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Nahost

Irak - Kinderarbeit statt Schulbesuch

Die Zahl der Analphabeten im Irak nimmt stetig zu. Vor allem viele Kinder können weder lesen noch schreiben. Denn statt zur Schule zu gehen, müssen sie Geld für die Familie verdienen.

Kinder im Irak(Foto:AP)

Für den Schulbesuch reicht oft das Geld nicht aus

Die Temperatur liegt bei 50 Grad, der Lärm ist unerträglich, die Luft stickig und es stinkt nach Abgasen. So sind die Straßen von Bagdad. Und das ist der Alltag des 14-jährigen Udei, der von einer Ampel zur nächsten läuft und versucht, Autofahrern und Fußgängern kleine Päckchen mit Taschentüchern zu verkaufen. Ob er lesen oder schreiben könne, wird Udei gefragt. "Nein", lautet seine Antwort, denn Udei hat noch nie eine Schule besucht. Dafür reiche weder das Geld der Familie, noch habe er Zeit für die Schule, sagt der 14-Jährige, der noch bis zur Abenddämmerung Taschentücher verkaufen muss. Auf seinem mageren Gesicht hat sich schon eine gelb-schwarze Kruste aus Schweiß und Straßenstaub gebildet. "Wir sind fünf Kinder. Wenn ich in die Schule gehe, wer soll meine Familie versorgen?", fragt Udei. Eine Antwort darauf erwartet er nicht. Seit er denken kann, verkauft Udei, dessen Vater schon früh gestorben ist, Taschentücher in den Straßen Bagdads. Sein Tageseinkommen liegt bei umgerechnet etwa sieben Euro.

Der Kampf ums Überleben

Kinder arbeiten im Irak (Foto:AP)

Viele Kinder im Irak müssen arbeiten, damit sie und ihre Familien überleben können

Genau wie Udei schlagen sich tausende irakischer Kinder durch das Chaos der Hauptstadt. Mit Betteln, Müllsammeln oder dem Verkauf von kleinen Waren versuchen die Kinder ein bisschen Geld zu verdienen, damit sie und ihre Familien überleben können. Viele der Kinder hat der Krieg zu Waisen gemacht, andere stammen aus bitterarmen Verhältnissen. Doch eins haben sie gemeinsam: sie alle können weder lesen noch schreiben. Eine Katastrophe für die Zukunft des Landes, sagt der Abgeordnete Abdul-Karim Al-Samrai: "Viele unabhängige Studien und Statistiken zeigen, dass die Anzahl der Analphabeten seit 2003 rapide gestiegen ist. Diese Statistiken sind sehr deprimierend."

Keine Sicherheit und keine Schulen

Mädchen in der Schule im Irak (Foto:AP)

Vor allem Mädchen dürfen selten zur Schule gehen

Deprimierend ist auch der Zustand des Schulsystems, sagt der Abgeordnete. In vielen Teilen des Landes gibt es nicht einmal Schulen, und wenn doch, dann sind sie meist baufällig. Das ist aber nicht das einzige Problem. Seit der amerikanischen Invasion 2003 hat sich die Sicherheitslage im Irak drastisch verschlechtert. Viele Familien trauen sich nicht, ihre Kinder in die Schulen zu schicken. Betroffen sind dabei vor allem Mädchen. Khadija ist Mutter von vier Töchtern und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Räucherstäbchen. Die 55-Jährige Witwe bedauert sehr, dass ihre ältere Tochter die Schule unterbrechen musste. "Die Zeiten sind schlimm geworden. Man kann als junge Frau nicht alleine durch die Straßen laufen. Meine Töchter bleiben zu Hause, bis sie heiraten." Doch die schlechte Sicherheitslage ist nicht nur für die Bevölkerung ein großes Problem, auch auf das Schulsystem hat das gravierende Auswirkungen. Während des Embargos haben internationale Organisationen wie UNICEF und UNESCO den Bau und die Sanierung von Schulen, vor allem in ländlichen Gebieten, stark unterstützt. Seit 2003 bleiben diese Leistungen aus. Laut Einschätzungen der UNESCO werden mehr als 60 Prozent der irakischen Kinder nicht eingeschult.

Hilfe von der Regierung?

Zerstörtes Schulegebäude im Irak (Foto:AP)

Viele Schulen im Irak wurden während des Krieges zerstört

Dabei war das Land lange Zeit ein Vorbild für die ganze Region. Die allgemeine Schulpflicht hatte Familien davon abgehalten, ihre Kinder arbeiten zu lassen. Heute ist der massive Anstieg der Zahl der Kinder, die nicht lesen und schreiben können, auch in der Politik ein großes Thema. Der Abgeordnete Hanine Kadou von der schiitischen Partei von Ministerpräsident Al-Maliki ist davon überzeugt, dass nicht nur die Schulbehörden für die zunehmende Analphabetisierung der Bevölkerung, vor allem der Kinder, verantwortlich seien, sondern auch die Ministerien. "Auch andere Ministerien müssten etwas beitragen, dass Kinder den Weg in die Schule finden. Freie Mahlzeiten an Schulen und Sozialleistungen, die an arme Familien oder im Falle eines Einkommensausfalls erbracht werden, könnten auch ein Weg der Verbesserung der Lage sein." Nur so, würden die Kinder nicht als Einkommensquelle der Familie angesehen, sondern hätten eine Chance auf eine bessere Zukunft, sagt Hanine Kadou. Dass das Problem des Analphabetismus in der Zukunft auch gravierende soziale Auswirkungen, wie einen Anstieg von Kriminalität haben kann, hat also auch die Politik erkannt.

Doch Udei kümmert das wenig. Er ist zu sehr damit beschäftigt, seine Taschentücher loszuwerden, denn er hat gegenüber seiner Familie eine Pflicht zu erfüllen. Mit seinen sieben Euro Einnahmen pro Tag zahle er die Miete des Zimmers, das seine Familie in einem Haus in dem Armenviertel Battawyn angemietet hat, sagt Udei. Seine anderen Brüder sorgen für den Haushalt. Genau wie er verkaufen auch sie Tag für Tag Taschentücher auf den Straßen Bagdads.

Autor: Khalid El Kaoutit/Ethar Ibrahim

Redaktion: Michaela Paul

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