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Nahost

Irans grüne Opposition meldet sich zurück

Seit dem Teheraner Geiseldrama vor 30 Jahren feiert der iranische Staat den 4. November als den Tag des Sieges über den Imperialismus. Die grüne Opposition will jetzt wieder an den ursprünglichen Gedenktag erinnern.

Proteste im Iran im September 2009, Foto: ap

Irans grüne Bewegung meldet sich zurück

"Was soll dieser grüne Fleck auf der Straße?", fragt einer der Fahrgäste, während das Taxi langsam über den überdimensionalen Farbklecks rollt und eine lange grüne Reifenspur hinterlässt. Im Teheraner Verkehrschaos überqueren Fußgänger an jeder nur denkbaren Stelle die Straße. Einige haben es so eilig, dass sie durch die frische Farbe laufen. Mit den Abdrücken ihrer Sohlen erobert die grüne Farbe den Bürgersteig.

Wer dagegen ist, sprayt grün

Wahlen im Iran 2009

Mit Graffitis gegen Ahmadinedschad: Sprayer in Teheran

So wenig Beachtung die meisten gehetzten Teheraner dem scheinbar zufälligen Farbklecks auch beimessen mögen, handelt es sich bei diesem Vorgang doch um hochpolitischen Protest: "Vergrünung der Straßen" nennt der Student Hamid sein neues Konzept schlicht. Er will die Straßen der iranischen Millionenstadt nach und nach grün färben, mit Graffitis, Postern und eben jenen Farbbeuteln. "Grün war ursprünglich die Farbe der 'seyyeds', der Nachkommen Mohammads", erklärt Hamid. Mit dem Wahlkampf des Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mousavi avancierte die grüne Farbe zum politischen Symbol der Oppositionsbewegung.

Mit spontanen Massendemonstrationen gegen die Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads brachten hunderttausende Iraner die islamische Republik im Juni dieses Jahres kurzzeitig ins Wanken, aber nicht zu Fall. Während die Proteste auf den Straßen niedergeschlagen und zerstreut wurden, verengten sich auch die Maschen im virtuellen Netzwerk der Protestbewegung. Zeitweise agierte die Opposition nur über Mundpropaganda. Obwohl der iranische Staat die Geschwindigkeit des Internets noch immer künstlich verlangsamt, konnten sich viele Plattformen der "Grünen Bewegung" im Internet etablieren. Dass sich Grün als Protestfarbe durchgesetzt hat, mag auch daran liegen, dass man im Iran auf legale Weise nur protestieren kann, wenn man sich des religiösen Repertoires der Republik bedient. Das sind nun eben islamische Symbole wie das Hoffnung signalisierende Grün oder die nächtlichen "Allahu Akbar"-Rufe von den Hausdächern.

Positiv formulierter Protest

Geht man fünf Monate nach der Präsidentschaftswahl auf Spurensuche, wird man in Teheran schnell fündig: Slogans wie "Tod dem Diktator" gehören zum Standardrepertoire der Sprayer, fast an jeder Hauptstraße leuchten einem die grünen Schriftzüge von Wänden und Bänken entgegen. "Solche negativen Parolen sollten wir vermeiden", findet Hamid. Er möchte, dass die Menschen mit der "Vergrünung der Straßen" gute Assoziationen verbinden, deshalb sprüht Hamids Netzwerk nur positive Slogans in grüner Farbe, meistens in Verbindung mit einem Victory-Zeichen. Um dennoch ein negatives Bild von den Regierungsanhängern und deren paramilitärischen Organisationen zu erzeugen, beklebt Hamid die Schlitze der Spendenboxen religiöser Stiftungen mit gefräßigen Mäulern von kunstvoll designten Comicfiguren. Das soll sagen: Werft den Betrügern kein Geld in den Rachen!

Mousawi-Anhänger, Foto: ap

Die Oppositionellen bemächtgen sich der Symbole des Regimes: Das Grün des Islam oder die nächtlichen "Allahu Akbar"-Rufe von den Hausdächern.

Überhaupt ist die "Grüne Bewegung" inzwischen dazu übergegangen, ihre politischen Ziele mit künstlerischen Ansätzen zu verfolgen, erklärt etwa Nargez, die T-Shirts mit dem Konterfei Mir Hossein Mousavis druckt: "Wir bedienen uns neben den politischen Graffitis verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen, wie bemalten Geldscheinen, Victory-Stempeln und T-Shirts." Sie stellt Motive und Slogans auf ihre Homepage und eine Anleitung zum T-Shirt-Druck, so dass jeder ein T-Shirt seiner Wahl entwerfen kann. "Wir sind auf solche do-it-yourself-Taktiken angewiesen", sagt Nargez.

Den 4. November zurückerobern

Symbolbild Iran PC Computer Gesetz Internet

Per Gesetz hat der Iran beschlossen, das Internet schärfer zu bewachen

Unabhängig von der Form und Farbe des Protests bleibt das Ziel das gleiche: "Wir kämpfen für eine wahrhaftige Demokratie. Deshalb fordern wir Meinungsfreiheit und die Entlassung aller politischen Gefangenen", erläutert Nargez.

Diesen Forderungen wollen sie auch am 4. November Nachdruck verleihen. Vor der Revolution war dieser Tag den Schülern und Studenten zugedacht worden. Doch seit die amerikanische Botschaft vor genau 30 Jahren im Zuge der islamischen Revolution von Iranern besetzt wurde, feiert der iranische Staat am 4. November jedes Jahres den Sieg über den Imperialismus statt den Tag der Schüler und Studenten. Doch die "Grüne Bewegung" hat ihre Absicht bereits an Häuserwänden bekundet: der 4. November soll ein grüner Tag werden, er soll wieder der Tag der Schüler und Studenten werden. Gleichzeitig soll er zwei Entwicklungen offen legen: Zum einen, dass die Graswurzelbewegung Erfolge für sich verbuchen kann, weil sie dem Regime ein Symbol gestohlen und die grüne Farbe für sich vereinnahmt hat. Zum zweiten, dass die Farbe Grün nicht nur die Straßen, sondern auch die Psyche der islamischen Republik verändert. Dank der grünen Farbe können nun Forderungen an öffentliche Gebäude gesprayt werden, die vor den Wahlen undenkbar waren. Die im Dunkeln gesprayten Sprüche auf den Straßen könnten so eine Art Vorhut zur Meinungsfreiheit werden. Denn die Regierung kann zwar die grünen Farbkleckse auf Teherans Straßen beseitigen, nicht aber die in den Köpfen der Iraner.

Autorin: Stephanie Rohde
Redaktion: Thomas Latschan