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Asien

Iran: Moralpolizei gegen Modemacher

Irans Modeszene hat zuletzt eine Phase relativer Öffnung erlebt. Doch jetzt wurden mehrere Models verhaftet, weil sie "unislamische Fotos" veröffentlicht haben. Nun fürchten Irans Modeschaffende weitere Repressionen.

Im Iran hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eine relativ freie Modeszene etabliert. Nach vielen Jahren im Untergrund konnte sie in den letzten Jahren weitgehend offen agieren. Von der offiziellen "Teheran Fashion Week" bis zum Catwalk im Untergrund: Mode-Events schießen wie Pilze aus dem Boden.

Doch nun hat die iranische Cyber-Polizei, Teil der Revolutionsgarden, neun Personen, darunter sieben Frauen, verhaftet. Sie haben auf Instagram Mode-Bilder veröffentlicht, auf denen sie ohne Kopftuch zu sehen sind. Wie die Behörde bekannt gab, seien im Rahmen des Einsatzes "Spinne 2" 170 weitere verdächtige Personen identifiziert worden. Hierbei soll es sich nicht nur um Models, sondern auch um Modefotografen, Designer und Internetadministratoren handeln.

"'Spinne2' ist das Ergebnis eines zweijährigen Kampfes gegen Modelling und Modebetreiber", so der Teheraner Staatsanwalt Abbas Dolatabadi im Interview mit der iranischen Nachrichtenagentur ILNA. Die Aktion "hat bereits zur Schließung mehrerer Seiten geführt", resümiert Dolatabadi.

Untergetaucht, aber nicht verschwunden

Ausstellungsstück auf einer internationalen Modemesse in Teheran

Ausstellungsstück auf einer internationalen Modemesse in Teheran

"Für uns kam das völlig unerwartet", sagt dagegen die Modeschaffende Nassim im Interview mit der DW. "Meine Freundin hat mich früh morgens angerufen und gesagt, ich solle sofort mein öffentliches Instagram-Konto auf privat umschalten", so die 28 jährige, die seit fünf Jahren in Teheran arbeitet.

Für zahlreiche Kleinunternehmer und Selbstständige der iranischen Modebranche sind soziale Netzwerke wie Telegram oder Instagram die einzigen verfügbaren Werbekanäle. Auch Nassim gewann ihre Kunden vor allem über Instagram. "Als mein Profil öffentlich war, haben im Durchschnitt jeden Tag 100 neue Nutzer meine Instagram-Seite abonniert", erzählt sie. Doch das sei jetzt erstmal vorbei: "Ich würde auch keinem Kanal folgen, von dem ich vorher außer dem Namen nichts sehen kann." Trotz der Repressionen will Nassim ihre Arbeit als Designerin fortsetzen. Die Umsatz-Einbußen wird sie aber wohl vorerst hinnehmen müssen.

Auch Pouria, ein Fotograf aus der Pilgerstadt Mashhad, will sich nicht einschüchtern lassen. Er wurde 2011 bei einer ähnlichen Verhaftungswelle festgenommen und erst nach über 100 Tagen Haft wieder freigelassen. Damals richtete sich die Aktion vor allem gegen Musiker und Produzenten von Musikvideo-Clips.

Trotz seiner Erfahrungen schätzt Pouria die Wirkung solcher Aktionen eher als gering ein. "Einen Tag nach meiner Freilassung hatte ich schon Shooting-Termine und fing wieder an, an neuen Projekten zu arbeiten", erinnert sich Pouria. "Man kann nicht seinen Beruf und seine Leidenschaft von heute auf morgen aufgeben", gibt er sich kämpferisch.

Machtdemonstration der Konservativen

Mode-Fotografie im Iran (Foto:Pouria)

Eine Modefotografie des iranischen Fotografen Pouria

Die Künstlerszene im Iran kennt sich inzwischen mit solchen Situationen aus. Meistens nehmen die Dinge nach einer kurzen Schockstarre wieder ihren gewohnten Lauf. Auch Pouria sieht die Festnahmen vor allem als Machtdemonstration der Konservativen in einer Zeit, in der die reformorientierten Kräfte im Iran im Aufwind sind.

"Das haben wir nach Mohammad Chatamis erster Amtszeit als Präsident immer wieder erlebt", erklärt Pouria seine These. Unter Chatami erlebte der Iran zwischen 1999 und 2005 eine Phase relativer Öffnung. "Nach jedem Erfolg der Reformisten reagieren die Konservativen im Iran mit so einem Gegenschlag. Normalerweise wird dabei vor allem die jüngere Generation auf irgendeine Art unter Druck gesetzt", so Pouria.

Der Einsatz "Spinne 2" gegen die Modebranche ist nicht die einzige Maßnahme, die die konservativen Kräfte in jüngerer Zeit durchgeführt haben. Im Anschluss an den Erfolg der reformorientierten Kräfte bei den Parlamentswahlen im Februar 2016 wurden bereits die Patrouillen der sogenannten Sittenpolizei verstärkt. Die Undercover-Sittenwächter achten strikt darauf, dass die restriktiven Benimm- und Kleidungs-Regeln in der Öffentlichkeit eingehalten werden.

Irans Jugend sieht das alles eher gelassen. Mit einer von anonymen Programmierern entwickelten Smartphone-App reagierten junge Iraner auf die letzten Einschränkungsversuche der Konservativen. Ähnlich wie bei einer Blitzer-App ermöglicht die Anwendung "Gershad" ihren Nutzern, den Standort der Sittenpolizisten in Echtzeit auf einer Karte einzutragen und abzurufen.

"Auch das geht vorbei!" sagt Pouria über die derzeitige Verhaftungswelle. "Normalerweise kommt man nach einiger Zeit in Haft wieder frei". Und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: "Und dann hat man wenigstens einen guten Grund für einen Asylantrag im Ausland".