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Wirtschaft

Iren wollen Griechen nicht nachgeben

Die Iren, die selbst eine große Schuldenlast tragen, verfolgen die Kampagne Griechenlands für Schuldenerleichterungen mit Interesse - aber nicht unbedingt mit Sympathie. Aus Dublin berichtet Peter Hegarty.

Im Dubliner Bezirk Grand Canal Dock steigen die Immobilienpreise noch schneller als im Rest Irlands. Wo einst Trostlosigkeit herrschte, bestimmen heute innovative Architektur, Luxus-Appartements und Restaurants am Wasser das Bild. Das lebendige Viertel beherbergt das Studio der Rockband U2 ebenso wie die europäischen Konzernzentralen von Facebook und Google.

Der sichtbare Wohlstand in "Silicon Dock" und der andauernde Strom von Investitionen scheinen zu bestätigen, was die Tageszeitung "Irish Independent" jüngst verkündete: "Wir sind keine PIIGS mehr." Die an "pig", das englische Wort für Schwein, erinnernde Abkürzung bezeichnete nach Beginn der Eurokrise die stark verschuldeten Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien.

Hässliche Erinnerung

Irland lässt sich in der Tat nicht mehr ohne weiteres mit dem gebeutelten Griechenland vergleichen. Die Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds, die die Reformen des Landes überwachte, ist hier nur noch eine hässliche Erinnerung. Die Arbeitslosigkeit ist von ihrem Höchststand von 15 Prozent auf elf Prozent gefallen. Obwohl Auswanderung ein akutes Problem im Westen und Süden des Landes bleibt, sinkt die Zahl der Emigranten so schnell, wie die Wirtschaft in Bewegung kommt.

Irland trägt jedoch wie Griechenland eine schwere, möglicherweise zu schwere Schuldenlast. Das Land gibt jedes Jahr doppelt so viel für den Schuldendienst aus wie für seine Infrastruktur. Mit ihren frischen und lebendigen Erinnerungen an den Alltag in einer niedergehenden Wirtschaft verstehen die Iren die Schwierigkeiten der Griechen sehr gut. In Dublin genauso wie in Ahten haben der Sanierungskurs - und die neuen Steuern und Abgaben, die damit einhergehen - tausende Demonstranten auf die Straßen gebracht.

Demonstration im November in Dublin gegen eine neue Wassersteuer (Foto: AP)

Iren demonstrieren im November in Dublin gegen eine neue Wassersteuer

Griechenland als Mahnung

Seit Beginn der Rezession war Griechenland eine Art Stimmungsaufheller für Irland, eine Erinnerung daran, dass es noch schlimmer hätten kommen können. In den irischen Medien gibt es einen breiten Konsens, dass Griechenland Entlastung verdient, aber die Regierung ist strikt gegen Schuldenerleichterungen. Erst kürzlich erklärte Finanzminister Michael Noonan einem Parlamentsausschuss, dass er keine Schuldenabschreibungen unterstützen werde und keine Versuche, Griechenland aus der Eurozone auszuschließen. Die neue griechische Regierung scheine "unmögliche" Vorschläge zu machen, um die drohende Finanzierungslücke zu schließen, klagte Noonan.

Der Buchhändler Allan Gregory (Foto: Peter Hegarty)

Buchhändler Allan Gregory

Noonan habe nicht ganz Unrecht, urteilt Allan Gregory in seinem Antiquariat im Zentrum Dublins. Der Buchhandel war während der Rezession ein unsicheres Geschäft und ist es trotz des Aufschwungs geblieben. Die Schwäche des Euro verteuert den Import seltener Bücher aus Großbritannien und den USA. Es sei falsch, Griechenland eine Sonderregelung anzubieten, wenn die Zeiten für Menschen wie ihn weiterhin schwierig seien: "Es gäbe einen Aufschrei der irischen Bevölkerung, falls die EU aus irgendeinem Grund entscheiden sollte, Griechenland aus der Verantwortung zu entlassen", warnt Gregory.

Seamas Coffey, Wirtschaftsdozent an der Universität Cork, war lange Zeit einer der wenigen, die argumentieren, dass Irland - und auch Griechenland - kein Recht hätten, internationale Organisationen für eigene Fehler verantwortlich zu machen. Verantwortung beginne zu Hause, meint Coffey. Im Zentrum der irischen Probleme stünden die verantwortungslose Kreditvergabe durch die Banken und die unzureichende Regulierung des Finanzmarktes. Das Problem seien nicht die Schulden, die Griechenland ohnehin kaum zurückzahle, sondern "ein Wirtschaftssystem, das nicht funktioniert", so der Dozent. "Was Griechenland braucht, ist weniger ein Schuldenerlass, als ein Ende der Unsicherheit, also ein Gefühl der Stabilität - so wie das Gefühl, das derzeit in Irland entsteht."

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