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Sport

IOC vor historischer Entscheidung

Das IOC lässt sich mit einer Entscheidung über einen Komplett-Ausschluss Russlands von den Olympischen Spielen mindestens bis Sonntag Zeit. Rundherum brodelt es. Präsident Thomas Bach und Co. stehen enorm unter Druck.

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Kollektivstrafe für Russland?

Der erste Olympia-Ausschluss eines Landes wegen Staatsdopings steht im Raum, der Druck von allen Seiten ist gewaltig und die Uhr tickt gnadenlos. Nach dem Aus von Russlands Leichtathleten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro müssen das IOC und Präsident Thomas Bach (Artikelbild) eine historische Entscheidung treffen. Alternativen gibt es viele: die komplette Verbannung oder ein Ausschluss mit Schlupflöchern. Auch ein Start unter Olympischer Flagge oder der russischen Trikolore ist denkbar. Die Eröffnungsfeier im legendären Maracana-Stadion steigt schon in zwei Wochen.

Da mutet es seltsam an, dass die mächtige IOC-Exekutive nach der Bestätigung des Ausschlusses der Leichtathleten durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS zwei volle Tage ins Land ziehen lässt. Erst am Sonntag schalten sich die elf Herren und vier Damen wieder in einer Telefonkonferenz zusammen. Zuvor wird wohl Hinterzimmer-Diplomatie betrieben. Wann die Entscheidung verkündet wird, ist unklar, die IOC-"Regierung" hat sich selbst eine Frist bis Dienstag gesetzt.

Erneut erschreckende Zahlen

Und mitten hinein in die entsprechenden Überlegungen ging das IOC am Freitag mit neuen erschreckenden Zahlen an die Öffentlichkeit. In der zweiten Welle der Nachuntersuchungen von Proben der Sommerspiele 2008 in Peking und 2012 in London wurden weitere 45 Sportler überführt. Unter diesen befinden sich 23 Medaillengewinner von Peking und acht von London.

In der ersten Welle im Mai hatte es bereits 53 positive Fälle (30 Peking, 23 London) gegeben, 22 (14/8) davon stammten damals von russischen Sportlern. Ein ähnliches Verhältnis dürfte es nun wohl auch wieder geben. Sollte dem wirklich so sein, könnte dies die Entscheidung noch stärker in eine Richtung drängen.

Meinungen und Forderungen

NADA-Vorstand Lars Mortsiefer im Porträt (Foto: Marius Becker/dpa)

NADA-Vorstand Lars Mortsiefer: "Ausnahmen zulassen"

Schon jetzt läuft alles auf eine Komplett-Sperre oder eine mit Schlupflöchern hinaus. Pikanterweise werden selbst aus den Reihen der Anti-Doping-Jäger mittlerweile beide Forderungen an Bach herangetragen. Während die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA eine Sperre ohne Wenn und Aber will, verlangen 14 nationale Agenturen, darunter die deutsche NADA, in einem Brief an den IOC-Chef einen kompletten Bann mit Ausnahmegenehmigungen. "Aber die Hürden müssen hoch sein", sagte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer dem SID.

Es könne nur in die Richtung gehen, die auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF eingeschlagen habe, ergänzte Mortsiefer. Sportler, die zuletzt "auch nur annähernd" mit dem russischen Kontrollsystem in Berührung gekommen seien, "dürfen keine Chancen mehr bekommen". So sieht es wohl auch das Internationale Paralympische Kommitee (IPC), das am Freitag ein Ausschlussverfahren gegen den russischen Nationalverband eröffnete. Damit droht Russlands Behindertensportlern das Aus für die Paralympics in Rio (7. bis 18. September).

Hoffnung und Aktionismus

Der CAS hatte am Donnerstag den Einspruch von 68 russischen Leichtathleten gegen die Aussperrung durch den Weltverband IAAF abgewiesen. Nach jetzigem Stand darf nur Weitspringerin Darja Klischina, die seit langem in den USA lebt und trainiert, in Rio starten. Der Kreml hofft nun, dass das IOC alle seine "sauberen" Sportler in Rio starten lässt. Diese Hoffnung drückte Wladimir Putins Sprecher Dmitri Peskow am Freitag aus: "Wir glauben, dass Sportler, die nicht des Dopings überführt wurden und auch nicht des Dopings verdächtigt werden, das Recht haben sollten, an den Olympischen Spielen teilzunehmen."

Putin selbst gab die Gründung eines Anti-Doping-Ausschusses bis zum 28. Juli bekannt. Der Ausschuss soll vom langjährigen IOC-Mitglied Witali Smirnow geleitet werden. Einzelheiten zu dem Ausschuss wurden zunächst nicht bekannt. Unterstützung erhielt Russlands Staatsoberhaupt unter anderem von Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow, der sich in einem Brief an Bach wandte. "Das Prinzip der Kollektivstrafe ist für mich inakzeptabel", heißt es in dem Schreiben des früheren Staatspräsidenten der Sowjetunion.

Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) spricht am 21.12.2004 mit einem seinem Vorgänger Michail Gorbatschow, (l.) (Foto: picture-alliance/AP Photo/H. Proepper)

Gemeinsame Interessen: Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) und Vorgänger Michail Gorbatschow (Archivbild)

Warnungen und Befürchtungen

Die NADAs aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Schweiz, Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden, Spanien, Japan, Neuseeland, Ägypten, Kanada und den USA fordern im Fall von zugelassenen Russen einen Start unter neutraler Flagge. "Das hat etwas mit Haltung zu tun. Schließlich haben wir es hier mit Staatsdoping zu tun", sagte Mortsiefer. Vor einem Monat hatte Bach nach dem "Olympic Summit" die IAAF in der Flaggen-Frage noch ausgebremst.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann warnt das IOC unterdessen bei seiner Entscheidung vor rechtlichen Fallen und mahnt sorgfältige Vorarbeit an. "Wenn man sich mit den juristischen Hintergründen beschäftigt, ist vieles nicht so einfach, wie es nach außen scheint", sagte Hörmann im Bayerischen Rundfunk. Denn "ganz am Ende" würden auch die russischen Athletinnen und Athleten und Verbände, die betroffen seien, "nochmals vor Gericht ziehen". Und vor einem zivilen Gericht könnte es im Zweifel selbst für das Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen IOC schmerzhaft teuer werden.

ck/jj (sid)

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