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Golfregion

Irans vorsichtiger Umgang mit der Katar-Krise

Die Katar-Krise hat sich unter anderem an den Beziehungen des Emirats zum Iran entzündet. Doch trotz einer Annäherung der beiden Golfstaaten in letzter Zeit verhält sich der Iran in dieser Sache auffallend zurückhaltend.

Mohammed Dschawad Sarif (picture-alliance/AP Photo/H. Mosvold Larsen)

Irans Außenminister Sarif (in Oslo): Warnung vor weiteren Spannungen

"Die Situation in der Golfregion ist sehr unberechenbar. Wir brauchen keinen weiteren Aufruhr", sagte Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif am Montag am Rande des Forums "Frieden in der neuen Ära der Geopolitik" in Oslo. In einem Interview mit dem englischsprachigen iranischen Staatssender "Press TV" warnte Sarif vor weiteren Spannungen, die zu einem Desaster führen könnten. Alle iranischen Medien berichten sehr zurückhaltend über die Katar-Krise. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass in Teheran die Sorge vor einem neuen Krieg am Persischen Golf offenbar groß ist.

Der Grund: Mitten im Ramadan, dem heiligen Fastenmonat der Muslime, hatten Anfang vergangener Woche mehrere arabische Länder unter Führung von Saudi-Arabien eine Blockade gegen Katar verhängt. Sie werfen dem Emirat unter anderem  vor, Terrorgruppen finanziell zu unterstützen. Deshalb ist die Landgrenze zur Halbinsel geschlossen, auf der Katar liegt; Flugverbindungen aus arabischen Staaten in die Hauptstadt Doha sind unterbrochen. Auf diesem Weg kommen jetzt keine Güter mehr ins Land, das fast vollständig auf Trinkwasser- und Nahrungsmittelimporte angewiesen ist.

Schon kurz nach Beginn des Embargos meldete sich ein iranischer Handelsverband mit dem Angebot, in die Bresche zu springen: "Kein Problem! Wir können Katar innerhalb von zwölf Stunden versorgen", teilte der Verein der Exporteure von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Teheran mit. Dennoch ließ sich der Iran Zeit, den Nachbarn am gegenüberliegenden Golfufer zu versorgen. Erst eine knappe Woche nach Beginn der Krise starteten fünf Flugzeuge nach Katar. Die Maschinen brachten 90 Tonnen frische Lebensmittel, hauptsächlich Obst und Gemüse in das Emirat.

Türkische Produkte in einem Supermarkt in Katar (picture-alliance/AA/M. Farag)

Supermarkt in Doha: Regale aufgefüllt mit türkischen Produkten

"Die Situation ist sehr heikel. Die reformorientierte Regierung in Teheran verhält sich deswegen sehr vorsichtig", sagt der Iran-Experte des Hessischen Rundfunks, Ali Sadrzade. "Diese erste Lieferung nach Katar war auch ein symbolischer Akt", da die Supermarktregale in Katar schon längst wieder aufgefüllt waren: mit türkischen Produkten.

Auslöser für die Krise um Katar: eine iranfreundliche Aussage

Der schiitisch geprägte Iran scheint wenig Interesse zu haben, sich in den Streit zwischen den sunnitischen Königshäusern am Persischen Golf einzumischen. Vielleicht auch, weil eine möglicherweise gefälschte Nachricht über das katarisch-iranische Verhältnis als ein Auslöser der Krise gilt: Demnach soll Emir Tamim bin Hamad Al Thani den Iran als eine "islamische Macht" und "Feindschaft mit dem Iran als sinnlos" bezeichnet haben. Ein No-Go für Teherans Erzfeinde in der saudischen Hauptstadt Riad.

Verschiedene Staaten boten an, im Konflikt zwischen dem Golfemirat Katar und seinen Nachbarn zu vermitteln. Auch die Regierung in Teheran macht sich für eine diplomatische Lösung stark. Das iranische Außenministerium ließ verlauten, Chefdiplomat Sarif stünde in engem Kontakt mit seinen Kollegen in der Türkei, Oman und Kuwait, um über die Krise in Katar zu beraten. Er scheint zu wissen, warum Saudi Arabien so gereizt reagiert hat.

Zwar könnten die iranfreundlichen Aussagen von Katars Herrscher Tamim bin Hamad Al Thani tatsächlich gefälscht gewesen sein - sein freundliches Telefonat mit Irans Präsidenten Hassan Rohani war es nicht. Der  Emir hatte unmittelbar nach der irankritischen Rede von US-Präsident Donald Trump in Riad am 21. Mai dem reformorientierten iranischen Präsidenten Hassan Rohani zu dessen Wiederwahl gratuliert. Damit war Katar, genau einen Tag nachdem Saudi-Arabien mit Trumps Unterstützung eine Front gegen Irans Einfluss in der Region angekündigt hatte, aus dieser Front ausgeschert.

Tamim bin Hamad al-Thani (picture-alliance/abaca)

Emir Tamim bin Hamad al-Thani: Versöhnliche Haltung

Der Emir von Katar soll in seinem Telefonat mit dem iranischen Präsidenten betont haben, dass die gegenwärtigen Probleme nur durch Gespräche und Verhandlungen gelöst werden könnten. Diese versöhnliche Haltung hat offensichtlich dazugeführt, dass die Beziehungen Katars zu Saudi-Arabien jetzt erheblich belastet sind.

Das Verhältnis zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ist seit Irans islamischer Revolution von 1979 gespannt. Der Iran betrachtet sich als Schutzmacht der Schiiten, Saudi-Arabien als Schutzmacht der Sunniten. Sie konkurrieren gleich in mehreren arabischen Staaten um Einfluss: Im Syrien-Konflikt unterstützt die Führung in Teheran Präsident Baschar al-Assad, das Königshaus in Riad hingegen die bewaffnete Opposition. Im Jemen wiederum führt Saudi-Arabien einen Krieg gegen die Huthi-Rebellen, die es für Marionetten Teherans hält.

Iran und Katar und ein Stellvertreterkrieg in Syrien

Trotz ihrer vermeintlichen Annäherung herrscht aber weiterhin kein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Katar und dem Iran. Die beiden Staaten haben eine 250 Kilometer lange gemeinsame Seegrenze. Dort teilen sich die beiden Golfanrainer das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt: "South Pars". Das gab bereits Anlass zu Streit: Als der Iran wegen seines umstrittenen Atomprogramms unter weitreichenden Sanktionen stand und deshalb die Förderung drosselte, beutete Katar das South-Pars-Gas kurzerhand alleine aus.

Beide Staaten haben auch unterschiedliche Vorstellungen, was den Transport des Energieträgers angeht: Katar will eine Pipeline, die vom Fördergebiet durch Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien in die Türkei verläuft, von wo aus das Gas nach Europa weitergeleitet werden könnte. In Teheran träumt man hingegen seit langem von einer Pipeline vom Iran durch den Irak und Syrien bis zum Mittelmeer.

South-Pars-Gasfeld (Foto: Ima)

South-Pars-Gasfeld: Streit um Ausbeutung und Pipelines

Vor fünf Jahren hat der Iran ein entsprechendes Abkommen mit dem syrischen Machthaber Assad geschlossen. Umgesetzt werden konnte das Zehnmilliardendollar-Projekt in dem Bürgerkriegsland jedoch nicht.

Zudem stehen die beiden Nachbarn auch im Syrien-Konflikt auf unterschiedlichen Seiten: Genauso wie Saudi-Arabien unterstützt Katar dort Rebellen.

Und so könnte ein größeres Engagement des Iran in der aktuellen Katar-Krise eher kontraproduktiv sein. Weshalb die Führung in Doha auf eine Unterstützung aus Teheran wohl eher verzichten wird. "In der aktuellen Krise wird Katar sich nicht auf den Iran verlassen", so die Einschätzung des Politologen Sadegh Zibakalam von der Universität Teheran. "Vor allem weil sie Saudi Arabien nicht zusätzlich provozieren wollen. Katar versucht, diese Krise mit der Hilfe der Türkei oder Pakistans zu bewältigen."

Und die iranische Führung wird sich wohl auch aus innenpolitischen Gründen zurückhalten: Sonst könnten mächtige konservative Kreise im Iran Aufwind bekommen, die sich gerne mit Saudi-Arabien anlegen würden - etwa die iranischen Revolutionsgarden.

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