Irans gesellschaftliches Nachbeben | Asien | DW | 23.11.2017
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Asien

Irans gesellschaftliches Nachbeben

Nach dem Erdbeben im Westiran fuhren tausende Menschen aus dem ganzen Land ins Katastrophengebiet, um den Opfern selbst zu helfen. Dabei zeigen die Iraner ihr erschüttertes Vertrauen in die Regierung offener denn je.

„Am Tag nach dem Erdbeben war ich in der Uni", berichtet Sadegh Ziba Kalam, ein bekannter Teheraner Universitätsdozent und Regimekritiker: „Da sagte mir einer meiner Studenten, er könne nicht am Unterricht teilnehmen, denn er wolle für die Menschen in den Erdbebengebieten Spenden sammeln. Als ich das hörte, dachte ich, warum sollte ich nicht dasselbe machen? An dem Abend veröffentlichte ich meine private Kontonummer auf meinem Twitter-Account und bat um Spenden für die Menschen in den betroffenen Gebieten." Es dauerte keine 48 Stunden, da waren 1,2 Milliarden Toman (ca. 290.000 Euro) auf seinem Konto. Er sei fassungslos gewesen und müsse genau überlegen, wie er damit umgehen solle, sagt der Dozent.

Sadegh Zibakalam iranischer Reformer (Nasim)

Universitätsprofessor Ziba Kalam wurde von der Spendenbereitschaft seiner Landsleute überrascht

Für ihn ist dies ein klares Signal: „Die Menschen im Iran haben längst jedes Vertrauen in diese Regierung, in alle Ämter und Behörden verloren. Das ist ein großes Warnsignal an die Regierung, das diese ganz offensichtlich nicht wahrnehmen will. Das ist ein sehr großes Problem". Ziba Kalam zufolge setzt sich die Summe vor allem aus Kleinstbeträgen zusammen: „Gespendet haben Schüler, Studenten, Lehrer, Arbeiter und einfache Leute, die selbst wenig besitzen", so der Dozent.

Die Geschichte von Ziba Kalam hat sich in den sozialen Medien rasch verbreitet. Gleichzeitig haben sich mehrere bekannte Schauspieler, Sportler oder Sänger zu Wort gemeldet und Videos von sich veröffentlicht, in denen auch sie die Bürger zu Spenden aufrufen.

Erdbeben im Zeitalter sozialer Medien

In der offiziellen Berichterstattung wird von rund 500 Toten, 10.000 Verletzten und mehr als 30.000 zerstörten Häusern gesprochen. Nach Aussagen von Betroffenen aus der Region sind die Zahl der Toten und das Ausmaß der Zerstörung jedoch viel größer. Damit ist diese Katastrophe noch immer nicht vergleichbar mit dem Erdbeben vom Herbst 2004 im Weltkulturerbe Bam im Südosten des Iran. Damals starben mehr als 40.000 Menschen, von der Stadt blieb nur ein Trümmerfeld übrig. Der Wiederaufbau ist bis heute nicht abgeschlossen. Auch damals gab es viele Gerüchte über Korruption und Beschlagnahmung von Geldern und Hilfsgütern durch die Regierung. Anders als heute gab es aber nicht die Möglichkeit, Nachrichten schnell und an der Zensur vorbei in den sozialen Medien zu verbreiten.

Iran KW46 Erdbeben Hilfe (IRNA)

Viele Iraner nahmen die Hilfe für die Erdbebenopfer selbst in die Hand

Eine der bekanntesten Szenen, die nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in den staatlichen Medien veröffentlicht wurde, ist ein Luftbild der Schnellstraße nach Sare Polezahab, einer vom Erdbeben besonders stark zerstörten Stadt. Auf dem Bild stauen sich Autos und LKWs aus allen Landesteilen. Privatleute sind unterwegs ins Katastrophengebiet, um selbst Hilfsgüter zu verteilen, denn der Regierung trauen sie nicht. „Die sind nur hierhergekommen, um Selfies zu machen, nach dem Motto: „Wir sind auch da!" Tatsächlich sieht man in vielen Posts auf Facebook, Twitter, Telegram oder Instagram Bilder von Geistlichen, die sich vor zerstörten Häusern abbilden lassen. In den sozialen Medien werden Regierung, Bassidsch-Milizen und Revolutionsgarden scharf kritisiert, der Korruption bezichtigt und als Diebe beschimpft.

In anderen Posts fragen Iraner, warum ihr Staat Milliarden für Syrien, Irak, Palästina und die Hisbollah im Libanon ausgibt, während die Bewohner von abgelegenen Dörfern im eigenen Land im Elend leben müssten und derartigen Naturkatastrophen nahezu schutzlos ausgeliefert seien.

Der Krisenstab in der Krise

Iran Erdbeben (Tasnim)

Ali Chamenei bei seinem Besuch im Erdbebengebiet

Nie zuvor hatte Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei nach einer Naturkatastrophe den Notleidenden einen Besuch abgestattet. Diesmal aber war die Lage so prekär, dass er sich eine Woche nach dem Beben auf den Weg nach Kurdistan machte, um sich selbst ein Bild der Lage zu verschaffen. Er befahl der Regierung, mehr Hilfe zu leisten, lobte aber gleichzeitig die „wirksame und effektive Präsenz der Revolutionsgarden" in den Erdbebengebieten.

Ahmad Safari kann diesen Eindruck nicht teilen. Der Abgeordnete aus Kermanschah sagte in einem Interview, die Art und Weise, wie die Regierung in den ersten Tagen vorging, sei derart katastrophal gewesen, dass die „Hilfsorganisationen eigentlich selbst eine Rettungsaktion brauchten". Offensichtlich sei die Regierung nicht in der Lage, die unterschiedlichen Hilfsaktionen zu koordinieren und zu lenken.

Private Spenden statt staatlicher Hilfe

Zwar hat die Regierung von Präsident Hassan Rohani jeder betroffenen Familie eine Soforthilfe von umgerechnet 1.200 Euro und zinsgünstige Darlehen für einen schnellen Wiederaufbau versprochen. Ob und unter welchen Bedingungen diese jedoch tatsächlich ausgezahlt werden, ist noch unklar. Und auch bei schnellster Bewilligung werden die Mittel nicht ausreichen. Zudem zeigt das Beispiel von Bam, dass der Wiederaufbau Jahre dauern könnte. „Ich werde deshalb die Gelder auf meinem Konto lieber kurdischen NGOs und vertrauenswürdigen Dorfältesten und Bürgern geben", betont Ziba Kalam, der vergangene Woche selbst nach Kermanschah reiste, um sich ein Bild der Lage zu machen. „Die NGOs haben mich gebeten, das Geld nicht auf einmal auszugeben, damit sie zunächst Pläne entwerfen können, um den Betroffenen effektiver unter die Arme zu greifen. Es sind so viele Familien darunter, so viele alte Leute und Kinder, denen langfristig geholfen werden muss."

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