführt werden müsste, blüht dem IS nicht viel, obwohl er ein Territorium hat und verwundbar sein könnte.

Christoph Reuter Islamwissenschaftler (Foto: Horst Galuschka)

Christoph Reuter ist Journalist und Autor

Der IS will also Ressentiments schüren, um dadurch an Zulauf zu gewinnen?

Genau. Der IS plant sehr minutiös und ziemlich weitreichend über mehrere Schritte im Voraus. Je rigider, rechtslastiger, fremdenfeindlicher Europas Regierungen werden, desto stärker stehen alle Muslime in Europa mit dem Rücken zur Wand. Wenn man nur einen minimalen prozentualen Anteil dazu bekommt, sich zu radikalisieren, dann hätte man immer noch Tausende vielleicht zu Anschlägen bereite Muslime in Europa - und das ist das Ziel.

Sie haben eben gesagt, der IS ist offenbar sehr strategisch, es geht also nicht immer um das Thema "Religion".

Da lässt man sich von niemand leiten - außer von seinen eigenen Plänen. Was daran liegt, dass 2003 nicht nur Saddam Hussein gestürzt wurde, sondern alle Geheimdienste und die Armee komplett aufgelöst wurden. Die Leute wurden in die Wüste geschickt und sind zum Teil bei den Dschihadisten gelandet. Das waren Leute mit 20, 30 Jahren Geheimdiensterfahrung. Das sind die Ingenieure der Macht, Ingenieure der Unterdrückung, des Terrors, die Saddam Husseins Reich zusammengehalten haben. Das heißt, wenn man diese Leute kombiniert, mit dem Anspruch "Wir sind Gottes Exekutive", dann bekommt man eine extrem kampfstarke, klug vorgehende Organisation, die sich Islamischer Staat nennt. Sie beherrscht ein riesiges Areal, während Al-Kaida es nie weiter geschafft hat als bis zur wirklichen Herrschaft über ein paar kleine Zipfel, die sie meistens relativ rasch wieder verloren haben.

Der IS will ein Staat sein. Hilft es den Terroristen, dass sie mit Leuten zusammenarbeiten, die auch an der Führung einer sehr rigiden Diktatur mitgearbeitet haben?

Ja, das hilft ihnen. Nach außen hin haben sie aber eine hermetisch abgeschottete und auf Hochglanz polierte Fassade. Da steht Abu Bakr Al-Bagdadi, der Kalif, und ansonsten sind alle Statements getränkt mit Koran-Zitaten. Man gibt sich komplett religiös, eisern, gradlinig in seiner Überzeugung. Man erwähnt nichts davon, dass irgendwelche Ungläubigen oder irgendwelche nicht zutiefst religiösen Menschen in der eigenen Führungsspitze sind. Aber das ist eben der Unterschied zwischen der Fassade nach außen und der inneren Realität.

Länderspiel Deutschland Niederlande abgesagt (Foto: DPA)

Das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover wurde aufgrund einer Terrorbedrohung abgesagt

In dem Bekennerschreiben zu den Anschlägen von Paris steht nicht, dass die IS-Terroristen eindeutig verantwortlich, aber dennoch der Kopf der Anschläge sind. Machen sie sich damit quasi zum Dach aller sich radikalisierender Menschen?

Sie liefern keinerlei Täterwissen dazu. Sie haben ein Bekennerschreiben rausgeschickt, das jeder aus den Nachrichten hätte zusammenschreiben können. Sie lassen sich immer einen kleinen Ausweg, so dass man nicht sagen kann, aus dem Schreiben geht wirklich der Beweis hervor, dass sie es waren. Sie wollen zeigen, dass sie die Speerspitze einer allgemeinen Bewegung sind. Sie wollen keine isolierte Gruppe sein, sie wollen die Flut anführen. Sie wollen vermitteln, dass sie keine kleine handelnde Organisation sind, sondern, dass sie oben auf sitzen.

In der Vergangenheit kam es bereits zu mehreren Anschlägen - in Belgien, in Frankreich, im Irak, im Libanon. Wenn der IS das Dach bildet, hängen diese Anschläge dann in gewisser Weise alle zusammen?

Ja, aber auf eine sehr trickreiche, diabolisch-elegante Weise, so dass man die direkte Verantwortung dem IS oft nicht zuschreiben kann. Oft hat er in vielen Fällen tatsächlich nicht mehr getan, als Leute dazu aufzurufen und ihnen das Gefühl zu geben, es gibt da eine unglaublich kraftvoll zuschlagende Macht, die keiner aufhalten kann. Das hat die Gefühlslage vieler etwas labiler potenziell Radikaler in Berlin, Brüssel oder anderswo nachhaltig verändert.

Wie passt das dann damit zusammen, dass man die führenden Köpfe der Anschläge von Paris in Syrien vermutet?

Man vermutet sie in Syrien, weil man einen Täter braucht. Aus Frankreich kamen Statements darüber, dass die Täter Kontakt zu Menschen in Syrien hatten, die mit dem IS in Verbindung stehen. Es klang nicht so, als gebe es einen Beweis dafür, dass der Befehl aus der Zentrale in Rakka oder Mossul gekommen ist. Der IS ist intern so sehr abgeschottet, dass auch die Attentäter nicht erfahren sollen, wer den Befehl gibt.

Was wären denn dann die Maßnahmen, die man treffen müsste: Muslime aller Länder, vereinigt euch im Kampf?

Syrer aller Parteien vereinigt euch. Sponsoren aller Lager in Syrien, verständigt euch auf eine nachhaltige Befriedung. Das ist das, was wir als ersten Schritt brauchen, um im zweiten Schritt den IS überhaupt bekämpfen zu können. Das kann aber nur funktionieren, wenn wir einen für alle Seiten akzeptablen Waffenstillstand erzielen. Und das würde auch für den Iran und für Russland die Einsicht bedeuten: Ihr könnt nicht an Baschar al-Assad festhalten. Sie müssten beiden Lagern, also denen, die unter der Kontrolle der Regierung in Damaskus leben und den verschiedenen Rebellen, helfen, ein Ende dieses Krieges herbeizuführen. Es muss eine Machtteilung geben, die ohne die Familie Assad und ohne einige der Generäle auskommt, die dann ins Exil gehen müssten. Dann hätte man sehr schnell Syrer aller Lager mit einem großen gemeinsamen Interesse: Nämlich den IS aus ihrem Land zu vertreiben. Selbst wenn Frankreich sich entscheiden würde, Soldaten ins Land zu schicken: Mit wem und an wessen Seite sollten sie denn kämpfen?

So lange der IS nicht besiegt wird, müssen wir in Deutschland dann also mit der potenziellen Gefahr weiterleben?

Ich weiß nicht, wie viele Anschläge die Polizei, die Geheimdienste, der Verfassungsschutz in den letzten zwei, drei Jahren verhindert haben, weil eben diejenigen, die einen Anschlag begehen wollten, polizeibekannt waren und oft überwacht wurden. Es wird sehr viel getan, um die Gefahr zu minimieren, aber man kann sie nicht gänzlich beseitigen.

Christoph Reuter ist studierter Islamwissenschaftler und spricht fließend Arabisch. Er ist Journalist und Autor und recherchierte in Syrien und im Irak. Als Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten arbeitete er unter anderem für "Die Zeit", "Stern" und "Spiegel".

Das Gespräch führte Diana Hodali.

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