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Fokus Osteuropa

Irina Bokova sorgt auch in Bulgarien für Wirbel

Eine Bulgarin soll an der Spitze der UN-Bildungs- und Kulturorganisation UNESCO stehen. Die Wahl der 57-jährigen Diplomatin hat in ihrem Heimatland eine Debatte über den Umgang mit der Vergangenheit ausgelöst.

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Irina Bokova

Die Wahl von Irina Bokova zur UNESCO-Generalsekretärin hat in der bulgarischen Öffentlichkeit eine erhitzte und kontroverse Diskussion ausgelöst. In dieser Diskussion vermischen sich sowohl Stolz, dass eine Bulgarin es nach ganz oben gebracht hat, als auch Wut gegen die ewig Gestrigen, die wieder ganz oben sind. Denn Irina Bokova kommt aus einer mächtigen kommunistischen Familie und aus der Nomenklatur-Kaderschmiede des alten Regimes. Nicht nur in Bulgarien werden diese Fragen immer wieder, auch 20 Jahre nach der Wende, aufgeworfen: Dürfen die Kinder für das Fehlverhalten, ja für die Verbrechen, der Väter verantwortlich gemacht werden? Ist es gerecht, dass die Sprösslinge der alten kommunistischen Elite, die alle Privilegien genossen, eine gute Ausbildung bekommen und einen frühen Start absolviert haben, jetzt davon weiter profitieren?

Vorteile aus der Vergangenheit

Der in diesem Jahr abgewählte bulgarische Ministerpräsident Sergei Stanischev, der ebenfalls familiär und karrieremäßig auf einen mächtigen kommunistischen Hintergrund zurückblicken kann, wird in der öffentlichen Diskussion als ein weiterer Beweis dafür angeführt, dass der Vorsprung der ehemaligen Eliten ungerecht sei. Gute Schulen, Sprachausbildung, Studium nicht nur in Moskau, sondern auch im Westen, Reisefreiheit, früher Einstieg in den diplomatischen Dienst – die neue UNESCO-Generalsekretärin Irina Bokova bietet in diesem Zusammenhang den aufschäumenden Internetforen in Bulgarien viele Angriffsflächen an. Diese "Schattenöffentlichkeit" ist auch über die positive Berichterstattung in den Medien verärgert.

Der deutsche Publizist Thomas Frahm, der aus Sofia die Entwicklung beobachtet, fasst es in einem Deutschlandfunk-Gespräch zusammen: "Es ist beinahe beängstigend, wie einig sich sämtliche Medien darin sind, einfach über diese Wahl zu berichten als ein Beispiel, dass Bulgarien doch stolz darauf sein kann, dass es auch gut ausgebildete Menschen hat, die auf internationalem Parkett bestehen können. Es scheint also im Moment einfach eine ganz naive Freude darüber zu bestehen: ‚Wir Bulgaren haben jetzt jemanden an einer wichtigen Position’."

Widersprüchliche Gefühle

Die Diskussion um Irina Bokova in Bulgarien widerspiegelt die ganze Palette von widersprüchlichen Gefühlen und Einstellungen der postkommunistischen Osteuropäer 20 Jahre nach der Wende. Da ist einerseits die Genugtuung, dass man endlich als Nation ernst genommen wird, andererseits aber die sich aus demselben Minderwertigkeitskomplex speisende Verbitterung über die Ungerechtigkeiten der Transformation. Nicht zu vergessen die allgemein verbreiteten - und gar nicht so realitätsfernen - Verschwörungstheorien über die ungebrochene Macht der Kommunisten.

Vor diesem Hintergrund hat der deutsch-bulgarische Schriftsteller Ilija Trojanov neulich die Vergangenheit von Irina Bokova und ihrer Familie sehr kritisch unter die Lupe genommen. "Ilija Trojanov hat bedauerlicherweise in allen Punkten Recht. Wir dürfen aber nicht verwechseln: Wenn wir sagen, das System, aus dem diese Kaderpersönlichkeiten kommen, ist zynisch und korrupt, heißt es natürlich nicht, dass Irina Bokova als UNESCO-Generalsekretärin zynisch und korrupt sein wird. Man muss also zwischen der Person und ihrer Herkunft und den Strukturen unterscheiden", so Thomas Frahm.

Es ist eigentlich nicht Irina Bokova, sondern die noch nicht stattgefundene Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit, die solche Gefühlsausbrüche erzeugt. Denn für viele Osteuropäer ist die gewaltige Zäsur in der Geschichte und in ihren persönlichen Biografien nicht von heute auf morgen zu überwinden.

Autor: Alexander Andreev
Redaktion: Bernd Johann

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