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Irrflug über dem Atlantik

Grahame Lucas, heute Leiter der Abteilung Süd-Ost-Asien der Deutschen Welle, war am 11. September 2001 in einer Lufthansa-Maschine in Richtung USA unterwegs. Er berichtet über die quälenden Stunden an Bord des Flugzeugs.

Grahame Lucas im Porträt - Foto: DW, Matthias Müller

Grahame Lucas

Es sollte eine Dienstreise werden wie viele zuvor: Anreise zum Flughafen Frankfurt, Abflug in der Mittagszeit, bei einer Konferenz einen Vortrag halten, dann bald wieder nach Deutschland zurück.

Zunächst lief alles wie erwartet. Die Boeing 747 hob ab. Die Passagiere gewöhnten sich rasch an die Routine in der Kabine. Die Zeit verging schnell. Bald war die Küste Neufundlands in Sicht.

"Amerikanischer Luftraum gesperrt"

Dann das Unerwartete: Ein Verkehrsflugzeug, das uns stundenlang auf einem Parallelkurs begleitet hatte, flog eine lange Kurve nach Südosten, dann weiter nach Osten. Das war mir ein Rätsel. Da war doch nichts als Ozean. Dann meldete sich durch die Bordlautsprecher unser Flugkapitän, er wirkte selbst etwas verdutzt: "Meine Damen und Herren, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass der amerikanische Fluglotse uns den Eintritt in den amerikanischen Luftraum verwehrt hat. Ich halte Sie auf dem Laufenden." Auch wir drehten ab.

Unter den Passagieren herrschte Verwirrung und Unverständnis. Neben mir saß ein amerikanischer Soldat auf dem Weg in den Heimaturlaub. Wir schauten uns ratlos an. Überall flüsterten die Menschen sich die gleiche Frage zu: Warum drehen wir Kreise über dem Atlantik? Wann kommen wir denn an?

Opfer einer Flugzeugentführung?

Kurz darauf meldete sich noch einmal die Stimme des Kapitäns: Ob es wohl einen arabisch sprechenden Passagier an Bord gebe, der für den Flugkapitän dolmetschen könne? Jetzt wurde es unruhig unter den Passagieren. Hinter mir tuschelten einige GIs. Das Wort "Entführung" ging durch die Reihen. Meine Sitznachbarn waren auf einmal kreidebleich im Gesicht. Ein Passagier aus Jordanien meldete sich. Er wurde zum Cockpit gebracht. Die Minuten verstrichen. Die Menschen wischten sich die Schweißperlen aus dem Gesicht. Dann die Erlösung: Der Jordanier kehrte zu seinem Sitz zurück. Er musste vermitteln, weil ein reicher Araber seinen Termin in den USA verpassen würde.

Kurz darauf erneut der Kapitän: "Meine Damen und Herren, die amerikanischen Behörden haben soeben ihren Luftraum gesperrt. Grund ist ein Flugzeugabsturz. Wir müssen leider nach Frankfurt zurückfliegen. Ich werde gleich die Nachrichten der Deutschen Welle abhören und Sie informieren. "Wie kann das sein?“, fragte mich mein Sitznachbar. "Wir fliegen doch nach Washington - nicht nach New York!"

Erste Meldungen über die Tragödie

Ein Turm des bei dem Terroranschlag von zwei Passagiermaschienen getroffenen World Trade Centers in New York stürzt ein und eine Wolke aus Staub, Rauch und Asche steigt in die Luft . Foto: Hubert Boesl dpa

Schockierende Bilder von den Terroranschlägen gingen um die Welt

Einige Zeit später informierte uns der Kapitän über die Meldung der DW: Es seien zwei Flugzeuge über New York abgestürzt. Meine Uhr zeigte 17.00 Uhr MESZ an, es war Vormittag an der US-Ostküste. Die DW berichte von einer Tragödie mit vielen Todesopfern, sagte der Flugkapitän. Auch in Washington sei ein Flugzeug abgestürzt. Man werde uns nach der Landung über alles Weitere informieren.

Im Flugzeug herrschte inzwischen gespenstige Ruhe. Nach einer Weile ging ich in die Bordküche, um etwas Wasser zu holen. Dort standen fünf oder sechs GIs. Sie diskutierten intensiv. War das ein Terroranschlag? Auch mein Sitznachbar war dabei. Wir versuchten gemeinsam, uns einen Reim darauf zu machen. Wir spekulierten, dass Al Kaida und Osama bin Laden die Hauptverdächtigen sein könnten, da die Terrororganisation bereits im Jahre 1993 das World Trade Center angegriffen hatte.

"Die kriegen wir!"

Unsere Schussfolgerung erwies sich als zutreffend. Und doch übertrafen die Fernsehbilder, die uns nach der Landung erwarteten, unsere schlimmsten Befürchtungen. Als wir in der Ankunftshalle vor einem Großbildschirm standen, stammelte mein Sitznachbar aus den USA nur einen einzigen Satz: "Die kriegen wir, koste es was es wolle!“. Auch das sollte sich als zutreffend erweisen.

Der Tag - der 11. September 2001 - hat die Welt für immer verändert.

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