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Nahost

Irans grüner Sommer

Nie zuvor hatten Facebook, Blogs und Twitter eine solche Bedeutung wie bei den Protesten von Irans grüner Bewegung: Erfahrungen und Berichte aus den sozialen Netzwerken hat der Regisseur Ali Samadi Ahadi jetzt verfilmt.

Die junge Medizinstudentin Azadeh (gespielt von Pegah Ferydoni), Quelle: WDR/Dreamer Joint Venture Filmproduktion

Die junge Medizinstudentin Azadeh

Der Zweifler Kaveh (gespielt von Navid Akhavan), Quelle: WDR/Dreamer Joint Venture Filmproduktion

Der Zweifler Kaveh

"Mein Vater sagte mir immer: 'Wir gehören zu einer Nation, die seit 150 Jahren auf der Suche nach der verloren gegangenen Stimme ist.' Und er sagte: 'Wir sind nicht mehr weit davon entfernt, wir müssen uns nur danach strecken, dann werden wir es schaffen!'" Das schreibt ein junger Iraner im Frühjahr 2009 in seinen Blog. Die Generation seines Vaters sei immer wieder daran gescheitert, schreibt er weiter, "dann waren wir dran, unser Glück zu versuchen und für wenige Wochen hatten wir das Gefühl, unserem Ziel so nah zu sein, wie noch nie zuvor!"

Damals standen Präsidentschaftswahlen an, im Iran herrschte Aufbruchstimmung: Außergewöhnlich viele Menschen nahmen sich vor, zur Wahl zu gehen, enttäuscht von den vergangenen Jahren, von der Unterdrückung, dem wirtschaftlichen Niedergang und der internationalen Isolation. Hunderttausende sehnten den Wandel herbei. Die Farbe Grün wurde zum öffentlichen Ausdruck und zum Symbol für diese Sehnsucht.

Kerzen und Blumen für Neda Agha Soltan, die am 20 Juli 2009 bei Demonstrationen erschossen wurde. Foto: Archiv/ap

Die Bilder der sterbenden Studentin Neda gingen via Internet um die ganze Welt. Sie wurde nach Augenzeugenberichten von einem Basij-Milizen erschossen.



Doch alle diese Hoffnungen wurden nach den Wahlen vom 12. Juni 2009 mit dem vermeintlich überwältigenden Sieg des Amtsinhabers Mahmud Ahmadineschad auf einen Schlag zunichte gemacht. Fassungslos mussten die Menschen mit ansehen, wie er im Amt bestätigt wurde, wie Hinweise auf Wahlfälschung und Urnenklau unbeachtet bleiben. Wie das Regime mit massiver Gewalt und Unterdrückung gegen jede noch so friedliche Art des Protests vorging.

Die Brücke nach draußen

Der deutsch-iranische Filmemacher Ali Ahadi, Foto: ap

Der deutsch-iranische Filmemacher Ali Ahadi

Wie gebannt saß damals der deutsch-iranische Filmemacher Ali Samadi Ahadi ("Lost Children", "Salami Aleikum") in seiner Heimat Köln vor dem Computer und saugte alle Nachrichten auf, die er aus seiner Heimat bekommen konnte: Facebook, Blogs und Twitter wurden für Irans Oppositionelle zum wichtigsten Mittel der Kommunikation, um die Zensur im eigenen Land zu umgehen und als Brücke zur Außenwelt. Wie gelähmt habe er sich beim Anblick der Bilder gefühlt, erinnert sich Ahadi. "Und irgendwann stellst du fest, dass du zwei Wochen nicht vom Fernseher weg gekommen bist, den Laptop auf dem Schoß und das Handy daneben. Und du beschließt: Ich muss was machen!"

In dem Moment war die Idee zu seinem Film "Green Wave" über Irans grüne Bewegung geboren. Wochenlang arbeitete sich Ahadi durch die sozialen Netzwerke, er trug Handy-Videos zusammen, sammelte Augezeugenberichte und sprach mit Exil-Iranern wie der Journalistin Mitra Khalatbari oder der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi.

Szenenbild aus dem Film Green Wave, Quelle: WDR/Dreamer Joint Venture Filmproduktion

Ahadi hat die Blog- und Twittereinträge zu computeranimierten Figuren verarbeitet. Schauspieler hätten das nicht nachspielen können, sagt er.



Die Blog-, Facebook-, Youtube - und Twitter- Beiträge von hunderten jungen Iranern visualisiert er, indem er sie zu zwei fiktiven Figuren werden ließ: Die junge Medizinstudentin Azadeh, die sich politisch für Ahmadienedschads Herausforderer Mir Hossein Mussawi engagiert und den zaudernden Kaveh, der zunächst von einem Freund überredet wird und sich später von der grünen Bewegung mitreissen lässt. Als comicartige Computeranimationen lässt Ahadi sie ihre Version des "grünen Sommers" erzählen und das Unrecht im Land durchleben.

Die Grüne Bewegung lebt

So erzählt etwa Kaveh von seiner Verhaftung am 8. Juli 2009, als er mit einem Freund unterwegs war und mit dem Handy filmte: "Sie warfen uns in einen Bus voller verletzter Leute und brachten uns zu einem Polizeirevier." Er berichtet von überfüllten Zellen, in denen Wächter die Lampen zerschlugen und in der Dunkelheit begannen, wahllos auf die Gefangenen einzuprügeln: "Bis zum Morgen starben mindestens vier Leute. Nicht ein einziger von uns war unversehrt geblieben. Viele hatten blutverschmierte und verkrustete Gesichter, so wie ich. Andere hatten gebrochene Arme und Beine." Und die Medizinstudentin Azadeh erzählt von ihrer Nachtschicht im Krankenhaus: "Der Geheimdienst und die Milizionäre holten die Leichen und warfen sie auf Laster, noch bevor wir ihre Personalien feststellen konnten. Sie haben uns das verboten. Was soll man nur zu allen diesen Grausamkeiten sagen. Was kannst du der Familie eines 13-jährigen Jungen sagen, der im Kugelfeuer starb?"

Hinter den fiktiven Figuren Kaveh und Azadeh stehen reale Blogs und Berichte aus dem Internet von mutigen Menschen, die ihre Erfahrungen ins Netz stellten, um sie mit anderen zu teilen. Ihnen wolle er eine Plattform bieten, sagt Ahadi, damit die grüne Bewegung im Ausland nicht in Vergessenheit gerate. Der Film ist ein Plädoyer für Freiheit und Demokra­tie im Iran und eine Mahnung an die Weltöffentlichkeit: Denn auch wenn es ruhiger geworden zu sein scheint um die grüne Bewegung - tot ist sie nicht. Sie sei nur dabei, sich neue Wege zu suchen, so der Filmemacher. Auch mit größtmöglicher Brutalität und Unterdrückung könne das Regime die Menschen im Iran auf Dauer nicht bezwingen: "Jede Diktatur ist zum Scheitern verurteilt", sagt er: "Es gab mächtigere, größere, zum Beispiel die Sowjetunion… auch die mussten gehen."

Der Film "Green Wave" kommt im Herbst in die deutschen Kinos.

Autorin: Ina Rottscheidt
Redaktion: Diana Hodali

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