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Iran

Iranische Hardliner greifen Oscar-Gewinner Farhadi an

Asghar Farhadi hat zum zweiten Mal einen Oscar gewonnen. Nicht alle Iraner freuen sich mit ihm. Angriffe kommen von beiden Seiten: Hardlinern gilt sein Film als Verrat. Den Exilanten ist Farhadi zu zahm.

Asghar Farhadi (Getty Images)

Asghar Farhadi

"Es war keine gute Entscheidung "The Salesman" als unseren  Kandidat in das Rennen um einen Oscar zu schicken", ärgert sich Ali Motahari, der Vizepräsident des iranischen Parlaments, zwei Tage nachdem "The Salesman" in der Kategorie für den besten fremdsprachigen Film den Oscar gewonnen hat.

"Der Film präsentiert doch kein schönes Bild des Iran", kritisiert der konservative Abgeordnete. Abgesehen davon es sei auch nicht angemessen gewesen, dass eine Frau ohne Hijab den Oscar entgegen genommen hat. Immerhin lobt Motahari den Filmemacher Farhadi dafür, nicht selbst zur Preisverleihung in die USA geflogen zu sein.

"Ein Falsches Bild der islamischen Gesellschaft"

Asghar Farhadi, der bereits 2012 für das Gesellschaftsdrama  "Nader und Simin - eine Trennung"  den Oscar gewann, hatte aus Protest gegen den Einreisestopp von Präsident Donald Trump gegen sieben muslimische Staaten seine Teilnahme an der Oscar-Verleihung offiziell abgesagt.

"Alles geplant und nur ein Trick", urteilt die mächtige konservative Zeitung "Keyhan" am 28.Februar. "Trumps Einreiseverbot und Farhadis Absage waren nur eine Show, damit ein Film, der mit dem Geld des Emir von Katar finanziert wurde, den Oscar gewinnt", versteigt sich "Keyhan" in wüste Verschwörungstheorien. 

Mit dem sunnitischen Königshaus von Katar am persischen Golf steht der Iran im syrischen Bürgerkrieg im Konflikt. Katar unterstützt die Gegner von Bashar al-Assad, die iranische Führung steht Assad zur Seite. In Bezug zur Kunst wiederum sind die Iraner immer noch stolz auf ihre altpersische Hochkultur. Auf die künstlerischen Anstrengungen der arabischen Länder am persischen Golf schauen sie mit einer gewissen Arroganz herab. 

Negar Nemati, Designerkleidung Filmstill mit Taraneh Alidoosti and actor Shahab Hosseini (picture-alliancedpa/Cannes Film Festival Handout)

Farhadi legt seine Finger in die Wunden einer patriarchalischen Gesellschaft

Laut offiziellen Angaben wurde Farhadis Film von "Memento Films Production" und "Arte France Cinéma" produziert. Das wird in dem Bericht nicht thematisiert. Wichtig ist "Keyhan", dass "The Salesman" angeblich ein "elendes und auf dem Kopf stehendes Bild der islamischen Gesellschaft" präsentiere und sogar "den Islam als die Wurzel der Gewalt und Ungerechtigkeiten in dieser Gesellschaft darstellt". 

Die Oscarverleihung an Farhadi war eine politische Entscheidung, schreibt die erzkonservative Zeitung "Vatan-e Emrooz" am 01.März. Sie bezeichnet Farhadis Film sogar als "Verrat" an der Gesellschaft und der iranischen Kultur. Farhadi liefere, was der Westen sich wünsche.

Farhadis Finger in den Wunden der Gesellschaft

"The Saleman" ist ein Drama über eine erdrückende Gesellschaft, in der selbst das Privateste fremdem Zugriff ausgeliefert ist. Über ein Künstler-Ehepaar, das den post-traumatischen Druck eines Angriffes alleine bewältigen muss. Über die Rolle einer Frau und über sie als Opfer, aber nicht nur von körperlicher Gewalt. Über einen intellektuellen Ehemann, dem das Gerede der Nachbarn über seine vermeintliche Schande wichtiger ist als seine Frau.

Farhadi thematisiert in seinem Film einiges an Tabus und legt seine Finger in die Wunden einer patriarchalischen Gesellschaft. Das Drehbuch hat der Regisseur selbst geschrieben. 

Im Iran hatte "The Saleman" die Zuschauer überzeugt und ist der erfolgreichste Film der iranischen Kinogeschichte. In Cannes wurde er für das beste Drehbuch und den besten Darsteller geehrt. Es war zu erwarten, dass er den Oscar bekommen würde.

Kritik an einer denkwürdigen Rede

Farhadi hatte zwei erfolgreiche iranische Migranten in den USA nominiert, ihn zu vertreten: den Wissenschaftler Firouz Naderi und die Geschäftsfrau Anoushe Ansari. Naderi ist ein hochrangiger Mitarbeiter der NASA. Ein Asteroid wurde nach ihm benannt. Ansari war die erste Weltraum-Touristin. Sie sagte vor Journalisten, dass Farhadi sie ausgewählt habe, weil sie den Weltraum repräsentiere, wo es keine Grenzen gibt.

Ansari verlas bei der Oscar-Gala die Dankesrede von Farhadi. In dieser warnte der Regisseur vor einer Aufteilung der Welt in "uns und unsere Feinde". "Das schafft Angst. Eine betrügerische Rechtfertigung für Aggression und Krieg. Diese Kriege verhindern Demokratie und Menschenrechte in Ländern, die selbst Opfer von Aggression sind." Bei Teilen der Opposition außerhalb des Irans kam Farhadis Rede gar nicht gut an. Er solle das Regime im Iran kritisieren und nicht die USA, hieß es. Manche sahen sogar die beiden Stellvertreter skeptisch: Die hätten die Gelegenheit nicht genutzt, den Iran zu bemängeln.

Farhadi selbst hat seinen Kritikern bislang nicht geantwortet. Er hat seinen Oscar allen Iranern und den Bürgern der sechs weiteren Länder gewidmet, die von dem Einreiseverbot Donald Trumps betroffen sind.

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