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Nahost

Irans Interessen am Hindukusch

Die sunnitischen Taliban und das schiitische Regime im Iran sind sich spinnefeind. Deswegen nimmt der Iran an der Konferenz zur Stabilisierung Afghanistans teil. Teheran verfolgt dabei auch eigene Interessen.

Hamid Karsai zu Besuch bei Mohammed Chatami im Iran Teheran (Archiv 2002), Foto: AP

Trotz religiöser Differenzen gibt es iranisch-afghanische Treffen

Der "Große Satan" und der Ayatollah: Als der damalige iranische Präsident Mohammad Chatami im August 2002 zu einem eintägigen Besuch in der afghanischen Hauptstadt Kabul eintraf, bot sich dem Publikum ein denkwürdiger Anblick: Die Präsidenten Karsai und Chatami Seite an Seite auf der Ehrentribüne und hinter beiden schwer bewaffnete Leibwächter. Diese aber kamen weder aus Afghanistan noch dem Iran - es waren amerikanische "Marines", die seit dem Sturz des Taliban-Regimes zum Schutz von Karsai abgestellt waren und nun auch den iranischen Gast absichern mussten.

Das Convention Center Den Haag: Hier sollen wichtige Weichen für die Zukunft Afghanistans gestellt werden, Foto: AP

Unter den 70 Teilnehmerländern in Den Haag ist auch der Iran

So ungewöhnlich das Bild auch gewesen sein mag, es spiegelte doch eine Realität wider, die von Iranern und Amerikanern meist geflissentlich ignoriert und übergangen wurde: Washington und Teheran haben in Afghanistan durchaus ähnliche Interessen und es ist deswegen nicht mehr als folgerichtig, wenn Washington unter Barack Obama den Iran bei der Afghanistan-Konferenz in Den Haag am Dienstag (31.03.2009) dabei haben möchte und Teheran die Einladung ohne großes Zögern annahm.

Viele Berührungspunkte

Es gibt diverse Punkte, an denen Washington und Teheran sich in Sachen Afghanistan begegnen. Zunächst einmal: So sehr das System der "Islamischen Republik" von kritischen Kreisen im Ausland und besonders den USA als rückständig, fundamentalistisch-radikal und undemokratisch verketzert und verurteilt wird: Auf das Konzept der Taliban treffen solche Bezeichnungen tausendmal mehr zu. Im Vergleich zu dem, was die Taliban während ihrer Herrschaft in Afghanistan vorexerzierten, kann man den Staat der Mullahs getrost als "Musterländle" bezeichnen.

Teheran verbündete sich deswegen schon früh mit der damaligen "Nordallianz", die - allerdings vergeblich - versuchte, den Vormarsch der von Pakistan und Saudi-Arabien, anfangs sogar den USA unterstützten Koranschüler ("Taliban") zu stoppen. Als diese die Hauptstadt des Norden, Mazar-e-Sharif, eroberten, musste Teheran einen hohen Preis für seine Allianz zahlen: Eine Gruppe iranischer Diplomaten und Journalisten wurde entführt und von den afghanischen Radikalislamisten ermordet. Nur knapp konnte ein iranischer Einmarsch vermieden werden, Teherans Ablehnung der Taliban wurde dadurch aber unumkehrbar.

Karte: iranisch-afghanische Grenze, Quelle: DW

Rund 900 Kilometer ist die Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran lang. Hier verlaufen auch die Hauptschmuggelrouten für Drogen.

Erbe der Sowjetzeit

Diese Ablehnung basiert nicht allein auf dem unterschiedlichen Maß des politisch-religiösen Fanatismus, sondern hat auch ethnische und strategische Gründe: Bei den Taliban handelt es sich in erster Linie um sunnitische Paschtunen aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet - eine Mehrheit in Afghanistan, die noch dazu die schiitische Minderheit der Persisch (oder Dari) sprechenden Hazara als Häretiker verfolgen und unterdrücken.

Ein weiterer Grund sind die Probleme, die der Iran mit der Massenflucht von Afghanen seit der sowjetischen Invasion 1979 erfuhr: Fast 2,5 Millionen Afghanen suchten im Nachbarland Zuflucht. Selbst, wenn seit dem Sturz der Taliban gezielte - und manchmal auch erzwungene - Rückführungs-Programme eingeleitet wurden: Der Iran trug und trägt zusammen mit Pakistan die Hauptlast des afghanischen Dauerkonflikts. Afghanen sind zwar als billige Arbeitskräfte überall im Iran zu finden, aber sie sind auch eine Belastung für die Gesellschaft.

Zunehmendes Drogenproblem

Afghanische Bauern bei der Ernte in einem Mohnfeld in der Nähe von Kandahar (Archivbild), Foto: dpa

Dem Iran ein Dorn im Auge: Drogenanbau in Afghanistan

Dies trifft besonders bei der Frage des wachsenden Drogen-Problems zu: Afghanistan ist der weltgrößte Produzent von Drogen und die "Vertriebswege" führen über die ehemalige Sowjetunion und den Iran, wobei auf dem Weg einiges auch im Iran hängen bleibt. Selbst, wenn offizielle Statistiken dies nicht überdeutlich ausweisen, so leidet der Iran unter einem wachsenden Drogen-Problem. Als Hauptschuldige werden die Afghanen ausgemacht, die den Stoff über die lange Grenze schmuggeln und im Iran verkaufen: Ein einträglicheres Geschäft, als auf dem Bau zu arbeiten.

Afghanistan ist für den Iran auch aus wirtschaftlichen Gründen interessant: Je weiter das Land sich entwickelt, desto mehr wird es ein natürlicher Markt für iranische Produkte und Projekte. Und diese regionale Verflechtung hilft nicht nur der iranischen Wirtschaft, sondern auch bei der Verwirklichung der alten Regionalstrategie Teherans, nach der der Iran immer schon eine Führungsrolle einnehmen sollte.

Ein Hindernis bei der Verfolgung dieses Zieles stellt allerdings die US- und NATO-Präsenz in Afghanistan dar. Nach der Eroberung des Irak sowie den politischen Veränderungen in Pakistan und Zentralasien musste der Iran sich förmlich umzingelt fühlen von den USA und ihren Verbündeten. Der Abzug aus dem Irak ist vereinbart, die Zusammenarbeit mit den anderen Ländern wird schwieriger. In Teheran weiß man nur zu gut: Je schneller sich die Lage dort normalisiert, desto schneller ziehen die fremden Truppen von dort ab und machen den Weg frei für Irans Ausweitung von Macht und Einfluss.

Autor: Peter Philipp

Redaktion: Ina Rottscheidt / Dirk Eckert

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