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Asien

Irans Wähler zwischen Trotz und Resignation

Wählen gehen oder nicht? Diese Frage beschäftigt die Internetnutzer im Iran intensiv. Viele wollen dem Urnengang diesmal fernbleiben, andere wollen trotz der Enttäuschung über den Ablauf der letzten Wahlen wählen gehen.

Kurz vor den iranischen Präsidentschaftswahlen diskutierte die Internet-Community des Landes heftig darüber, ob es überhaupt einen Kandidaten gibt, der die Wähler mit seiner Politik überzeugen kann. Schon vor dem Rückzug des konservativen Gholam Ali Hadad Adel und des reformorientierteren Mohammadreza Atef waren die Meinungen hierzu gespalten. Unmittelbar vor dem Urnengang nahm die Diskussion über die Wahlen deutlich an Fahrt auf.

Viele Blogger und Facebook-Nutzer überlegten, die diesjährigen Wahlen zu boykottieren, weil sie befürchten, dass ihre Stimme auch diesmal nicht zählt. Das zumindest ist das Ergebnis einer Umfrage auf der Facebook-Seite der DW-Farsi-Redaktion. Demnach gab eine knappe Mehrheit der insgesamt 150 Teilnehmer an, dass sie nicht wählen gehen oder einen ungültigen Stimmzettel abgeben wollen. Rund 44 Prozent der Teilnehmer hatten sich bereits für einen der sechs noch verbliebenen Kandidaten entschieden. Eine kleine Minderheit hatte sich noch nicht festgelegt, ob sie überhaupt wählen geht oder nicht.

Wählen für die Hoffnung

Eine Frau hält auf einer Wahlkampfveranstaltung von Hassan Rohani ein Plakat des Spitzenkandidaten (Foto: FARS)

Manche Internetuser wollen den reformorientierten Hassan Rohani wählen

Ein Blogger, der nach den Präsidentschaftswahlen 2009 für mehrere Monate festgenommen und in der Gefangenschaft gefoltert worden war, schreibt in seinem Blog "A dead Indian": "In den ersten vier Tagen nach der Festnahme durfte ich weder schlafen noch etwas essen. Man hat mich gezwungen, die ganze Zeit zu stehen. Auf dem Weg ins Evin-Gefängnis wurden wir als halsstarrig beschimpft und geschlagen, weil wir für Mussawi gestimmt hatten. Dieses Jahr wähle ich Hasan Rohani (den Reformer, Anm.d. Red.). Ich weiß noch nicht mal wirklich, warum. Vielleicht, um mir selbst zu beweisen, dass ich noch immer halsstarrig für meine Rechte kämpfe."

Der studentische Aktivist Ali Malihi hat zweieinhalb Jahre hinter Gittern verbracht, nachdem er 2009 gegen das Wahlergebnis protestiert hatte. Er erklärt auf seiner Facebook-Seite, dass er trotzdem auch diesmal wieder wählen geht: "Durch meine Stimme will ich den Behörden gegenüber demonstrieren, dass ich immer noch da bin und anders denke als die Machthaber. Ich bin und bleibe kritisch. Mich können sie nicht einfach ausschalten, obwohl sie mich zweieinhalb Jahre weggesperrt hatten."

Verrat an der Grünen Bewegung?

Tausende Anhänger der Grünen Bewegung protestierten 2009 in Teheran nach den Wahlen (Foto: EPA/ABEDIN TAHERKENAREH)

Tausende Anhänger der Grünen Bewegung protestierten 2009 nach den Wahlen

Facebook-Nutzer "But Saleh" dagegen hält nichts davon, aus "Hoffnung für eine bessere Zukunft" wählen zu gehen: "Das Regime hat schon immer unser Vertrauen missbraucht. Es hat uns mehrfach spüren lassen, wie unwichtig unsere Stimme ist. Vergesst die Hoffnung, dass wir dieses Mal auf unsere Stimme zählen können! Wir müssen uns eher überlegen: Was können wir tun, um das System dazu zu zwingen, einen Schritt zurückzutreten."

Andere wiederum halten es für Verrat an den Idealen der Grünen Bewegung, wählen zu gehen, so lange namhafte Führer der Bewegung wie Mir Hossein Mussawi oder Mehdi Karoubi noch im Hausarrest sitzen.

Auch "Naiemeh", ein weiterer Blogger, der nach den Wahlen 2009 inhaftiert worden war, schreibt: "Ich kann einfach nicht wählen gehen. Mussawi hatte uns versprochen, sich für unsere Stimme und unsere Rechte einzusetzen, und das hat er auch getan. Ich kann ihn und mich selbst nicht verraten."

Kampf für die Grundrechte

Nicht alle lehnen die Wahlen so konsequent ab wie “Naiemeh”. Dennoch sind sich die meisten Menschen bewusst, dass sie durch ihre Stimmabgabe nicht viel bewirken werden.

Viele glauben, einen möglichen Krieg mit Israel und der westlichen Staatengemeinschaft vermeiden und die gegen ihr Land verhängten Sanktionen abmildern zu können, wenn sie einen diplomatischen und politisch erfahrenen Präsidentschaftskandidaten ins Amt heben. Bei vielen iranischen Internetnutzern hoch im Kurs steht Hasan Rohani, der ehemalige Chefunterhändler des iranischen Atomprogramms.

"Roozbeh", ein junger iransicher Blogger, schreibt: "Ich gehe wählen und hoffe auf kleinere Reformschritte. Ich werde jemanden wählen, der die Grundregeln der Diplomatie kennt. Fürs Erste würde es mir völlig reichen, wenn unsere Zivilgesellschaft ein klein wenig mehr Spielraum bekäme und die Sanktionen wegfielen."