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Wirtschaft

"Investitionsbedarf in Asien ist enorm"

Erstmals findet eine Jahrestagung der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) in Deutschland statt. Die DW sprach mit dem deutschen Gouverneur der ADB, Hans-Joachim Fuchtel, über Arbeit und Ziele der Bank.

Die Asiatische Entwicklungsbank will zur Verringerung der Armut in der Asien-Pazifik-Region beitragen. Die Kreditvergabe richtet sich dabei nach den UN-Millenniumszielen. Was wurde denn bisher erreicht? Was bringt die Arbeit der ADB konkret den Menschen der asiatisch-pazifischen Region?

Damit Menschen der Armut aus eigener Kraft entkommen können, brauchen sie Zugang zu Strom, Wasser, Transport, Gesundheit und Bildung. Für diese Schlüsselsektoren stellt die ADB jedes Jahr Kredite in Höhe von rund 14 Milliarden US-Dollar zur Verfügung.

Die ADB knüpft die Kreditvergabe häufig an Auflagen, um die langfristige Finanzierbarkeit sicherzustellen. Ein Beispiel dafür ist die Einführung eines funktionsfähigen Gebührensystems für Stromabnehmer. Die Bilanz spricht für sich: Allein im Zeitraum 2010 bis 2014 wurden durch ADB-Kredite 2,5 Millionen Haushalte mit Strom versorgt und über 6,3 Millionen Haushalte mit sauberem Wasser.

Darüber hinaus wurden 76.000 Kilometer Straßen gebaut oder instand gesetzt. Von den besseren Transportwegen profitiert nicht nur die lokale Wirtschaft. Auch die Menschen vor Ort haben etwas davon: Sie können Schulen, Krankenhäuser und Arbeitsplätze leichter erreichen und damit neue Chancen nutzen.

Auch bei Naturkatastrophen hilft die ADB den Menschen in der Region schnell und unbürokratisch. Als das starke Erdbeben in Nepal letztes Jahr hunderttausende Menschen von einem auf den anderen Tag obdachlos machte, stellte die ADB drei Millionen US-Dollar für sofortige Hilfsmaßnahmen und weitere Kredite in Höhe von 240 Millionen US-Dollar zur Finanzierung des Wiederaufbaus zur Verfügung.

Es gibt doch sicher Bereiche, wo sie Verbesserungsbedarf sehen. Welche sind das?

Klar ist, dass die Bank noch eindeutiger auf die Finanzierung nachhaltiger Entwicklungsvorhaben setzen muss. Mit der Vorgabe, die Investitionen zur Bekämpfung des Klimawandels in den nächsten vier Jahren zu verdoppeln, hat die Bank bereits die Weichen auf Nachhaltigkeit gestellt. Ich sehe hier aber noch mehr Potenzial, gerade was die Einbindung privater Finanzierungen anbelangt.

Wir wissen, dass die öffentlichen Mittel bei weitem nicht ausreichen werden, um den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen. Hierzu muss die ADB den Privatsektor noch stärker mit ins Boot holen. Gebraucht werden vor allem innovative Finanzprodukte, die für private Investoren attraktiv sind. Die von der ADB erstmals aufgelegten "grünen Anleihen" sind ein Schritt in die richtige Richtung - wir brauchen noch viele weitere davon.

Gibt es überhaupt genug Projekte, die sich für eine Förderung eignen oder sind geeignete Projekte Mangelware?

Der Bedarf an Investitionen und Reformen ist weiterhin enorm, sowohl in den großen Schwellenländern als auch in den ärmeren Ländern Asiens. Gleichzeitig sind finanzierungsfähige Projekte ein großer Engpass. Denn viele Länder verfügen nicht über ausreichendes Knowhow und Ressourcen, um für komplexe Großprojekte, wie zum Beispiel den Bau einer U-Bahn, aufwändige technische Machbarkeitsstudien durchzuführen und belastbare Kosten-Nutzen-Analysen zu liefern. Die ADB, wie auch andere Entwicklungsbanken, helfen genau an dieser Stelle.

Die ADB feiert in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag. Aber die Konkurrenz wird größer. So haben die Chinesen die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) gegründet, an der Deutschland ebenfalls beteiligt ist. Ist überhaupt genug Platz für zwei asiatische Entwicklungsbanken?

Asien benötigt allein für seine Infrastruktur nach Schätzungen 800 Milliarden US-Dollar jährlich. Noch immer leben mehr als 1,6 Milliarden Menschen in Asien von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Wenn nun also die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank ihren Betrieb aufnimmt, kann das nur in unserem Interesse sein. Wir müssen allerdings sicherstellen, dass Umwelt- und Sozialstandards auch hier gelten. Dafür wird die Bundesregierung als Anteilseignerin sorgen.

Deutschland ist der größte europäische Anteilseigner der ADB. Welche Schwerpunkte in der Arbeit setzt Deutschland?

Die Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele und die Klimakonferenz in Paris geben eine klare Richtung vor: Wir müssen nicht nur Armut bekämpfen, sondern auch die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und diese nachhaltig nutzen. Gemeinsam mit der Bank haben wir eine Initiative für die schnell wachsenden Städte Asiens ins Leben gerufen. So können wir heute dafür sorgen, dass die Städte von morgen klimagerecht wachsen: guter öffentlicher Nahverkehr, energiesparende Stadtbeleuchtung, erdbebensichere Häuser, um nur einige Beispiele zu nennen.

Als deutscher Gouverneur setze ich mich besonders dafür ein, dass die Bank mehr zur Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards in der Textilindustrie unternimmt. Tragödien wie in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch müssen in Zukunft vermieden werden. Auf meine Initiative hin hat die ADB in Bangladesch eine Kreditlinie geschaffen, die Textilunternehmern Umwelt- und sicherheitsrelevante Produktionsumstellungen ermöglicht.

In diesem Jahr ist erstmals Deutschland Gastgeber der Jahrestagung, die vom 2. bis 5. Mai in Frankfurt am Main stattfindet. Warum ist das wichtig?

Deutschland ist erstmals seit Gründung der ADB im Jahre 1967 Gastgeber einer Jahrestagung. Alle wesentlichen finanzpolitischen Entscheider aus Asien, Europa, USA und Kanada werden sich auf dem Frankfurter Messegelände treffen. Diese einmalige Chance wollen und müssen wir für einen neuen Entwicklungs-Push nutzen. Wir werden eine strategische Partnerschaft mit der ADB im Klimabereich auf den Weg bringen und bei der beruflichen Bildung stärker zusammenarbeiten.

Darüber hinaus werden wir mit Akteuren aus allen Bereichen - aus Finanzwelt, Wirtschaft und Zivilgesellschaft - über innovative Finanzprodukte diskutieren, die dem tatsächlichen Bedarf angemessen sind. Inhaltlich werden wir den Fokus auf Klimawandel und Energie, nachhaltige Produktions- und Lieferketten, berufliche Bildung und eine nachhaltige Stadtentwicklung legen. Hier verfügt Deutschland über international anerkannte Expertise und kann zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen können. Wir geben Vertretern der gesamten Bandbreite der Wirtschaft - vom Startup über den Mittelstand bis zur Großindustrie und der Finanzwelt die Gelegenheit, sich mit asiatischen Partnern zu vernetzen.

Hans-Joachim Fuchtel ist Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB). Der 64-jährige CDU-Politiker ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Fuchtel sitzt als deutscher Vertreter im Board of Governors der ADB, der asiatischen Entwicklungsbank.

Das Gespräch führte Manuela Kasper-Claridge.