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Iran

Irans Elite spricht statt von Korruption lieber von "guten Genen"

Quer durch alle politischen Parteien gilt: Iranische Politiker versorgen ihre Kinder mit guten Jobs. Ein Politiker-Sohn begründete das jüngst mit seinen "gute Genen" - und löst einen Shitstorm in den Medien aus.

Iranische Nutzer von sozialen Netzwerken sind jung, gut ausgebildet und sarkastisch. Am liebsten machen sie auf die Missstände im Iran über den Kurznachrichtendienst Twitter aufmerksam. Dort ist auch fast die gesamte Polit-Elite des Landes aktiv. Vom religiösen Führer Ayatollah Ali Khamenei und Staatspräsident Hasan Rohani bis zu Regierungsmitgliedern und Parlamentsabgeordneten.

Ein Beispiel für sarkastischen Online-Aktivismus bietet der Hashtag (#ژن_خوب  übersetzt: "#Gute_Gene". Unter diesem Hashtag werden seit einigen Wochen Fotos von Politikerkindern gepostet, die in der Wirtschaft oder Politik überraschende Blitzkarrieren hingelegt haben. So zum Beispiel das Bild von Hamidreza Aref und seinen Eltern, dass der User farzad_az tweetet.

Shitstorm dank "guter Gene"

Ausgelöst hat diesen andauernden Protest ein Interview, dass der abgebildete erfolgreichen Geschäftsmann Hamidreza Aref vor einigen Wochen gegeben hat. Er ist der Sohn von Mohammadreza Aref, Fraktionsvorsitzender der reformorientierten Abgeordneten im iranischen Parlament. Der heute 36-jährige Hamidreza Aref hatte bereits mit 23 Jahren als Geschäftspartner des südafrikanischen Mobiltelefonieanbieters MTN eine Auktion des Ministeriums für Kommunikation und Technologie gewonnen und damit seine Karriere begonnen. MTN hält heute 49 Prozent an MTN Irancell, dem zweitgrößten Telekomunternehmen im Iran. Hamidreza Arefs Vater war damals Vizepräsident in der reformorientierten Regierung von Mohammad Khatamie. 

Der junge Aref wurde vor einigen Wochen gefragt, wie er so schnell in der Wirtschaft Karriere machen konnte. Seine Antwort: "Ich bin eben talentiert. Dafür muss man gute Gene haben und ich haben sie von meinen Eltern geerbt." Dieser Satz löste einen Shitstorm in Medien und sozialen Netzwerken aus. 

Wer im Glashaus sitzt ...

Besonders scharf wurden Aref und sein Vater von konservativen Medien kritisiert. Aref senior gehört zu einer Gruppe von einflussreichen Politikern, die sich in der Regierung von Präsident Rohani die Korruptionsbekämpfung ganz groß auf die Fahne geschrieben haben. Die Agentur Tasnim News, die den Revolutionsgarden nahesteht, sieht im Interview den Beweis dafür, dass die reformorientierten Politiker ihre jungen Wähler belogen haben. Statt Korruptionsbekämpfung schanzen sie ihren Kindern Posten zu.

Die Revolutionsgarden als zentraler Bestandteil des konservativen Establishments im Iran sind allerdings auch nicht besser. Neben ihrer militärischen Bedeutung haben sie einen enormen Einfluss auf die iranische Wirtschaft und sind fast in allen Branchen aktiv. Sie betreiben Unternehmen in den Bereichen Energie bis hin zur Rüstung. Mangelnde Transparenz, Korruption und Geldwäsche stehen auch hier auf der  Tagesordnung. So wundert es nicht, dass Transparency International den Iran 2016 unter 176 Ländern auf Platz 131 einstufte.

Iran Arbeitslosigkeit (Mizan)

Für viele junge Menschen ist es im Iran sehr schwierig, eine Arbeit zu finden

Desillusionierte Jugend

Der Iran ist eine junge Nation: Das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei zwölf Prozent. Von den jungen Menschen unter 25 Jahren ist sogar jeder Vierte ohne Job. Viele gut ausgebildete junge Menschen verlassen das Land. Jeder weiß, dass es ohne Verbindungen fast unmöglich ist, eine Stelle zu bekommen. Bekannt ist auch, dass es in der politischen Klasse kein allzugroßes Interesse an der Bekämpfung der Korruption gibt.

Das Interview mit Aref und dessen Verweis auf "gute Gene" brachte das Fass der Unzufriedenheit zum Überlaufen. Der Protest auf Twitter blieb nicht ohne Wirkung. Kamil Lahouti, Sohn des reformorientierten Abgeordneten Mehrdara Lahuti, sollte Anfang der Woche Bürgermeister der kleinen Stadt Chamkhaleh werden. Er hat seine Kandidatur nach Protesten auf Twitter zurückgezogen. Sein Vater gibt sich kämpferisch. Der Zeitung Shargh sagte der Abgeordnete Lahuti: "Für die Wahl des Bürgermeisters stand sein Namen auf der List. Ich war aber dagegen. Er verdient etwas Besseres!"