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Kunst

Irina Antonowa: "Beutekunst als Pfand der Erinnerung"

Im Puschkin-Museum in Moskau wurde am Freitag (04.03.) eine große Cranach-Schau eröffnet. Viele Werke lagen 70 Jahre lang in den Geheimdepots des Hauses. Irina Antonowa, ehemalige Direktorin, erzählt, wie es dazu kam.

Irina Antonowa, die am 20. März ihren 94. Geburtstag feiert, gilt als Grande Dame der russischen Kunstszene: Mehr als ein halbes Jahrhundert war sie Direktorin des renommierten Puschkin-Museums in Moskau. Während ihrer Amtszeit, die 2013 endete, galt Antonowa als Hardlinerin im Streit um die Beutekunst zwischen Deutschland und Russland. In den Depots des Puschkin-Museums lagern seit 1945 "Trophäen", wie die Beutekunst in Russland heißt, aus deutschen Museen. Dazu gehören das Troja-Gold von Heinrich Schliemann, der Goldschatz von Eberswalde oder eben die zahlreichen Cranach-Gemälde aus Gotha. Bislang blieben die meisten für Publikum und Forscher unzugänglich. Erstmals präsentiert die Ausstellung "Cranach-Familie zwischen Renaissance und Manierismus" Werke aus den bislang verschlossenen Depots.

Deutsche Welle: Irina Aleksandrowna, als Sie 1946 anfingen, im Puschkin-Museum zu arbeiten, kamen viele Kisten aus Deutschland in Moskau an. Darin befanden sich unter anderem Gemälde von Lucas Cranach aus Gotha. Nun, 70 Jahre später, wird hier eine große Cranach-Ausstellung eröffnet und viele Bilder aus Deutschland sind zum ersten Mal zu sehen. Was haben Sie dabei für ein Gefühl?

Diese Ausstellung ist sehr wichtig: Wir wissen hier in Russland nur wenig über die Entwicklung der deutschen Kunst. Wir haben nur einige wenige Exponate von großen alten Meistern in unseren Museen. Das hat sich historisch so ergeben. Stattdessen besitzen wir viel französische, italienische und holländische Kunst, aber kaum Werke von Dürer, nur wenige von Cranach. Dieses großartige internationale Ausstellungsprojekt schafft nun einen Ausgleich.

Über die Hälfte der Bilder der Cranach-Ausstellung in Moskau stammt aus Gotha. 17 lagerten hinter verschlossenen Türen in den Puschkin-Depots. Alle gehörten einmal zur historisch gewachsenen Cranach-Sammlung der sächsischen Kurfürsten. Einige Ihrer deutschen Kollegen hoffen immer noch, dass die Sammlung einmal wieder eins wird. Sind diese Hoffnungen berechtigt?

Ich bin keine Wahrsagerin. Wir haben hier in Russland ein Gesetz über die Kunstwerke, die nach dem Zweiten Weltkrieg in unseren Sammlungen verblieben sind. Es handelt sich dabei übrigens nur um einen Bruchteil der Kunstschätze, die von der Roten Armee nach dem Krieg gerettet wurden. Der überwiegende Teil ist ja von uns an die deutschen Museen, Archive und Bibliotheken zurückgegeben worden. Wofür wir überhaupt keinen Ausgleich erhalten haben. Stattdessen mussten wir uns nach dem Zweiten Weltkrieg mit 400 komplett zerstörten russischen Museen abfinden.

Halten Sie das russische Beutekunst-Gesetz von 1998, das die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut über Bord wirft, für richtig? Bei den Kulturschätzen aus Deutschland, sei es der Merowinger-Schmuck oder die Gemälde von Cranach, geht es ja um einen Teil der nationalen Identität.

Ich weiß, dass dieses Problem für diejenigen in Deutschland, die damit zu tun haben, schmerzhaft ist. Aber wissen Sie: Ich habe während des Krieges als junge Krankenschwester amputierte Beine von jungen Soldaten wegtragen müssen, von Piloten, die bei Moskau abgeschossen wurden. Wir reden von unterschiedlichen Arten vom Schmerz.

Ich halte das Gesetz über die kriegsbedingt verbrachten Kulturgüter auch aus folgendem Grund für gerecht: Es geht um ein Zeichen der Erinnerung. Wir müssen uns an die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges erinnern, sie müssen für uns alle ein historisches Exempel bleiben: Derjenige, der die kulturelle Identität eines Volkes zerstört, muss mit seiner eigenen kulturellen Identität bezahlen. Vielleicht würde es den einen oder anderen von der Zerstörung der Kunstwerke anderer Völker abhalten. Momentan gibt es einen solchen "Einschüchterungsmechanismus" nicht.

1955 traf das Politbüro der KPdSU eine Entscheidung über die Rückgabe der Schätze ostdeutscher Museen. Daraufhin kamen zahlreiche Sammlungen in die DDR zurück: zum Beispiel die Sammlungen der Berliner Museumsinsel. Auch 21 Cranach-Bilder von insgesamt 40 gingen zurück nach Gotha. Warum blieb die andere Hälfte in Moskau? Nach welchen Kriterien wurden die Sammlungen geteilt?

Ich weiß es nicht. Aber eine grundsätzliche Entscheidung über die Rückgabe aller ostdeutscher Sammlungen kenne ich auch nicht. Ich kenne eine andere Entscheidung: die über die Rückgabe der Schätze der Dresdner Gemäldegalerie. Ende März 1956 bestellte uns unser Direktor im Puschkin-Museum in sein Zimmer und teilte uns mit, dass die Galerie in Dresden schon zum zweiten Mai wiedereröffnet werden soll. Er sagte: "So, los, an die Arbeit!"

Irina Antonowa besichtigt das Aufbau der Ausstellung Cranach-Familie in ihrem Haus und spricht bei der Gelegenheit mit der DW-Reporterin Anastassia Boutsko

Irina Antonowa mit DW-Reporterin Anastassia Boutsko

Sie wussten seit vielen Jahren, welche unglaublichen Schätze in Ihren Geheimdepots lagerten, ohne dass Sie als Museumsdirektorin diese je zeigen konnten. Was empfanden Sie dabei?

Diese Frage wurde mir schon tausend Mal gestellt! Glauben Sie, dass ich es wirklich so wollte? Nein, es gefiel mir überhaupt nicht. Sie denken doch nicht, man zickt als Museumsdirektorin herum und denkt sich: "Nein, die zeig ich nicht!" Und dann: "Jetzt zeige ich sie doch!"

Sie wissen sehr genau, dass sich ein Museumsdirektor – ob in Deutschland oder einem anderen Land – an die Regeln und Gesetze halten muss, die ihm vorgegeben werden. Wenn man nicht einverstanden ist, dann nimmt man seinen Hut und geht.

Waren Sie mit der Rückgabe der Dresdner Gemälde und anderer deutscher Sammlungen einverstanden?

Ich war ja damals nicht Direktorin, sondern nur wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auf meine Meinung hätte keiner gehört.

Wäre Ihre Meinung, rein hypothetisch, eine andere gewesen?

Wir brauchen über Hypothesen nicht zu reden. Aber ich hätte vielleicht dem einen oder anderen auch widersprochen.

Außerdem wurden die Bilder der Dresdner Gemäldegalerie von uns tatsächlich gerettet. Ich weiß noch, wie diese Bilder aussahen, als die ankamen – etwa Tizians "Zinsgroschen": das Holz war aufgequollen, die Farbe warf Blasen, alles war voller Schimmel.

Das Bild wäre ohne Pavel Korin, den großen Maler und Restaurator des Puschkin-Museums, verloren gewesen. Er riet damals dazu, das Gemälde nicht sofort zu restaurieren, sondern es erst austrocknen zu lassen. So trocknete das Bild zwei Jahre lang und wurde erst dann restauriert. "Die Sixtinische Madonna" von Raffael, die "Schlummernde Venus" von Giorgione, "Bathseba" von Rubens, Rembrandts "Saskia" – all diese Werke haben wir zurückgegeben! Ja, auch aus Respekt vor der deutschen Kultur.

Die anderen Werke blieben hier – als Pfand der Erinnerung. Solange sie im Keller lagen, war das nicht in Ordnung. Aber jetzt, wo sie so schön ausgestellt werden, ist doch alles wunderbar!

Das Interview führte Anastassia Boutsko.

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