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Nahost

Irak und kein Ende der Gewalt?

Die Massenentführung im Irak zeigt, dass sich die USA nicht vorschnell aus dem geschundenen Land zurückziehen können. Auch Iraks Nachbarn müssen helfen, einen Weg aus dem Chaos zu finden, meint Peter Philipp.

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Es war den Strategen in Washington sicher nicht verborgen geblieben, dass Planspiele jeder Art über die Möglichkeiten eines amerikanischen Rückzuges aus dem Irak Makulatur bleiben müssen, solange es im Zweistromland keine Sicherheit gibt und die Lage sich im Gegenteil von Tag zu Tag verschlechtert. Tage mit Dutzenden von Toten sind in letzter Zeit keine Seltenheit mehr und der jüngste Vorfall zeigt, dass es dabei offenbar keine „rote Linie“ oder Grenze gibt: Die Entführung von über 100 Männern aus dem Ministerium für Höhere Bildung ist nur der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung, die man anderenorts schon längst als Bürgerkrieg klassifizieren würde. Aber solch ein Ausdruck löst weiterhin tiefe Verärgerung bei irakischen Offiziellen aus.

Neues Ziel der Gewalt: Iraker anstatt US-Truppen

Obwohl eben diese entweder nicht in der Lage sind, die Spirale der Gewalt zu bremsen, obwohl sie ihr tatenlos zuschauen oder obwohl sie sogar selbst daran beteiligt sind. Die Gewalttaten im Irak sind nur noch zu einem kleinen Teil gegen Truppen der US-„Koalition“ gerichtet, sondern sie zielen auf andere Iraker ab: Sunniten gegen Schiiten, Schiiten gegen Sunniten, beide gegen Kurden. Die Variationsmöglichkeiten sind mannigfaltig. Wie auch die Motive: Da werden alte Rechnungen beglichen, da versucht man sich für den Verlust der Macht zu rächen oder aber missbraucht die neu gewonnene Macht. Oder es geht ganz einfach um Geld: Entführungen bringen Geld.

Die Amerikaner dürfen sich nicht davonstehlen

Die Geschichte des Irak hat immer wieder solche Phasen der Gewalt erlebt. Auch ohne amerikanische Besatzung. So wäre es denn falsch, den USA jede Verantwortung dafür zu geben. Aber Washington kann sich seiner Verantwortung trotzdem nicht entziehen. Es dachte wohl, die Übertragung der Souveränität auf eine irakische Regierung im Juni 2004 würde es von der Bürde befreien, die eine Besatzungsmacht nach dem Völkerrecht für die Aufrechterhaltung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit trägt.

Falsch gedacht: Solange die irakische Regierung diese Aufgaben nicht übernehmen kann und solange US-Truppen im Irak stehen, ist Washington letztlich auch verantwortlich für die Sicherheitslage dort. Was natürlich jede Planung eines geordneten Rückzugs nur noch weiter erschwert: Ganz abgesehen davon, dass Washington sich nicht als Verlierer zurückziehen will wie einst aus Vietnam – es will und darf die Iraker auch nicht von heute auf morgen sich selbst überlassen. Was dann droht, dürfte ein Vielfaches dessen sein, was wir heute tagtäglich erleben.

Iraks Nachbarstatten in der Verantwortung

Deswegen entbehrt es zwar nicht einer gewissen Ironie, ist aber folgerichtig gedacht, dass am besten die helfen können, die als Nachbarn selbst ein Interesse daran haben, dass der Irak nicht völlig explodiert: Der Iran, Syrien, dann aber auch die Türkei, Jordanien, Kuwait und Saudi-Arabien. Sie alle sollten sich mit Vertretern der irakischen Regierung – und trotz aller Differenzen auch den Amerikanern – treffen und nach Auswegen suchen. Auch dann wird es keine rasche Lösung geben, aber doch wenigstens ein Quäntchen Hoffnung. Und weiter gedacht: Verantwortungsvolles Handeln dieser Staaten im Fall Irak wird auch Vertrauen aufbauen, dass auch andere Probleme mit ihnen gelöst werden können.

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