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Nahost

Irakischer Ex-General: Korruption belastet Armee

Wie ist zu erklären, dass die irakische Armee immer mehr Gebiete kampflos der Terrorgruppe ISIS überlässt? Die DW hat dazu den ehemaligen irakischen General und Militärberater Ghasi Khuder Elias Aziza befragt.

DW: Herr Aziza, die irakische Armee galt immer als stark. Nun aber wird sie aus einem Ort nach dem anderen vertrieben, stattdessen

machen schiitische Milizen mobil

. Können Sie uns dieses Scheitern der irakischen Streitkräfte erklären?

Ghasi Khuder Elias Aziza: Der Hauptgrund ist meiner Meinung nach die Zusammensetzung der Armee seit 2004, also seit der damalige amerikanische Zivilverwalter Paul Bremer entschieden hat, die alte Armee aufzulösen. Seitdem wurden die Streitkräfte, ebenso wie die Sicherheitskräfte des Innenministeriums, nur noch nach konfessionalistischen, sektiererischen Kriterien zusammengestellt.

Die ehemaligen Offiziere, die beispielsweise am Krieg gegen den Iran teilgenommen hatten, wurden marginalisiert. Man entledigte sich alter Kompetenzen und kürzte ihnen sogar die Gehälter. Die Rechte dieser Offiziere wurden nicht respektiert. Einige wurden sogar ermordet, andere gefangengenommen, wiederum andere sind ins Exil gegangen. Die alte irakische Armee hatte noch eine nationale Basis. Die jetzige basiert leider nur noch auf materiellen und konfessionalistischen Kriterien.

Könnten Sie uns die derzeitige irakische Armee beschreiben, was Zahlen, Ausrüstung und Finanzierung angeht?

Das kann man nur schätzen. Eigentlich müsste die finanzielle Lage der Armee heute mindestens zehnmal besser sein als die der alten Armee während des Krieges gegen den Iran, der immerhin acht Jahre gedauert hat. Auch die Ausrüstung müsste eigentlich um einiges besser sein. Ein großes Problem ist jedoch die Korruption. Der tatsächliche Wert dieser Ausrüstung ist nämlich in vielen Fällen höchstens ein Viertel dessen wert, was offiziell angegeben wird. Die anderen drei Viertel versacken in der Korruption. Die Gelder werden einfach unter den regierenden Parteien aufgeteilt.

Wie funktioniert das genau?

Der ehemealige irakische General Ghasi Khuder Elias Aziza im Gespräch (Foto: Ghasi Khuder Elias Aziza)

Ex-General Aziza (rechts im Bild) meint, dass die irakische Armee seit 2004 falsch zusammengestellt wurde

Jedes Waffengeschäft wird an eine der Regierungsparteien übertragen. Ich habe das selbst mehrfach gesehen und miterlebt. Diese Deals finden in der grünen Zone in Bagdad statt. Ein Kauf von Kanonen oder irgendeines anderen Waffentyps soll dann offiziell beispielsweise 100 Millionen Dollar kosten, der tatsächliche Kaufpreis beträgt aber nur 25 Millionen. Diese Art von faulen Deals gibt es auch im Zivilbereich.

Was die Zahlen betrifft: Die irakische Armee umfasst etwa 1,3 Millionen Soldaten. Zum Vergleich: Zu Beginn des Krieges gegen den Iran waren wir nur etwa 500.000 Soldaten - plus etwa 72.000 Mann bei den Polizeikräften. Ich selbst war damals Berater im Innenministerium. Und ich kann nur wiederholen: Der große Unterschied ist, dass die Streit- und Sicherheitskräfte damals eine nationale Basis hatten. Alle waren in der Armee vertreten - Araber, Kurden und Turkmenen, Muslime und Christen, Sunniten und Schiiten. Heute gibt es Privilegien nur für die Schiiten, die anderen Volksgruppen wurden marginalisiert. Sie stehen ständig unter Beobachtung und haben keine Entscheidungsgewalt.

Und diese Armee mit mehr als einer Millionen Soldaten ist nun auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen...

Richtig. Aber diese Freiwilligen erinnern mich fatal an die sogenannte Al-Quds-Armee, die nach der amerikanischen Invasion im Irak 2003 von Saddams alter Baath-Partei gebildet wurde. Diese sogenannte Armee hatte sogar mehr als zwei Millionen Freiwillige. Doch sie alle gaben ihre Waffen ab und retteten sich lieber selbst - keiner von ihnen hatte jemals ernsthaft gegen die US-Armee gekämpft. Das wiederholt sich heute unter anderen Vorzeichen.

Die Leute melden sich als Freiwillige aufgrund ihres konfessionalistischen Enthusiasmus oder um die heiligen Ort der Schiiten zu verteidigen. Ich glaube im Übrigen auch gar nicht, dass ISIS wirklich die Hauptkraft bei den derzeitigen Angriffen ist. Es gibt andere bewaffnete Gruppen, darunter auch ehemalige Offiziere der alten Armee, die ausgegrenzt worden sind. Ihnen geht es nicht so sehr darum, einzelne Städte zu erobern. Sie wollen das gesamte Regime zum Ende bringen.

Der frühere irakische General Ghasi Khuder Elias Aziza war von 1986 bis 2006 Militärberater des Innenministeriums in Bagdad. Er gehört der christlichen Minderheit an und lebt seit 2006 in Deutschland.

Das Gespräch führte Hassan Znined.

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