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Wissen & Umwelt

Inventur im Ozean abgeschlossen

Mehr als 20.000 bisher unbekannte Meereslebewesen haben Forscher bei der ersten großen Volkszählung in den Ozeanen entdeckt. Zwei Meeresbiologen aus Deutschland haben daran mitgearbeitet.

Tiefseekalmar vom Mittelatlantischen Rücken (Foto: IFM-GEOMAR/David Shale, Mar-Eco)

Tiefseekalmar vom Mittelatlantischen Rücken

Ganz naturnah, in Watthose, bei Wind und Regen und mit klammen Fingern ging Uwe Piatkowski seiner Arbeit in den vergangenen Jahren nach. Der Meeresbiologe vom Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften gehört zum internationalen Team des "Census of Marine Life" - einer Art Volkszählung im Meer, bei der die Forscher auf viele noch nicht bekannte Arten gestoßen sind.

Viel mehr Leben im Meer

Rund 20.000 neue Lebewesen haben sie entdeckt. Beispielsweise auch sie: die Warzenkrake Adelieledone piatkowski. Über den Tintenfisch mit der scharfen Schnabelspitze und der überdurchschnittlich großen Speicheldrüse stolperten Piatkowski und sein Team erst 2002. An Bord ihres Forschungsschiffes seien meist etwa 30 Fachleute aus verschiedenen Ländern gewesen, zum Teil regelrechte Koryphäen auf ihren Gebieten, erzählt der Kieler Meeresbiologe. "Wenn ein neuer Fang an Deck gebracht wurde, stürzte sich jeder auf seine Tiere. Zum Teil passierte das nachts, aber wir waren trotzdem jedes Mal wie elektrisiert." Dann ging es erst richtig an die Arbeit: Die Arten mussten sortiert, fotografiert und konserviert werden.

Die Tiefseequalle Atolla(Foto: IFM-GEOMAR/David Shale, Mar-Eco)

Die Tiefseequalle Atolla schlägt Feinde mit ihrer Bioluminiszenz in die Flucht

Insgesamt 15 neue Krakenarten gingen den Wissenschaftlern ins Netz. "Das allein klingt viel - aber es gibt uns nur einen kleinen Eindruck davon, welche Überraschungen die Ozeane noch für uns bereithalten", erklärt Piatkowski. Denn trotz der internationalen 470-Millionen-Euro-Studie gibt es für über ein Fünftel des Lebensraumes Meer immer noch keinerlei Erkenntnisse. Fast 250.000 bekannte Tierarten stehen nun fest, doch die Forscher rechnen ihre Ergebnisse auf bis zu eine Million hoch.

Die Studie habe eine ungeahnte Artenfülle zu Tage gefördert, lautet das Fazit der rund 2700 beteiligten Wissenschaftler. In zehn Jahren Forschungsarbeit haben sie in allen Lebensräumen Organismen entdeckt, selbst dort, wo es sehr wenig Sauerstoff und Licht gebe. "Am Ende des Zensus wissen wir, dass der größte Teil des Ozeans immer unentdeckt bleiben wird", sagte die Wissenschaftlerin Nancy Knowlton. Sie hat sich für die Studie mit Korallenriffen beschäftigt. Der Ozean sei einfach zu groß, "nach zehn Jahren harter Arbeit haben wir nur einen Schnappschuss dessen, was die See enthält", resümiert Knowlton.

Wichtige Trockenarbeit

Ganz anders als viele seiner Kollegen ging Rainer Froese, der zweite deutsche Meeresbiologe im internationalen Team, der Forschungsarbeit an Land nach. Er ordnete die Namen der gezählten Fischarten korrekt zu und sortierte nicht mehr gültige Bezeichnungen aus. Jahrelang durchforstete er dafür die Museen und Bibliotheken auf der ganzen Welt. Das Ergebnis: die globale Arten-Datenbank "FishBase". "Die Fische sind damit die erste große Gruppe, bei der wir Klarheit sehen", sagt Froese.

Der Kalmar Magnapinna (Foto: IFM-Geomar/Solvin Zankl)

Der Kalmar Magnapinna atlantica wurde 2006 erstmals beschrieben

Die Arbeit ist damit aber noch lange nicht abgeschlossen. "Wir hoffen, dass es weitergeht", sagt Uwe Piatkowski. "Vielleicht können wir bestimmte Regionen zukünftig ausführlicher unter die Lupe nehmen." Mit Hilfe von Satelliten und anderen technischen Hilfsmitteln konnten die Forscher auch die Wanderung von Arten rekonstruieren, beispielsweise hin zu schmelzenden Eismassen. Ein weiteres Ergebnis ist, dass viele Arten in mehr Regionen vorkommen als bisher gedacht. Wie die Tiere es schaffen, unter den verschiedensten Lebensbedingungen zurecht zu kommen, soll nun untersucht werden.

Die Daten aus der Inventur der Ozeane seien übrigens auch eine Grundlage um die Veränderungen in den Meeren festzuhalten, sei es durch den Klimawandel oder menschliche Einflüsse wie Ölkatastrophen.

Autor: Nicole Scherschun (afp, IFM-Geomar)
Redaktion: Judith Hartl

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