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Kultur

Iranisches Anti-Kriegs-Drama uraufgeführt

Im Iran verboten, in Deutschland uraufgeführt: Ein Theaterstück der Autorin Shabnam Tolouei, das sogar den iranischen Geheimdienst ins Theater lockte.

Frau in Schwarz steht geknebelt in einer Tür / Szene aus dem Theaterstück 'Bahman - Bagdad' (Foto: Matthias Stutte)

Es kommt nicht allzu oft vor, dass der iranische Geheimdienst sich für das Programm eines deutschen Stadttheaters interessiert. Aber das Theater Krefeld-Mönchengladbach hat es geschafft, Besuch von den grauen Herren zu bekommen. Der Grund ist eine Produktion der Autorin und Regisseurin Shabnam Tolouei, die 2003 in Teheran uraufgeführt werden sollte. Die Proben waren weit vorangeschritten, doch kurz vor der Premiere wurde das Stück verboten. Eine Begründung gab es – wie üblich in solchen Fällen – nicht.

Iran-Irak-Krieg und die Folgen

"Ich habe gehört, einer der Gründe für das Verbot unseres Stückes soll gewesen sein, dass es ein Anti-Kriegs-Stück ist, dass es den Iran-Irak-Krieg lächerlich macht", sagt Shabnam Tolouei, die nun in Mönchengladbach Regie führt statt in Teheran. "Und es hieß, dass vor allem die Werte, die im Iran wichtig sind, ins Lächerliche gezogen werden. Dem ist aber nicht so! Es ist ein Anti-Kriegs-Stück, aber es macht keine Werte lächerlich."

Junger Mann in Kampfmontur und Frau mit schwarzem Kopftuch. Szene aus 'Bahman - Bagdad' (Foro: Matthias Stutte)

"Bahman – Bagdad", der Titel des Stücks von Shabnam Tolouei und Amir Aghaee, bezieht sich auf zwei Zigarettenmarken, die aus dem Iran und dem Irak stammen. Beide Länder führten von 1980 bis 1988 einen Krieg gegeneinander, dessen Folgen noch heute in der Gesellschaft zu spüren sind.

Ein junger Mann in Kampfmontur phantasiert sich in Kriegsgeschichten hinein, prahlt mit seinen Fronterlebnissen, um eine Frau zu beeindrucken, in die er sich verliebt hat. Wohl auch, um sich selbst wie ein Held zu fühlen.

Unterdrückte Wahrheit

Und sie? Sie sucht eigentlich nur Abstand und Ruhe. In der Wohnung einer Freundin hat sie Zuflucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann gefunden, und nun kommt pausenlos dieser junge Kerl vorbei. Eine verhaltene Liebesgeschichte beginnt – einmal kommt es sogar zu einer flüchtigen Berührung der Finger. Aber Vertrauen will zwischen den beiden nicht entstehen. Keiner der beiden gibt sich preis, nicht die Frau, die davon träumt, Pianistin zu sein oder das Land zu verlassen, und nicht der junge Mann, der in Wahrheit schwer krank ist und ein armseliges, beengtes Leben führt.

Eine Frau in Schwarz steht am Fenster einer Wohnung. Draußen ist ein Baum mit grünen Blättern zu sehen. Szene aus 'Bahman - Bagdad' (Foto: Matthias Stutte)

Die beiden belügen sich einen ganzen Theaterabend lang - nicht nur gegenseitig, sondern auch sich selbst. "In jeder Gesellschaft, die unter Repression und unter Druck steht, ist es meiner Meinung nach so, dass man einen Teil der Identität und der Wahrheit unterdrückt", sagt Autorin Shabnam Tolouei. Und sie zeigt das Psychogramm eines Landes, in dem die Menschen ihr Leben ganz ins Private verlegt haben, in die Wohnung, aus denen die Protagonisten des Theaterstücks den ganzen Abend lang nicht herauskommen. Von außen aber dringt manchmal ein Baum ein, der sich selbständig macht und sein mächtiges Blätterwerk durchs Fenster in die Wohnung hineinstreckt: Für die Frau eine Bedrohung, für den jungen Mann ein Stück Leben, das er hegt und pflegt.

Falsche Religion

Für Shabnam Tolouei wurde die Bedrohung von außen bald existenziell: Sie erhielt Arbeitsverbot in der Islamischen Republik Iran: Als Baha'i hat sie die falsche Religionszugehörigkeit. "Mir wurde gesagt, ich müsse Muslimin werden, um wieder eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Ich habe nichts gegen den Islam oder gegen Muslime, aber einfach die Religion ändern? Das ist etwas sehr Persönliches, als ob jemand von dir verlangt, deinen Namen zu ändern."

Frau in schwarz-weißem Gewand, von Kopf bis Fuß verhüllt. Szene aus 'Bahman - Bagdad' (Foto: Matthias Stutte)

Sie zog die Konsequenzen und verließ das Land. Seit 2004 lebt sie nun in Paris. "Wenn ich nirgendwo mehr arbeiten kann, bleibt mir ja nichts anderes übrig."

Angst, sagt sie, habe sie nicht – auch nicht vor dem iranischen Geheimdienst, der nun sogar in Deutschland ihre Arbeit beäugt hat. "Ich musste nie ins Gefängnis und war nie in Lebensgefahr. Das heißt, ich werde auch hier nicht verfolgt. Der Grund, warum ich gegangen bin, ist einfach, dass ich nicht mehr arbeiten durfte."

Abschied vom Klischee

Das Theaterstück, das sie so gern im Iran auf die Bühne gebracht hätte, nun für ein deutsches Publikum zu inszenieren, ist eine Herausforderung. Denn das Stück passt nicht ins schlichte westliche Klischee von unterdrückten Frauen und bösen Mullahs. Als Regisseurin musste Shabnam Tolouei nun ganz andere Bilder finden als in der verbotenen Teheraner Inszenierung. Denn nicht jede Szene erschließt sich einem westlichen Publikum auf Anhieb. Das war oft nicht ganz einfach. Andererseits gibt es keine Beschränkungen durch die Zensur wie im Iran. "Darum haben wir manche Szenen, die im Original nur metaphorisch angedeutet werden, sehr konkret und genau dargestellt."

Shabnam Tolouei (Foto: Matthias Stutte)

Shabnam Tolouei

In Mönchengladbach darf sich die Protagonistin auch mal in den Schritt greifen, um erotische Bedürfnisse zu stillen. Und als am Ende die Wohnungsbesitzerin auftaucht, entpuppt sie sich als glamouröse Pianistin, die sich ein freieres Leben erkämpft hat. Auf der Bühne steht sie als mondäne Gestalt mit figurbetonter Kleidung und offenem Haar, die sich nicht darum schert, ob ein Mann in der Nähe ist. Auf einer iranischen Bühne undenkbar.

Dass Shabnam Tolouei ihr Stück nun wenigstens im Westen aufführen kann, bedeutet ihr sehr viel. "Ich bin sehr glücklich darüber, aber das hat einen negativen Beigeschmack. Warum können wir in unserem Land nicht das sagen, was wir möchten? Wir führen hier unser normales Leben, aber wir dürfen nicht vergessen: Genau in diesem Moment sitzen viele Menschen im Iran in den Gefängnissen. Und können ihr Leben nicht leben."

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Gudrun Stegen