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Politik

Irak: Krieg mit allen Mitteln

Mit Weißem Phosphor hat die US-Armee im Irak nicht zum ersten Mal Waffen eingesetzt, die als besonders grausam gelten. Doch die meisten Opfer in der Zivilbevölkerung dürften so genannte Präzisionswaffen gefordert haben.

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Marines beim Einsatz in Falludscha (2004)

Irak: Bombardierung von Falludscha mit Galeriebild

Bombadierung von Falludscha

Bedauern klingt anders. "Die kombinierten Effekte von Feuer und Rauch - und manchmal der Schrecken durch die Explosion - treibt sie aus den Löchern, sodass man sie mit Sprengmitteln töten kann", erklärte der Pentagon-Sprecher Barry Venable dem britischen Sender BBC. Zunächst hatten die USA noch bestritten, beim Einsatz in der Rebellenhochburg Falludscha im Jahr 2004 Weißen Phosphor als Waffe eingesetzt zu haben, denn die Wirkung des Stoffes ist verheerend: Kommt er mit Sauerstoff in Kontakt, entsteht eine Stichflamme, die Menschen Brandwunden zufügen kann, die bis auf die Knochen gehen. Eine Konvention, die den Einsatz der hochgiftigen Substanz als Brandwaffe verbietet, haben die USA nie unterzeichnet.

"Unabhängig von den legalen Fragen ist der Einsatz dieser Waffe im Rahmen der Aufstandsbekämpfung unangemessen und kontraproduktiv", sagt Tim Garden, Militärexperte vom Königlichen Institut für Außenpolitik in London. Denn ihre Verwendung treffe Kämpfer und Zivilisten gleichermaßen - und treibe den Aufständischen damit neue Rekruten zu. Dies sei jedoch symptomatisch für den Angriff auf Falludscha, der 2004 die meisten der 300.000 Bewohner vertrieb und einen Großteil der Stadt im Westen Bagdads zerstörte. "Anstatt gründlich nach Aufständischen zu suchen, hat die Armee unterschiedslos ganze Häuser bombardiert und mit Artillerie beschossen", sagt Lord Garden.

Kollateralschäden

Sunniten Kämpfer in Falludscha mit Galeriebild

Aufständische in Falludscha

Anscheinend wollten die US-Streitkräfte damit eigene Verluste vermeiden. Beim Häuserkampf stürben historischen Berechnungen zufolge 13 bis 20 Prozent der eingesetzten Soldaten, erklärt Christian Mölling vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. In der ersten Phase des Irakkrieges habe sich die US-Armee jedoch bemüht, die Zahl der zivilen Opfer gering zu halten: "Die Amerikaner haben zum Beispiel versucht, Stadtzentren zu umgehen."

"Eine der schnellsten und humansten Militäraktionen der Geschichte" sei der Krieg gewesen, erklärte US-Präsident George W. Bush, nachdem er die Kampfhandlungen 2003 für beendet erklärt hatte. Während der Invasion wurden mehr Präzisionswaffen denn je eingesetzt. Während der Golfkrieg von 1991 im Fernsehen, auch aufgrund der restriktiven Medienpolitik, als präziser High-Tech-Krieg erschien, waren tatsächlich weniger als zehn Prozent der eingesetzten Waffen "intelligent". Im Afghanistan-Krieg überstieg ihr Anteil erstmals 60 Prozent und während der Invasion des Irak waren rund 20.000 der knapp 30.000 abgeworfenen Bomben Präzisionswaffen. "Das Ziel ist es, Krieg führbar zu machen, indem die Kollateralschäden reduziert werden - denn ein Argument gegen den Krieg waren immer die Opfer in der Zivilbevölkerung", sagt Mölling

Präzisionswaffen in zivilen Gebieten

Kind Kriegsopfer in Irak

Ein Kind nach einem Luftangriff auf ein Dorf im April 2003

Ob sich diese durch die moderne Waffentechnik verhindern lassen, scheint indessen zweifelhaft. "Die Präzision verleitet dazu, dass man die Waffen auch in zivilen Territorien einsetzt", sagt Mölling. Die gängige Definition eines Kollateralschadens - unerwünschte Opfer und Zerstörungen abseits des militärischen Ziels - greife außerdem zu kurz. Denn die Folgewirkungen würden oft den unmittelbaren Schaden weit übertreffen - etwa, wenn die Zerstörung der Wasserversorgung zum Ausbruch von Krankheiten führe, oder wenn die Todesrate steige, weil Verletzte wegen zerbombter Straßen und zusammengebrochener Stromversorgung nicht mehr in Krankenhäusern versorgt werden könnten.

Während sich dies kaum messen lässt, sorgte in der ersten Phase des Krieges der Einsatz von Streubomben für internationale Kritik. Zwar sind Clusterbomben, die Teppiche von bis zu 1000 kleineren Sprengladungen streuen, nicht verboten, doch machen sich unter anderem die Vereinten Nationen gegen ihren Einsatz stark. Denn ein Teil der Minibomben explodiert nicht unmittelbar und stellt insbesondere für Kinder eine jahrelange Gefahr dar.

Desert Storm

Blick durch die Zielkamera eines Jagdbombers im Golfkrieg von 1991

"Im Irakkrieg haben aber Präzisionsbomben mehr Menschen getötet als alle anderen Bomben", sagt John Slobodo von dem britischen Projekt "Iraq Body Count" (IBC), das seit Kriegsbeginn Berichte auswertet, um die zivilen Opfer zu zählen. Eine Hochrechnung, die im Oktober 2004 in der renommierten britischen Wissenschaftszeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde und zahlreiche Kritiker auf den Plan rief, ging von rund 100.000 Toten durch den Irakkrieg aus. Die Zahlen von IBC, die nur nachgewiesene Vorfälle umfassen, sind deutlich geringer: Die Zählung der Gruppe ergab bislang, dass seit Beginn der Invasion zwischen 27.000 und 30.400 Zivilisten getötet wurden. Zwei Drittel der Opfer starben, nachdem US-Präsident George W. Bush im Mai 2003 das Ende der Kampfhandlungen erklärt hatte.

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