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Wirtschaft

Investoren erwarten zweiten Schuldenschnitt

Nach dem Schuldenschnitt für Griechenland bleiben Anleger skeptisch. Viele rechnen mit einem weiteren "Haircut". Die Kosten würden dann die Steuerzahler in der Euro-Zone tragen - auch in Deutschland.

Anfang März einigte sich Griechenland mit privaten Investoren auf einen Schuldenschnitt. Die Verhandlungen hatten sich über Monate hingezogen. Einer, der in Athen mit am Tisch saß, ist der US-Amerikaner Hans Humes. "Man kann sich das so vorstellen, als ob sich eine Familie am Essenstisch verkracht ", beschreibt Humes die Stimmung. "Na ja, vielleicht ist es nicht ganz so schlimm. Es geht ein wenig förmlicher zu."

Hans Humes ist Präsident der New Yorker Fondsgesellschaft Greylock Capital, die auf Schwellenländer spezialisiert ist. Für ihn stand viel auf dem Spiel, jeder zehnte Dollar des Portfolios steckt in griechischen Staatsanleihen. Humes hat in den letzten 20 Jahren schon viele Umschuldungen begleitet, in Mexiko, Argentinien und Ecuador ebenso wie in Jugoslawien, Russland und den Philippinen.

Die Problematik ähnelt sich, sagt er: "Wenn ein Land seine Schulden nicht mehr tragen und auch nirgendwo neues Geld auftreiben kann, dann hat man als Investor gar keine andere Möglichkeit, als nach einer Lösung zu suchen." Für ihn als Investor sei es "völlig irrational", die Verhandlungen abzubrechen und auf die volle Rückzahlung der Schulden zu bestehen. "Denn die Alternative ist, dass deren Wirtschaft zusammenbricht und sie uns 20 Jahre lang überhaupt kein Geld zahlen können."

Verluste nach dem Schuldenschnitt

Die in Athen erreichte Lösung bedeutet für Greylock Capital große Verluste. "Das gehört zu den Dingen, die ich am liebster vermieden hätte: mich mit dem Taschenrechner hinzusetzen und mir das ganze Ausmaß des Schadens einzugestehen", lacht Humes. Aber natürlich hat er sich hingesetzt. Mehr als 70 Cents für jeden Dollar wird er abschreiben müssen, sagt er am Rande einer Konferenz zu Staatsanleihen, die von der Finanznachrichtenagentur Bloomberg in Frankfurt organisiert wurde.

Pimco dagegen hat sich rechtzeitig von griechischen Staatsanleihen getrennt. "Wir sind Anfang 2010 ausgestiegen", sagt Andrew Bosomworth, Leiter des Portfoliomanagements bei Pimco Deutschland. Die Kapitalanlagegesellschaft mit Sitz in Kalifornien gehört mehrheitlich zum Münchner Allianz-Konzern und ist mit einem Anlagevermögen von rund 1000 Milliarden US-Dollar einer der weltgrößten Investoren im Segment Anleihen.

Zweiter Schuldenschnitt wird kommen

Bosomworth glaubt nicht, dass die Probleme Griechenlands mit dem Schuldenschnitt gelöst sind, im Gegenteil: "Wir rechnen damit, dass es bei Griechenland zu einer zweiten Umschuldung kommt. Deswegen halten wir uns von griechischen Staatsanleihen fern", so Bosomworth gegenüber DW. Bis zur nächsten Umschuldung könnten allerdings noch Jahre vergehen, weil in näherer Zukunft keine Rückzahlungen fällig seien. Auch Hans Humes von Greylock Capital rechnet mit einer weiteren Umschuldung, und zwar innerhalb der nächsten drei Jahre.

Sollte es wirklich zu einer weiteren Umschuldung kommen, wären vor allem staatliche Investoren betroffen, so Andrew Bosomworth von Pimco. "Die halten mittlerweile fast drei Viertel der gesamten Schulden Griechenlands. Von daher wird eine weitere Umschuldung Griechenlands wahrscheinlich weniger Konsequenzen für die Finanzmärkte haben als bisher angenommen."

Die Last trägt der Steuerzahler

Bei der ersten Umschuldung mussten nur private Anleger wie Banken, Versicherungen und Fonds Verluste hinnehmen. Beim nächsten Mal dagegen wären neben dem Internationalen Währungsfonds auch die Europäische Zentralbank und die Euro-Staaten betroffen - letztlich also die Steuerzahler. Eine zweite Umschuldung, sollte sie denn kommen, könnte dann in allen Euro-Ländern zum Wahlkampfthema werden.

In wirtschaftlich angeschlagenen Staaten wie Griechenland, Portugal, Italien und Spanien ist das längst der Fall. Hans Humes von Greylock Capital, der an Athen über den Schuldenschnitt verhandelte, sieht daher die Stabilität im Euroraum gefährdet. "Wenn die Jugendarbeitslosigkeit bei zehn, 15 oder 25 Prozent liegt, werden diese Leute für einen Wechsel stimmen. Und dann kommt es zu irrationalen politischen Entscheidungen."

Irrational wäre es etwa, wenn Griechenland die Eurozone verlassen würde, so Humes. "Die Krise dort würde dann viel schwerwiegender sein als in Argentinien oder anderen Ländern, die umschulden mussten."

Wenn Griechenland austritt

Trotzdem will Andrew Bosomworth von Pimco einen Austritt der Griechen nicht ausschließen. "Ich denke, dass die Wahrscheinlichkeit dafür sehr hoch ist." Doch nicht nur für Griechenland, auch für die anderen Länder brächte ein solcher Schritt zahlreiche Probleme. "Es besteht die Gefahr, dass wir dann einen Bank-Run in Portugal, in Irland oder in Spanien miterleben. In dem Moment muss die öffentliche Hand handeln, wir könnten dann also auch wieder Kapitalverkehrskontrollen in Europa sehen", so Bosomworth.

"Die große Sorge ist, dass mehr und mehr Leute in Europa sagen: Ohne den Euro hätten wir die Probleme nicht. Das stimmt zwar", sagt der kanadische Ökonom William White, der früher bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich tätig war und heute für die OECD die wirtschaftliche Entwicklung der Mitgliedsstaaten überwacht. "Daraus aber zu schließen, dass man die Probleme nicht mehr hätte, wenn man die Eurozone verlässt - das wäre falsch."

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